Bildungssenator Jürgen Zöllner : "Bei schlechten Rektoren reicht es nicht, sie zu versetzen"

Bildungssenator Jürgen Zöllner findet den Start der Sekundarschulen gelungen. Eine neue Qualitätsoffensive soll Frühförderung und Transparenz verbessern.

Der nächste Reformschritt. Jürgen Zöllner (SPD), seit 2006 Senator für Bildung und Wissenschaft, will in nächster Zeit ein Qualitätskonzept vorlegen.
Der nächste Reformschritt. Jürgen Zöllner (SPD), seit 2006 Senator für Bildung und Wissenschaft, will in nächster Zeit ein...Foto: Mike Wolff

Die neuen Sekundarschulen haben den Start hinter sich. Welche Signale bekommen Sie vor dort?

Ich meine, der Start war gut. Die Überraschung war, dass die Akzeptanz für die Weichenstellung und für die Rahmenbedingungen, die wir geschaffen haben, so groß ist. Die Reform wird im Grunde nicht mehr in Frage gestellt. Das hat mich überrascht und gefreut.

Weiß Ihr Haus, wie viele der neuen Sekundarschulen zu den Sorgenkindern zählen, weil sie von der Schülerzusammensetzung her eher Hauptschulen sind?

Es ist so, dass rund zehn Prozent der Integrierten Sekundarschulen mehr Hauptschulempfohlene haben als Empfohlene für andere Schulformen. Ich hatte eher angenommen, dass es mehr sein werden. Vor allem bei denen, die direkt aus Hauptschulen zu Sekundarschulen geworden sind.

Gibt es auch Schulen mit ausschließlich Hauptschulempfohlenen?



Nach unserer Beobachtung nicht. Ich habe natürlich Interesse an einer vernünftigen Schülermischung. Der Anspruch ist aber, dass die Empfehlung der Grundschule nicht zwangsläufig auf einen bestimmten Schulabschluss hinausläuft. Wir verbinden mit der Einführung der Sekundarschule die Erwartung und den Anspruch, dass es eben auch Schüler mit Haupt- oder Realschulempfehlung zum Abitur schaffen können. Dafür haben die Sekundarschulen auch eine bessere Ausstattung. Der pädagogische Gedanke, der dahintersteckt, ist doch, dass diese Klassifizierung der jungen Menschen nicht zwangsläufig ist.

Wenn wir aber wieder unbeliebte Schulen bekommen, zu denen nur Schüler gegen ihren Willen zugewiesen werden, welche Handhabe hat man dann, solche Schulen zu schließen?

Erstmal geht es nicht um Schließung, sondern darum, dass man diesen Schulen die Möglichkeit gibt, ein attraktives Profil zu gewinnen. Dann muss man das beobachten. Wenn eine Schule mangels Nachfrage zu klein wird, um eine vernünftige Schülermischung hinzubekommen, muss der jeweilige Bezirk die Konsequenzen ziehen. Wir werden darauf drängen, dass so eine solche Schule nicht einfach so weitermachen kann - auf dem Rücken der betroffenen Schüler, nur weil der Bezirk den Standort erhalten will.

Die betroffenen Schulen fordern, die schwierigen oder schwachen Schüler besser zu verteilen.

Wir sollten zunächst abwarten, wie sich das neue Verfahren beim Übergang auf die Oberschulen auswirkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mischung besser wird, wächst, weil es eben nicht mehr nur nach Empfehlung der Grundschule und nach der BVG-Verbindung geht wie bisher. Erstens geht es nach dem Profil der Schulen, zweitens wird ein Drittel der Plätze nach dem Losverfahren vergeben.

Aber was tun Sie, wenn von der Schülerzusammensetzung her wieder reine Hauptschulen entstehen?

Dann gucke ich mir den speziellen Fall an. Ziel muss es in diesem Fall doch sein, dass es auch an einer solchen Schule möglich ist, alle Abschlüsse zu machen. Wenn sich nun herausstellt, dass dies an einer Schule nicht gelingt, weil es zu wenig Schüler gibt, die zum Beispiel das Abitur anstreben wollen, muss man sehen, woran es liegt. Dann muss man dieser Schule entweder helfen oder man muss sagen, dass dieser Standort so nicht tragfähig ist. Es kann nicht sein, dass an Schulen über Jahre hinweg kein einziger Schüler den Mittleren Schulabschluss schafft. Dann muss man Konsequenzen ziehen.

