Bildungsreform : Keine Angst vor Hamburger Verhältnissen

Nach dem Volksentscheid in Hamburg: In Berlin finden Bildungsreform und längere gemeinsame Grundschule mehr Akzeptanz..

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Ein erfolgreicher Volksentscheid wie in Hamburg gegen die Einführung von Primarschulen ist in Berlin kein Thema: Das Berliner Schulsystem sieht bereits das gemeinsame Lernen bis zur sechsten Klasse vor. Und es gibt in der Hauptstadt auch keinen Vorstoß, an der Schulreform per Volksabstimmung zu rütteln. Alle Parteien sind sich darin einig, dass das Hamburger Ergebnis keinen Einfluss auf die Bildungsreformen in Berlin hat. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) bedauerte, dass die Schulreform in Hamburg eine geringere Akzeptanz als in Berlin habe, obwohl die Ziele ähnlich seien. Berlin habe von Anfang an „auf eine breite Beteiligung gesetzt“. Anders als in Hamburg habe man am Elternwahlrecht und an den Gymnasien festgehalten.

Das Ergebnis in Hamburg müsse keinen Einfluss auf die geplanten Bildungsreformen in anderen Bundesländern haben, sagte der bildungspolitische Sprecher der Linken, Steffen Zillich. Berlin sei einen Schritt weiter und habe mit der integrierten Sekundarschule eine attraktive Schulform mit individueller Förderung.

Geradezu „schockiert“ zeigte sich Grünen-Politiker Özcan Mutlu über das Hamburger Ergebnis. „Das Bildungsbürgertum in Hamburg war nicht bereit, Chancengleichheit mit Einführung der Primarschulen zu gewähren. Stattdessen wird Chancenungleichheit beibehalten“, sagte der Bildungspolitiker. Berlin habe mit den sechs Klassen gemeinsamen Lernens „beste Erfahrungen“ gemacht. Auch das Gymnasium, das „man nicht gegen den Willen der Eltern abschaffen kann“, werde in Berlin beibehalten. Mutlu kritisierte, dass Rot-Rot nicht das Probehalbjahr an den Gymnasien abgeschafft habe. „Dadurch, dass Schüler abgeschoben werden können, werden sich die Gymnasien auch nicht reformieren lassen.“ Mutlu wertete die Hamburger Entscheidung nicht als Signal gegen Schwarz-Grün.

Die Berliner Liberalen betrachten das Ergebnis der Hansestadt sehr wohl als Ablehnung einer „fragwürdigen schwarz- grünen Bildungsreform“. Bildungspolitikerin Mieke Senftleben glaubt nicht, dass in Berlin tatsächlich die Gymnasien erhalten bleiben. „Die grundständigen Gymnasien werden zunehmend gedeckelt.“ Noch für 2200 Schüler könnte in diesen Gymnasien der Unterricht ab der fünften Klasse organisiert werden. Senftleben forderte eine bessere vorschulische Bildung und individuelle Förderung. Doch hält die FDP grundsätzlich auch an der sechsjährigen Grundschule fest.

Das bildungspolitische Credo der CDU in Berlin heißt: keine Bildungslotterie, kein Klassenkampf gegen die Gymnasien. CDU-Fraktions- und Parteichef Frank Henkel sagte, die Aufstiegschancen für Schüler sollten erhalten bleiben. Er verstehe die Hamburger Entscheidung als „lebendige Demokratie. Wer Volksentscheide will, muss die Ergebnisse akzeptieren.“ Er habe Respekt vor dem angekündigten Rücktritt von Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Auswirkungen auf Schwarz-Grün sehe er nicht.

Auch Elternvertreter betonen, dass der Hamburger Entscheid nicht auf Berlin übertragbar sei. Der Vorsitzende des Landeselternausschusses (LEA) Günter Peiritsch sieht im Hamburger Entscheid „keinen Impuls für Berlin. Hier hat man bereits etwas weiter gedacht, indem ab der vierten Klasse bestimmte ,Ventile‘ zugelassen sind“, sagte er. Wer also unbedingt ab Klasse fünf aufs Gymnasium wolle, könne das tun.

Der Vorteil an der sechsjährigen Grundschule: Es gebe einen wesentlich höheren Anteil an Schülern, die in dieser Zeit zur gymnasialen Reife heranwüchsen. „Dann sind sie in der schulischen und menschlichen Entwicklung so weit, dass sie einen Bezug dazu entwickelt haben“, sagte er. Das Berliner System sei außerdem „sehr elternorientiert“: Beim Übergang in die weiterführende Schulform zählt der Elternwille.

Für Berlin stehe jetzt im Vordergrund, so Peiritsch, die Voraussetzungen zum Gelingen der Reform im Auge zu behalten: Die materielle und vor allem die personelle Ausstattung der Schulen seien Knackpunkte. Von Anfang an müsse das zweigliedrige Schulsystem außerdem evaluiert werden.

Berliner Pädagogen sind sich darin einig, dass die Reformen in Berlin und Hamburg wenig miteinander zu tun haben. Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren, sagte: „Hamburg wollte ein System, das vom Berliner System abgewichen wäre.“ Mit der Möglichkeit, dass der Wechsel aufs Gymnasium sowohl in Klasse fünf als auch in Klasse sieben möglich sei, „steht Berlin sehr gut da“, sagte er. Die Möglichkeit, schon ab Klasse fünf zu wechseln, dürfe keinesfalls zur Disposition gestellt werden. Eine „Generallösung“ für Berlin lehne er in dieser Hinsicht ab.

Auch der Vorsitzende der Berliner Schulleitervereinigung Paul Schuknecht sagte, es gebe zwei deutliche Unterschiede zwischen den Reformen in Berlin und Hamburg. „Die Grundschule in Berlin stand nicht zur Disposition. Auch das Elternwahlrecht wurde nicht angerührt“, sagte Schuknecht. Die Reform habe deshalb an diesen Stellen weniger Brisanz gehabt. In Berlin werde sich nun zeigen, ob die Ziele der Reform auch in die Praxis umgesetzt werden können – „dazu fehlen Lehrer“, sagte er.

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