Bildung in Berlin : Schule mit Jugendlichen aus 70 Ländern will den Deutschen Schulpreis gewinnen

An der Charlottenburger Friedensburg-Schule lernen Jugendliche aus 70 Nationen. Die Schule setzt auf Vielfalt - auch bei den Angeboten. Als einzige Schule aus Berlin ist sie für den Schulpreis nominiert, der am Mittwoch vergeben wird.

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Festbesuch. Bildungsforscher Klaus Klemm, hier mit Schulleiter Paul Schuknecht (r.), würdigte die Erfolge der Schule.
Festbesuch. Bildungsforscher Klaus Klemm, hier mit Schulleiter Paul Schuknecht (r.), würdigte die Erfolge der Schule.Foto: Susanne Vieth-Entus

Mehr als 30 000 Schulen gibt es in Deutschland. Ziemlich mutig, eine der besten von ihnen sein zu wollen. Die Charlottenburger Friedensburg-Sekundarschule hat es gewagt und ist inzwischen schon ziemlich weit gekommen: Unter 110 Bewerbern für den Deutschen Schulpreis ist sie als einzige Berliner Schule unter den Top 15 gelandet und somit nominiert. Der Preis wird am heutigen Mittwoch vergeben. Also werden Direktor Paul Schuknecht und einige weitere Vertreter der Schule dabei sein, wenn die Bundeskanzlerin am Mittwoch die Sieger kürt. Noch ist nicht durchgesickert, wer das Rennen macht.

Dass die Schule so weit gekommen ist, hat mit zwei Schlüsselerlebnissen zu tun. Das eine spielte sich vor sechs Jahren ab. Da prügelten sich zwei Mädchen auf dem Hof. „Das Schlimmste dabei war, dass 200 Schüler drum herum standen und nicht einschritten“, erinnert sich Schuknecht. Das war der Ausgangspunkt für die Wende zum Besseren: „Wir haben eine systematische Gewaltprävention angefangen“. Nach und nach wurde die Schule umgebaut: Die Jahrgänge bekamen feste Etagen und Sozialpädagogen zugewiesen. „Die Schüler müssen wissen, wo sie hingehören.“ Außerdem wurde strenger durchgegriffen. „Disziplinarisch sind wir sehr klar“, sagt Schuknecht. „Ich zeige jede Gewalttat an.“

Das andere Schlüsselerlebnis war eher ein Schlüsselgedanke, der vor drei Jahren von Schuknecht Besitz ergriff. Seine Schule war auf einem guten Weg, aber er fragte sich: „Was läuft noch in den nächsten drei Jahren – bis zu meiner Pensionierung?“ Er fand, es wäre gut, ein konkretes Ziel anzusteuern. Das Ziel lautete: Wir wollen so gut werden, dass wir den Schulpreis gewinnen können.

Anfangs hat sein Kollegium ungläubig reagiert, um nicht zu sagen: ablehnend. Aber dann kam ein Prozess in Gang, an dessen Ende „eine überwältigende Mehrheit das wollte“, sagt Schuknecht.

Den Schulpreis kann man nur gewinnen, wenn man sich auf bestimmte Ziele fokussiert und wenn man seine eigenen Stärken kennt. „Was zeichnet uns aus?“, war deshalb die zentrale Frage.

Drei Jahre später kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Wir glauben, dass wir eine außergewöhnliche Vielfalt haben“, sagt Schuknecht. Diese Vielfalt liegt nicht nur in den 70 Nationen, die seine Schüler verkörpern, sondern vor allem in der großen Leistungsspreizung: Da gibt es die ganze Bandbreite von den Flüchtlingsklassen über die praxisorientierten Gruppen und die Spanisch-Europaschulklassen bis hin zu den Spitzenabiturienten, die hier in der Goethestraße zur Schule gehen.

Nur wenige verlassen die Schule ohne Abschluss

Das andere, worauf die Schule stolz ist, sind die Angebote zur Berufsorientierung. „Früher war das ein Restgebiet“, sagt Schuknecht. Heute geht es „um die Tauglichkeit für die Welt da draußen“. Dass das Konzept funktioniert, sieht man auch daran, dass von seinen rund 200 Schülern pro Jahrgang nur eine Handvoll die Schule ohne Abschluss verlässt. Im Berliner Schnitt sind es fast zehn Prozent

Solche Zahlen sind wichtig für die Schulpreisjury, aber auch die Atmosphäre zählt sowie die Gespräche mit Lehrern und Eltern und die Art und Weise, wie die Schule ihre Ziele verfolgt. „Die Schule lebt das inklusive Modell schon vor“, lobte der Juryvorsitzende Roman Rösch am Ende des zweitägigen Schulbesuchs im Februar. Auch die anderen Jurymitglieder äußerten sich sehr wohlwollend. Er habe „eine wirklich moderne Schule gesehen“, befand der Schweizer Bildungswissenschaftler Kurt Reusser von der Universität Zürich. Ihn beeindruckte vor allem, wie es die Lehrer schaffen, in dieser Großstadt, „wo die Musik spielt“, alle Schüler zusammenzuhalten und dieser Vielfalt einen überzeugenden Rahmen zu geben. Und was halten die Schüler von ihrer Schule? „Das ist die beste Schule, auf der ich je war“, sagt Moses Aulbach, der vorher auf zwei Gymnasien keine guten Erfahrungen gemacht hatte. Ja, er weiß noch, dass es früher Gewaltvorfälle gab. Aber das sei lange her. Inzwischen würden viele Familien auch die jüngeren Geschwister herschicken. „Ich hatte hier eine schöne Schulzeit“, sagt der 20-Jährige, der gerade Abitur macht. Und dass Angela Merkel hier mal auf Schulbesuch war, hat er auch nicht vergessen. Es könnte ein gutes Vorzeichen für die Preisverleihung am Mittwoch sein.

Überhaupt ist die Schule in diesen Tagen in Festtagsstimmung, ganz unabhängig von der Nominierung für den Deutschen Schulpreis. Denn am Freitag wurde das 40-jährige Schuljubiläum gefeiert: Im schönsten Sonnenschein hatten sich hunderte Eltern, Schüler und Lehrer versammelt, um den Geburtstag zu feiern – mit einer Modenschau und vielen Präsentationen ihrer Arbeit. So konnte man erfahren, dass die Schüler auch bei „Jugend forscht“ erfolgreich sind: Der 20-jährige Abiturient Teoman Reimann hat es dieses Jahr sogar bis in den Landesentscheid geschafft mit seiner Idee, Inline Skates mit auswechselbarer Schiene zum Rollen und Laufen zu bauen, um damit auch mal rasch in die U-Bahn steigen zu können.

Während der jugendliche Erfinder seine Idee erläuterte, würdigte drinnen in der Aula Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Arbeit der Schule, und der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm beschrieb den steinigen Weg Deutschlands hin zu Integrierten Schulen wie der Friedensburg-Schule.

Lesen Sie hier ein Porträt der Brandenburger Meusebach-Schule, die ebenfalls für den Schulpreis nominiert ist.

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