Bildungspolitik : Ein ständiges Kommen und Gehen von Lehrern

Ein Schöneberger Gymnasium hat einen Brandbrief an die zuständigen Stellen im Bildungsbereich gewandt: Die Schule sei ein "Verschiebebahnhof“ für Pädagogen.

Susanne Vieth-Entus

Eine Schule sieht rot: Lehrer, Eltern und Schüler des Schöneberger Robert-Blum- Gymnasiums haben sich jetzt mit einem ausdrücklich als „Brandbrief“ bezeichneten Schreiben an die Bildungsverwaltung gewandt. Darin beklagen sie, dass ihre Schule „einem Verschiebebahnhof für Lehrkräfte“ gleiche. Ständig werde Personal abgebaut, dann anderes wieder zugewiesen. Da es schon im vergangenen Schuljahr Probleme mit Lehrerwechsel und der Zusammenlegung von Klassen gegeben habe, sei man nicht mehr bereit, die Situation hinzunehmen. Die „sture Verwaltungs-Arithmetik“ der Senatsverwaltung für Bildung kenne nur eine rechnerische Schüler-Lehrer-Relation, die notwendige Zuordnung zu Lerngruppen und Fächern interessiere nicht.

Die Gesamtelternvertretung ließ denn auch keinen Zweifel daran, dass sie hinter dem Kollegium steht. „Wir Eltern unterstützen den Brandbrief unserer Lehrer“, heißt es in einem separaten Schreiben an die Bildungsverwaltung. Die Schüler erklärten durch Unterschriften ihre Solidarität.

Die Schule berichtet, manche Lerngruppen hätten vier verschiedene Lehrer im selben Fach innerhalb von fünf Monaten gehabt, wobei auch Klassen mit zentralen Prüfungen wie dem Mittleren Schulabschluss und dem Zentralabitur betroffen gewesen seien. „Gewachsenes Vertrauen in die Kontinuität von Lehren und Lernen? Fehlanzeige – Hauptsache, die Zahlen stimmen!“, heißt es weiter. Aktuell seien 32 Lerngruppen von Umverteilungen und von Lehrerwechseln betroffen, der Profilkurs Chemie und Ethikunterricht in Klasse 10 falle ganz weg.

Diese Praxis der ständigen Umsetzungen stehe im Widerspruch zu der so vehement geforderten Identifikation der Lehrer und Schüler mit ihrer Schule. Wenn man ständig auf Abruf an eine andere Schule bereit steht, werde die innere Nähe zur Schule und Engagement zerstört. Auch Schüler seien „natürlich verunsichert“, bei Eltern gebe es massive Besorgnis, die sich vehement auf Elternversammlungen artikuliere.

Dass das Blum-Gymnasium stärker als viele andere Schulen von Umsetzungen betroffen ist, liegt an seiner speziellen Problematik: Da es in einem sozial schwierigen Umfeld an der Kolonnenstraße liegt, melden sich hier viele Kinder aus bildungsfernen Schichten an und besonders viele Migranten, von denen nur wenige eine Gymnasialempfehlung haben. Rein rechtlich sind aber Gymnasien gezwungen, jedes Kind auszunehmen, solange es freie Kapazitäten gibt. Die Folge ist, dass im Probehalbjahr extrem viele Schüler ausscheiden. Dies aber führt dazu, dass etliche Lehrer in den Überhang geraten.

Seitdem Schulen keine Vertretungsreserven mehr haben dürfen, sondern nur genau so viele Lehrer, wie ihnen gemäß ihrer Schülerzahl zustehen, ist der personelle Spielraum erheblich gesunken. Auch das erschwert die Lage der Blum- Schule. Als weiteres Problem kommt hinzu, dass der langjährige Schulleiter Martin Kraschewski im Ruhestand ist. Er hatte noch zuletzt versucht, aus seinem Gymnasium eine Gemeinschaftsschule zu machen, um der Heterogenität der Schülerschaft gerecht zu werden. Dafür fand er aber keine Mehrheit.

Die Verärgerung der Schule ist auch deshalb so groß, weil sie ihre Erfolge bei der Integration von Migranten nicht gewürdigt sieht. Ein hoher Anteil von ehemaligen Schülern aus Realschulen und von Migranten bestehe an der Blum- Schule das Abitur, heißt es. Das aber sei nur möglich, wenn der einzelne Schüler stark gefördert werde, was aber in großen Klassen und bei ständig wechselndem Personal kaum möglich sei. „Wir wollen uns die Arbeit von Jahren nicht durch eine verfehlte Senatspolitik torpedieren lassen... Die Situation an unserer Schule ist unerträglich!“, so der Wortlaut.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) betonte gestern, dass die Schule inzwischen sogar etwas mehr Lehrer habe als ihr zustehe. Unter diesen Bedingungen könnten „Regel- und Förderunterricht quantitativ durchgängig und vollständig angeboten werden“. Im Übrigen rechtfertigte er die vom Kollegium beklagten Umsetzungen: Da klar sei, „dass Lehrer den Schülerströmen folgen – und nicht umgekehrt“, müssten Überhänge durch Umsetzungen von Bezirk zu Bezirk ausgeglichen werden. Zöllner hat jetzt die sogenannte Task Force losgeschickt, um die Situation der Schule zu klären.

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