Bildung : Reform ohne Reife

Vorgezogene Einschulung, Turboabitur, Einführung der Gemeinschaftsschule, Losverfahren fürs Gymnasium: Experten vermissen eine Erfolgskontrolle für die vielen Änderungen des Berliner Bildungssystems. Der Druck auf die Schüler wird größer.

Sigrid Kneist/Susanne Vieth-Entus
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Schneller ins Ziel. Die Anforderungen steigen schon in der Grundschule – durch den vorgezogenen Schulstart. Foto: Kitty...

Die Unruhe in Berlins Schulen wächst stetig. Eine Reform jagt die andere: Vorgezogene Einschulung, Turboabitur, Einführung der Gemeinschaftsschule, Losverfahren fürs Gymnasium … Viele Eltern reagieren verunsichert und üben ungewollt Druck auch auf die Kinder aus. Nach den Worten von FU-Grundschulforscher Jörg Ramseger sind sie alle auch Opfer falscher Entscheidungen. „Es war so ziemlich das Dümmste, was man machen konnte, die Abiturzeit zu verkürzen, ohne die Voraussetzungen dafür zu schaffen.“ Zu den Voraussetzungen hätte für Ramseger gehört, dass man die Lehrpläne entrümpelt und die Schulen mit Mensen und Aufenthaltsräumen ausstattet. Beides fand nicht oder nur zeitversetzt statt.

Der Schülerstress beginnt allerdings nicht erst im Gymnasium. Vieles geht bereits in der ersten Klasse schief, zumal viele Eltern auch angesichts der schwierigeren Wirtschaftslage unruhig geworden sind und dies unbewusst auf die Kinder übertragen. Die Schule wird stärker als in den 70er und 80er Jahren als Sprungbrett in die Arbeitswelt begriffen.

War es falsch, die Schulpflicht in dieser Situation um ein halbes Jahr vorzuziehen? „Es kommt nicht darauf an, wann man die Kinder einschult“, sagt Jörg Ramseger. Entscheidend sei, wie die Schule auf ihre Bedürfnisse eingehe. Die Niederlande schulten auch mit fünf Jahren ein, böten aber eine kindgerechte Eingangsstufe. „Es gibt keine wissenschaftlichen Kriterien für oder gegen die frühe Einschulung.“ In Berlin sei aber nie untersucht worden, wie gut es den Lehrern gelinge, mit den ganz kleinen Kindern umzugehen. Man könne gute Qualität jedenfalls nicht „von Staats wegen erzwingen“. Er plädiert deshalb dafür, das Gelingen der Anfangsphase wissenschaftlich auszuwerten, damit die Politik dann entscheiden könne, ob es bei der frühen Einschulung bleibt.

Das Vorziehen der Schulpflicht gehörte zum neuen Schulgesetz, das 2004 in Kraft trat. Seither müssen alle Kinder eingeschult werden, die im selben Jahr noch ihren sechsten Geburtstag feiern. Rückstellungen mangels Schulreife wurden erschwert: Bis dahin waren jährlich rund 5000 Kinder zurückgestellt und in die Vorklassen geschickt worden, weil sie sprachlich, intellektuell oder motorisch als nicht schulfähig galten. Fortan galt das Motto: Das Kind muss nicht reif für die Schule sein, sondern die Schule für das Kind.

Der damalige Bildungssenator Klaus Böger (SPD) verfolgte mit der frühen Einschulung das Ziel, vor allem die Kinder aus bildungsfernen Familien früher zu fördern. Da eine Kitapflicht als gesetzlich nicht umsetzbar angesehen wurde, entschied er sich für das Vorziehen der Schulpflicht. Bis dahin waren Berlins Erstklässler bei der Einschulung im Schnitt sechs Jahre und acht Monate alt gewesen. Die Waldorfpädagogen hatten von Anfang an gegen die frühe Schulpflicht protestiert. Sie sind davon überzeugt, dass ein Kind erst mit sieben Jahren alt genug ist für die Schule. Ramseger dagegen würde keine solchen Gesetze aufstellen: „Alles ist machbar, wenn man es mit Verstand macht.“

Die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Mieke Senftleben, bemängelt vor allem, dass den Eltern nicht mehr die Möglichkeit gegeben wird, ihr Kind zurückstellen zu lassen, und das Kriterium der individuellen Schulreife keine Rolle mehr spiele. Senftleben konstatiert generell bei vielen Eltern eine große Verunsicherung. Nach dem Pisa-Schock 2001 seien zwar viele Reformen angestoßen worden, aber ein Erfolg sei nicht richtig sichtbar. „Die Eltern haben das Gefühl, es wird viel über Bildung diskutiert, aber nichts wird vernünftig getan.“ Die Familien glaubten deshalb, selber initiativ werden zu müssen. Dies zeige sich auch in dem Boom der freien Schulen. Laut Landeselternsprecher André Schindler können viele Eltern die zahlreichen Reformen nicht richtig einordnen und wissen nicht, was sie wirklich bedeuten.

Der Bildungsexperte von den Bündnisgrünen, Özcan Mutlu, vermisst, dass die vielen vom Senat angestoßenen Reformvorhaben nicht wissenschaftlich begleitet werden. Nur so könne man Fehlentwicklungen korrigieren. Das gelte auch bei der vorgezogenen Einschulung. Für ihn sei aber nicht die Frage wesentlich, wie früh ein Kind lernt, sondern wie gut.

Nach Auffassung der grünen Bildungsexpertin Sybille Volkholz könnte Druck von den Eltern genommen werden, wenn die Kooperation zwischen allen Beteiligten verbessert würde. Hier gebe es erhebliche Defizite. In angelsächsischen Ländern wie Kanada gehöre es zu den Aufgaben der Pädagogen, die Eltern enger zu beraten und über die schulischen Leistungen ihres Kindes zu informieren.

Sigrid Kneist/Susanne Vieth-Entus

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