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Berlins Sekundarschulen : Diese Schulen wollen eigene Oberstufen aufmachen

Im Kampf um leistungsstärkere Schüler suchen immer mehr Schulen den direkten Weg zum Abitur. Es gibt aber auch Mahnungen.

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Viele Sekundarschulen versuchen jetzt, eigene Oberstufen zu eröffnen. Die Refik-Veseli-Schule in Kreuzberg ging schon 2016 voran.
Viele Sekundarschulen versuchen jetzt, eigene Oberstufen zu eröffnen. Die Refik-Veseli-Schule in Kreuzberg ging schon 2016 voran.Foto: Mike Wolff

Der Zug ist in Bewegung geraten – und führt weg von den berufsorientierten Oberstufenzentren: Bereits rund 30 Sekundarschulen haben bekannt gegeben, dass sie untereinander oder zusammen mit Gymnasien eigene Oberstufen begründen möchten. Dies geht aus einer Anfrage der Grünen hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. Zunächst sollten die Integrierten Sekundarschulen (ISS) nur mit beruflich profilierten Oberstufenzentren (OSZ) kooperieren. Doch 2015 wurde die Möglichkeit eingeräumt, andere Wege zu beschreiten. Denn die ISS ohne eigene Oberstufe können kaum leistungsstarke Schüler für sich gewinnen.

Auch Kooperationen mit Gymnasien sind in Vorbereitung

Neben einigen schon beschlossenen Kooperationen gibt es nun „Planungsgespräche“ von rund 20 Sekundarschulen, die die Möglichkeit gemeinsamer Oberstufen ausloten, darunter vier Spandauer ISS, die sich mit zwei Gymnasien zusammentun wollen. Diesen Typus gibt es bereits in einem Schulversuch zwischen dem Weddinger Lessing-Gymnasium und der ISS am Schillerpark, die jetzt eine elfte Klasse mit 25 Schülern eröffnet hat: Die Absolventen dürfen auf das Lessing-Gymnasium wechseln.

Einen anderen Weg hat die Gemeinschaftsschule Grüner Campus Malchow beschritten: Sie eröffnete im Sommer eine eigene Oberstufe und hatte dafür sogar über 100 Anmeldungen, davon rund 70 aus den eigenen Reihen, wie Schulleiter Tobias Barthl berichtet.

In weiteren drei Bezirken gibt es bereits BVV-Beschlüsse zugunsten zusätzlicher Oberstufen. Dies betrifft die Sophie-Brahe-Gemeinschaftsschule in Plänterwald, die sich mit der Röntgen-Schule zusammentut. Die Grünauer Gemeinschaftsschule will mit der ISS an der Dahme eine Oberstufe starten. Für 2017/18 genehmigt ist die Oberstufe der Kreuzberger Refik-Veseli-Schule. Sie soll in Kooperation mit der Emanuel-Lasker-Schule bis zum Abitur führen.

In Kreuzberg wollen sich Lina Morgenstern und Hector Peterson zusammentun

In besagten „Planungsgesprächen“ befinden sich die Neuköllner Hermann- von-Helmholtz- und Heinrich-Mann- Schule, die zusammen mit dem Campus Efeuweg mit der Oberstufe der Walter-Gropius-Schule kooperieren wollen. In Reinickendorf sind die Julius-Leber-, Albrecht-Haushofer-, Carl-Bosch- und Carl-Benz-Schule an einer Kooperation interessiert, und in Kreuzberg sind es die Lina-Morgenstern- und die Hector-Peterson-Schule. In Tempelhof-Schöneberg wollen sogar fünf Sekundarschulen gemeinsam zum Abitur führen.

"Dann bleibt weniger Zeit für die anderen Schüler"

„Je mehr Zeit die Sekundarschulen mit den Planungen für eigene Oberstufen verbringen, desto weniger Zeit bleibt für die Schüler, die nicht das Abitur anstreben“, befürchtet Ronald Rahmig vom Verband Berufliche Bildung in Berlin. „Unredlich“ nennt er es, dass „so getan wird, als wenn alle in eine Oberstufe übergehen wollten oder könnten“. Auch Stefanie Remlinger von den Grünen votiert dafür, mehr auf eine vertiefte Kooperation zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung zu setzen. Ein Abitur an einem OSZ habe den Vorteil, dass neben dem Abitur „auch die duale Ausbildung als Option ernsthaft in den Blick rückt“. Daher lobt sie den Schulversuch zwischen dem OSZ Elinor Ostrom und der Pankower Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule. „Rückwärts gewandt“ sei hingegen die Kooperation zwischen ISS und Gymnasium. Diesen Weg wollen das Robert-Koch-Gymnasium und die Albrecht-von-Graefe-ISS beschreiten. Diese Gespräche seien aber in einem „embryonalen Zustand“, so Gymnasialleiter Rainer Völkel.

Bald soll ein Leitfaden den Schulen helfen

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte die Entwicklung neuer Oberstufen angeregt, weil leistungsstarke Schüler ISS ohne eigene Oberstufen eher meiden. Daraufhin hatte der ehemalige Leiter der Sophie-Scholl-Schule, Klaus Brunswicker, Vorschläge entwickelt. Er resümierte am Montag, „dass inzwischen einiges in Bewegung geraten ist“, und kündigte einen „Leitfaden“ für die Umsetzung künftiger Kooperationen an.

Auch ohne Oberstufe erfolgreich

Es bleiben aber immer noch einige Dutzend Schulen, die an ihren Kooperationen mit den OSZ festhalten wollen und von denen nicht bekannt ist, dass sie andere Wege gehen wollen. Dazu gehört etwa die Alexander-Puschkin-Sekundarschule in Lichtenberg. Sie verkündet auf ihrer Homepage selbstbewusst, "warum es kein Problem ist, wenn die Sekundarschule keine gymnasiale Oberstufe hat" und begründet das mit der engen Anbindung an berufliche Schulen wie das angesehene OSZ Max Taut. Offenbar kommt diese Argumentation bei den Eltern an: Die Puschkin-Schule gehörte dieses Jahr zu den nachgefragtesten Sekundarschulen der Stadt.

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