Bildung in Berlin : Gute Chancen, schlechte Leistung

Berlins Schulsystem schneidet im Ländervergleich eher mäßig ab. Defizite gibt es bei der Lesekompetenz. Auch die Zahl der Schulabbrecher und Sitzenbleiber ist höher als im Bundesdurchschnitt.

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Bundesländer im Vergleich. Gemessen wurden vier Aspekte: I = Integrationskraft, D = Durchlässigkeit, K = Kompetenzförderung, Z = Zertifikatsvergabe.
Bundesländer im Vergleich. Gemessen wurden vier Aspekte: I = Integrationskraft, D = Durchlässigkeit, K = Kompetenzförderung, Z =...Foto: dapd, Grafik: Ulla Schily, Montage: Thomas Mika

Zumindest in einem Bereich ist Berlin spitze. In keinem anderen Bundesland haben Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern größere Chancen, aufs Gymnasium zu gehen. Dieses Ergebnis ist Teil des „Chancenspiegels“, den die Bertelsmannstiftung am Montag vorlegte. Da diese Studie allerdings nicht nur die Chancen, sondern auch die Leistungen von Schülerinnen und Schülern untersucht, schneidet Berlin im Bundesländer-Vergleich einmal mehr schlecht ab.

Wilfried Bos, Leiter des von der Bertelsmannstiftung beauftragten Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund, hat darauf verzichtet, ein klares Ranking der Bundesländer zu erstellen. Deutlich wird trotzdem, dass sich die Hauptstadt auch in dieser Bildungsstudie unter die schlechtesten Ländern einreiht: Mittelmäßig durchlässig und leistungsschwach. In den Kategorien Integrationskraft und Durchlässigkeit ist Berlin immerhin Mittelmaß. In Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe gehört Berlin aber zu den schlechtesten vier Bundesländern.

Das positive Ergebnis der durchlässigen Gymnasien wird durch eine andere Zahl konterkariert. Zwar ist die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, nur 1,7-mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten – und damit deutlich besser als im Bundesdurchschnitt (4,5). Allerdings ist es in Berlin auch knapp 14-mal so wahrscheinlich, in eine schwächere Schulform abzusteigen, als in eine bessere aufzusteigen. „Es heißt dann häufig: ,Wir haben die falschen Schüler’“, sagt Wilfried Bos. „Das ist eine pädagogische Bankrotterklärung.“ Auch die Zahl der Schüler, die eine Klasse wiederholen müssen, ist mit 3,9 Prozent in Berlin überdurchschnittlich hoch (2,9). Hier gehört Berlin ebenfalls zu den schlechtesten vier Ländern.

Nicht nur Berlin, auch die anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen schneiden nicht gut ab. „Wir dürfen es uns nicht erlauben, in den Metropolen so viele Menschen auszuschließen und Kinder zurückzulassen“, sagt Bos. Deswegen habe man bewusst auch nicht die unterschiedliche Sozialstruktur der Länder in die Studie hineingerechnet. So gibt es beispielsweise in Sachsen, das in der Studie am besten abschneidet, wenige Kinder mit Migrationshintergrund. Sachsen ist das einzige Bundesland, dem die Wissenschaftler ein annähernd chancengerechtes Schulsystem bescheinigen: Es ist recht durchlässig, gleichzeitig gehören sowohl die leistungsstärksten als auch die leistungsschwächsten Schülerinnen und Schüler zu den Besten ihrer Vergleichsgruppe. Die Ergebnisse zeigen: Es geht. Chancengerechtigkeit und Leistung schließen sich nicht aus.

In Berlin gibt es zumindest in Sachen Gerechtigkeit Anlass zu Hoffnung. Im Bereich Inklusion gehört die Hauptstadt schon jetzt zur Spitzengruppe. Nur 4,4 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und wurden im Schuljahr 2009/10 in Förderschulen unterrichtet, deutlich weniger als im Bundesdurchschnitt (5 Prozent). Auch beim Anteil der Ganztagsschüler ist Berlin vorne mit dabei: 45 Prozent aller Schüler besuchen eine Ganztagsschule, das sind fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt (26,9 Prozent). „Die Ganztagsschule und auch der Besuch einer Regel- statt einer Förderschule steigern die Bildungschancen“, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmannstiftung.

Den positiven Aspekten des Berliner Bildungssystems stehen allerdings die teilweise verheerenden Ergebnisse aus den Leistungstests gegenüber. Der Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss liegt mit 10,4 Prozent über dem Durchschnitt (7 Prozent). In der Lesekompetenz schneidet Berlin durchweg schlecht ab, vor allem die Bildungsnähe des Elternhauses ist ausschlaggebend für den Erfolg: Viertklässler aus bildungsnäheren Elternhäusern erreichen 70 Kompetenzpunkte mehr als Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern, 30 Punkte mehr als im Bundesdurchschnitt. Das entspricht einem Lernfortschritt von gut anderthalb Jahren.

Diese Ergebnisse sind allerdings weitgehend bekannt. Denn die Wissenschaftler haben dafür Daten aus den Pisa-Studien, zuletzt 2009 durchgeführt, und der Internationalen Grundschul-Leseuntersuchung (Iglu) von 2006 verwendet, ergänzt mit aktuellen Daten aus der amtlichen Statistik.

Ein Trend lässt sich aus den Zahlen deswegen nicht ableiten. Darauf wies auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hin. „Die Studie bestätigt in vielen Punkten den Weg, den Berlin mit der Schulstruktur und seinem zweigliedrigen Schulsystem eingeschlagen hat: Bei Chancengleichheit, Ganztagsbetreuung und integrativer Beschulung liegen wir im Bundesvergleich in der Spitzengruppe“, sagte Scheeres. Es müssten jedoch weitere Anstrengungen unternommen werden, die Lesekompetenz zu erhöhen und den Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss zu verringern. „Ich bin optimistisch, dass die Schulstrukturreform hier ihre entsprechende Wirkung zeigt.“

Ähnlich reagierte man in Brandenburg, das bei Kompetenzförderung und Integrationskraft hinten liegt, bei Durchlässigkeit jedoch zur Spitzengruppe gehört. Bildungsministerin Martina Münch (SPD) sagte: „Das unterstreicht das jahrelange Bemühen, kein Kind zurückzulassen.“

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