Bildungsideale : Alte Werte machen keine Schule mehr

Mit der Wirtschaftskrise werden neue Bildungsideale wichtig: Lebenslanges Lernen und Flexibilität

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Unbedingter Gehorsam als Erziehungszweck. Wenn es hart auf hart kam, regierte zur Kaiserzeit – und darüber hinaus – in deutschen...dpa-Zentralbild

Schüler von heute werden in ihrem Leben bis zu 14 Jobs haben. Dies jedenfalls prognostiziert eine ansonsten wenig beachtete Perspektivstudie des US-Arbeitsministeriums. Danach soll sich die Menge an technischer Information alle zwei Jahre verdoppeln und die Job-Quote soll damit weiter steigen. Die zehn meistgefragten Berufe in den USA im Jahr 2010 – und das gilt analog auch für Europa – existierten im Jahr 2004 noch gar nicht.

Die Gesellschaft brauche viel mehr Hochgebildete, folgert vor diesem Hintergrund Zukunftsforscher Matthias Horx, weil diese die Anforderungen der Unternehmen in einer globalisierten Welt erfüllen können. Damit Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen könne, müsse das Bildungssystem deutlich verbessert werden.

„Wir haben einen Aufbruch in den Schulen“, sagt Horx und meint dies nicht allein quantitativ: „Der Bewusstseinsgrad dessen, was da geschieht, ist viel zu gering in der Bevölkerung.“ Die Wirtschaftskrise habe einen beschleunigten Wertewandel gezeitigt. Die Bundesbürger sehnten sich nach Verbindlichkeit, sagte Horx. „Aber sie werden nicht in die alten Welten zurückmarschieren, wo der Vater noch auf den Tisch gehauen hat und die Mutter nicht arbeiten durfte.“ Stattdessen würden sich neue Werte herausbilden. Doch welche? Bereiten Privatschulen oder Internate Kinder besser auf das Leben vor?

In Deutschland besucht mittlerweile jeder neunte Gymnasiast eine Privatschule. Insgesamt liegt der Anteil der Privatschüler mit etwas mehr als 690 000 laut einer aktuellen Studie des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Sozio-oekonomisches Panel/SOEP) bei rund acht Prozent, wobei im Untersuchungszeitraum von 1997 bis 2007 die Zahlen stetig gestiegen sind. Auch die regelmäßigen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes zeigen diesen Trend.

„In erster Linie bieten Schulen in freier Trägerschaft Eltern das Gefühl, dass sie Einfluss haben und nicht dem System ausgeliefert sind“, sagt Götz Plessing, ehemaliger Leiter der Internatsschule Birklehof im Schwarzwald. „Viele öffentliche Schulen realisieren neue Konzepte, sind qualitätsbewusst“, sagt Plessing, der heute als pädagogischer Experte den Deutschen Schulpreis unterstützt. „Vor allem Grundschulen haben sich in den letzten Jahren sehr verändert. Sie haben am ehesten begriffen, dass Schule keine Einrichtung des Lehrens, sondern des Lernens ist, dass sie es mit Kindern zu tun haben und nicht mit einem Lehrplan. Wenn Kinder also in die Schule kommen und durch eigenständiges oder gemeinschaftliches Tun etwas lernen, bleibt wesentlich mehr haften, als wenn der Lehrer eine Frage formuliert und einen Schüler für die Antwort herauspickt. Außerdem werden so neben akademischen auch soziale Fähigkeiten geübt.“

Das Vorurteil, Privatschulen seien akademisch besser als öffentliche Schulen entkräftet allerdings nicht nur die Pisa-Studie, sondern auch die Tatsache, dass sich alle Schulen in einem Wettbewerb befinden. Und dennoch: Der Trend zur Privatschule reißt nicht ab. Allein in Berlin gibt es über 24 700 Schüler an über 80 allgemeinbildenden Schulen in freier Trägerschaft, darunter zahlreiche konfessionelle Schulen und einige Waldorfschulen. Vor allem aber besticht die Vielfalt der Konzepte. Ob international, bilingual, wissenschaftlich, demokratisch oder kreativ. Jede dieser Schulen will Kinder auf unsere globalisierte Welt vorbereiten, in der viele Dinge immer komplexer werden und manche gänzlich neu sind. Die Wege, die sie dabei gehen, sind unterschiedlich. Manche sind eher konventionell, andere sehr innovativ.

„Da wir kreative, begabte, intelligente Persönlichkeiten entwickeln wollen, geht es uns nicht vorrangig um neue Fächer oder Inhalte, obwohl wir neue Fächer einführen und Inhalte verändern“, sagt Hans-Georg Mehlhorn, Erziehungswissenschaftler und Vater der Kreativitätspädagogik. „Im Mittelpunkt steht immer die Persönlichkeit des Heranwachsenden. Die Grenzen der staatlicherseits festgeschriebenen Fächer und Inhalte werden dazu behutsam verschoben und so zu einer möglichst breiten Basis für die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit erweitert.“

Diese Aussage trifft denn auch den Kern, warum vor allem bildungsnahe Familien sich für Schulen wie die BIP Kreativitätsschulen entscheiden: Es geht nicht unbedingt um bessere individuelle akademische Leistungen, wobei das im recht homogenen Milieu von Privatschulen ein gewünschter Nebeneffekt ist, sondern um die Herausbildung kognitiver und sozialer Fähigkeiten. „Dabei ist es von höchster Bedeutung, dass unsere Kinder selbstständig tätig werden, dass der Pädagoge zwar einerseits Forderungen stellt und einfühlsame Hilfestellung leistet, aber andererseits den Heranwachsenden ermutigt, es selbst zu tun“, so Mehlhorn. „Denn der Mensch entwickelt sich nur in der Tätigkeit und die Qualität der Tätigkeit entscheidet über den Entwicklungserfolg.“ Wer seine Neugier lebenslang aufrechterhalten kann, für den dürfte die Forderung nach lebenslangem Lernen nicht zur Drohung werden. (mit ddp)

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