Bildungsqualität : "Der elterliche Beratungsbedarf ist riesig"

Ruby Mattig-Krone, 55, ist Qualitätsbeauftragte von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Mit dem Tagesspiegel spricht sie über gerechte Lehrer, engagierte Eltern und Kommunikationsprobleme.

Frau Mattig-Krone, Sie gehören zu den erfahrensten und anerkanntesten Elternvertretern der Stadt. Wie bewerten Sie die Diskussion um Ursula Sarrazin?

Die ganze Diskussion hat mich veranlasst, an meine eigene Schulzeit zurückzudenken. Da sind mir insbesondere die Lehrer, die zu allen Schülern gleichermaßen gerecht waren, als gute Lehrer in Erinnerung geblieben.

Bei uns haben sich vor allem Eltern gemeldet, die ihre Kinder als verängstigt beschrieben haben. Werden Schulen und Eltern mit solchen Lehrern alleingelassen?

Jeder kennt wohl Lehrer, die für den Beruf nicht geeignet scheinen. Da kommt es auch auf die Schulaufsichten an. Die sollten die Schulleiter unterstützen, wenn diese nicht mehr weiterwissen und sich etwa die Klagen der Eltern häufen.

Welche Handhabe haben Schulräte? Sie können Lehrer doch kaum entlassen.

Aber sie können zum Beispiel dafür sorgen, dass sich solche Lehrer professionelle Hilfe holen, sich coachen lassen oder eher in die Altersteilzeit gehen, wenn sie sich überfordert fühlen. Manchmal werden diese Lehrer auch umgesetzt.

Warum ist es denn so schwierig, solche Lehrer loszuwerden?

Das Beamtenrecht erlaubt eben nicht einfach die Freistellung oder Kündigung eines Lehrers, wie es in der freien Wirtschaft üblich wäre.

Denken Sie, man müsste auch stärker auf Eltern setzen, damit Schule gelingen kann?

Auf jeden Fall. Ich kenne Schulen, die zeigen den Eltern bei der Anmeldung mit Tests, wo ihr Kind Defizite hat, die es im letzten halben Jahr vor der Schule noch abbauen könnte. Die Eltern sind unglaublich dankbar für solche Hinweise. Manche Schulen lassen die Eltern auch Verträge unterschreiben, damit sie sich einbringen in die Erziehung und ihre Kinder nicht einfach nur abgeben. Das halte ich für einen guten Weg. Eltern können und sollten stärker mit ins Boot geholt werden.

Sind Eltern für Schulen zugleich anstrengender geworden?

Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Und seit der Pisa-Studie wissen wir nun mal, dass an manchen Schulen nicht alles rund läuft. Viele Eltern machen sich deshalb Sorgen darüber, ob ihr Kind optimal auf den Arbeitsmarkt vorbereitet ist. Und mischen sich – zum Wohle ihres Kindes – eher ein.

Aber warum müssen immer mehr Eltern gleich zum Anwalt gehen?

Vermutlich sehen sie keine andere Möglichkeit, ihre Rechte durchzusetzen. Sie fühlen sich hilflos, wenn ihr Kind beispielsweise keinen Platz an der Wunschschule bekommen hat.

Laut Bildungsverwaltung gibt es rund 1000 Fälle, in denen es starke Zerwürfnisse zwischen Lehrern und Schulen oder Eltern gibt. Haben Sie davon schon etwas mitbekommen als Qualitätsbeauftragte von Bildungssenator Zöllner?

Das bin ich ja erst seit zwei Monaten. Aber ja, auch da haben sich schon etliche Eltern, aber übrigens auch Lehrer und Schüler bei mir gemeldet.

Wie muss man sich die Arbeit einer Qualitätsbeauftragten vorstellen?

Ich habe donnerstags meinen festen Bürotag in der Bildungsverwaltung. Da rufen Ratsuchende an oder kommen vorbei, sehr viele melden sich auch per E-Mail. Meist bin ich noch an einem weiteren Tag im Haus, an dem ich Anfragen abarbeite und Gespräche im Hause führe, die sich durch die Anfragen ergeben haben.

Gibt es einen kurzen Draht zum Senator?

Ich sitze nur ein paar Zimmer weiter und es gibt einen kurzen Draht – denn der Senator möchte wissen, was gerade an den Schulen los ist oder wo der Schuh drückt.

Und was wollen die Menschen von Ihnen wissen?

Es gibt unterschiedlichste Anfragen – der Beratungsbedarf ist riesengroß. Viele Eltern oder Lehrer begnügen sich nicht mit einer telefonischen oder schriftlichen Anfrage, sondern kommen direkt zu mir. Momentan geht es natürlich vor allem um die neue Regelung beim Übergang von den Grund- in Sekundarschulen oder Gymnasien. Es kommen aber auch Lehrer, die sich beklagen, weil die Kommunikation zur Schulleitung gestört ist.

Gibt es denn eine scharfe Trennlinie zwischen Ihren Aufgaben und dem des Beschwerdemanagements oder des Info-Punkts der Bildungsverwaltung?

In den Anfragen gibt es Überschneidungen. Ich habe aber schon vor meiner neuen Aufgabe hervorragend mit beiden Stellen zusammengearbeitet. Das tun wir auch weiterhin und tauschen uns aus.

Sie sind zwar die Qualitätsbeauftragte – aber auf die Umsetzung des im November vorgestellten Qualitätspakets wartet Berlin noch immer. Wann wird der Senator damit fertig sein?

Der Senator hat das Qualitätspaket ja zur Diskussion gestellt. Die Frist lief gestern ab – bis dahin konnte sich jeder in die Diskussion einbringen. Das haben viele Berliner getan. Auch ich habe viele Ideen und Anregungen bekommen. Nun werden alle Vorschläge eingearbeitet und im Februar wird geprüft, was umgesetzt werden kann und soll.

Ruby Mattig-Krone wohnt in Charlottenburg und hat drei erwachsene Kinder. Sie engagierte sich von 1992 bis 2010 im Bezirkselternausschuss, Bezirksschulbeirat und Landeselternausschuss und war ehrenamtliches Mitglied bei 33 Schulinspektionen. Außer in den Ferien ist sie donnerstags von 16 bis 19 Uhr telefonisch unter 90227-5330 zu erreichen, nach vorheriger Anmeldung auch in der Senatsbildungsverwaltung in Mitte, Otto-Braun-Str. 27, Zimmer 3 C 26.

Das Interview führte Susanne Vieth-Entus

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