Bildungschancen : Neon-Autor trifft frühere Kreuzberger Mitschüler

Der Journalist Patrick Bauer ist in Kreuzberg zur Schule gegangen. Dass ein ehemaliger Mitschüler ihm in der Hasenheide Drogen verkaufen wollte, nahm er zum Anlass, ein Buch zu schreiben.

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Der Autor Patrick Bauer in Kreuzberg.
Der Autor Patrick Bauer in Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

Kleinkinder toben auf dem Spielplatz, gut behütet von aufmerksamen Eltern. Frühstücksgäste essen Parmaschinken auf frischen Brötchen. Und da kommt auch schon der Cappuccino für Patrick Bauer, Journalist und Autor des gerade erschienen Buches  „Die Parallelklasse. Ahmed, ich und die anderen – Die Lüge von der Chancengleichheit“ (Verlag Luchterhand, 14,99 Euro).

Es ist ein sonniger Vormittag auf der Terrasse des Café Matzbach, direkt neben der Marheinekehalle in Kreuzberg. Bildungsferne Familien, Schulabgänger, die keinen Platz in der Gesellschaft finden – solche Themen scheinen nicht gerade zum Idyll zu passen. Aber sie sind für Patrick Bauer gerade hier allgegenwärtig. „Am Anfang war mir gar nicht klar, dass mein Buch eine Art Psychogramm von Kreuzberg werden würde“, sagt der 27-jährige , der Redakteur beim Magazin „Neon“ ist und trotz Vollbarts noch immer wie ein Junge wirkt. Eigentlich wollte er nur mal wissen, was eigentlich aus seinen Mitschülern aus der Grundschule geworden ist.

Das hat er herausgefunden und beschrieben, genau wie Zahlen und Fakten zu Bildung und Integration. Bauer ist in Kreuzberg aufgewachsen und zur Schule gegangen, in eine Klasse, in der die Schüler sehr unterschiedlich waren: Kinder von türkischen Gastarbeitern, iranischen Flüchtlingen, Bildungsbürgern – ein Querschnitt der Kreuzberger Gesellschaft. Und was ist nun aus wem geworden? „Die, die schon vorher gut deutsch konnten, sind auch gut durch die Schule gekommen“, ist Bauers Fazit. Und anschließend durchs Leben.

Auslöser für das Buch war eine Begegnung in der Hasenheide. Bauers ehemals bester Freund aus der Grundschule sprach ihn dort an und wollte ihm Haschisch verkaufen. Ahmed hat Bauer ihn im Buch genannt – er hat alle Namen, auch den der Lehrer und der Schule, verändert. „Unsere Leben haben nichts mehr gemeinsam“, schreibt Bauer zu Beginn des Buches über Ahmed. Bei der Recherche habe er immer wieder „eine unsichtbare Trennlinie“ zwischen den erfolgreicheren Schülern deutscher Herkunft und denen mit Migrationshintergrund festgestellt.

„Die problematischen Fälle haben meist keine oder nur wenige Erinnerung an die Grundschule. Nostalgie ist ein Luxus“, sagt Bauer. Der „problematischste Fall“ allerdings stammt aus einer deutschstämmigen bildungsfernen Familie: Sven heißt er im Buch, Bauer hat ihn in der sanierten Marheineke-Halle getroffen. „Der Kontrast zwischen ihm und seiner Umgebung war erschreckend. Er ist am wenigsten von allen in diesem veränderten Kreuzberg integriert“, sagt Bauer. Keine Arbeit, keine Freundin, keine Perspektive.

„Alle reden über Integration, aber nie mit den Leuten, die gemeint sind“, sagt Bauer. Das habe er mit dem Buch ändern wollen. Auch wenn sich das nun sehr gut liest – über Lösungen, wie die Chancen solcher Schulkinder sich verbessern können, schreibt Bauer wenig. Es helfe jedoch bestimmt nicht, Kinder, die kaum Deutsch sprechen, unter sich bleiben zu lassen. „Eltern müssten organisieren, dass die Klassen gemischt werden“, sagt Bauer: Man könne etwa Kindergartenfreunde gemeinsam anmelden. Gerade ist Bauer Vater geworden und sieht jetzt einiges anders: „Ich finde es zwar immer noch falsch, wenn Eltern wegziehen, damit ihr Kind auf eine gute Schule gehen kann – kann es aber besser verstehen.“ Daniela Martens

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