Als damals die Rütli-Schule nicht funktionierte, wollte der Bezirk abwarten, bis die Schulleiterin in Pension geht und dann die Fusion mit der benachbarten Realschule anstoßen. Das jahrelange Warten führte dann letztlich zu dem bekannten Brandbrief. Wollen Sie auch künftig abwarten, bis bestimmte Schulleiter in Pension gehen, obwohl sie ihre Schulen unter Umständen jahre- oder jahrzehntelang behindern?

Ich stimme Ihnen zu, dass dem Leitungsteam einer Schule eine große Bedeutung zukommt. Das bedeutet, dass man der Auswahl und der Aus- und Fortbildung von Schulleitern mehr Beachtung schenken muss. Die meisten Schulleiter sind ja sehr engagiert, aber es gibt eben auch welche, die der Aufgabe nicht so gewachsen sind. Es reicht dann eben nicht, Versetzungskarussells in Gang zu setzen. Im Rahmen des Qualitätspakets, das ich demnächst vorstelle, wird es für dieses Problem auch Lösungsvorschläge geben.

Weil jetzt viele Schulen bei Übernachfrage die Schüler nach ihren Grundschulnoten aussuchen wollen, wächst bei den Eltern die Angst, dass neue Ungerechtigkeiten entstehen, weil es an den Schulen unterschiedlich schwer ist, gute Noten zu bekommen. Können Sie etwas tun, um die Vergleichbarkeit zu verbessern? Brandenburg lässt in den sechsten Klassen Vergleichsarbeiten schreiben, deren Noten in die Gesamtzensur eingehen.

Man braucht keine Vergleichsarbeiten, um zu gerechten Noten zu kommen. Natürlich bestreite ich nicht, dass es Unterschiede in der Notengebung gibt. Selbst innerhalb einer Schule gibt es Unterschiede, also erst recht zwischen verschiedenen Schulen. Das Problem wird durch das neue Übergangssystem nicht größer, sondern kleiner.

Noch eine Frage zu den Gymnasien: Es gibt bundesweit immer noch Klagen von Eltern- und Schülerseite über die zusätzlichen Belastungen durch das verkürzte Abitur. Erreicht Sie das? Ist die Rückkehr zu dem 13-jährigen Weg noch ein Thema?

Für mich ist das kein Diskussionspunkt mehr. Berlin macht ein stimmiges Angebot mit dem 13-jährigen Weg an Sekundarschulen und Oberstufenzentren und dem 12-jährigen an Gymnasien. Eltern haben also die Wahl und ein attraktives Angebot. Zudem: Schulen brauchen Kontinuität und Verlässlichkeit.

Wir haben eine Diskussion über Deutschenfeindlichkeit an Schulen. Würden Sie deutschen Eltern den Rat geben, ihr Kind nicht an eine Schule zu geben, an der es kaum noch deutschstämmige Kinder gibt?

Wenn ich diesen Rat geben würde, würde ich meinen Job nicht richtig verstehen. Wenn so etwas wie Mobbing passiert, muss sich die Schule und u.U. sogar die Schulaufsicht um jeden Einzelfall kümmern. Es müssen Rahmenbedingungen vor Ort geschaffen werden, dass so etwas nicht vorkommt.

Um das Entstehen solcher Brennpunktschulen zu verhindern, hat der Stadtforscher Hartmut Häussermann die Forderung erhoben, die Möglichkeit einer besseren Durchmischung der Schulen durch das sogenannte Busing zu versuchen.

Da es ein ernstes Problem ist, muss man sich mit jeder potenziellen Lösungsmöglichkeit auseinandersetzen. Ich halte Busing aber für keine Lösung. Wenn wir das machen würden, würden wir das Problem in der Gesamtgesellschaft noch verstärken. Ich muss ein Interesse an einem Schulsystem haben, das ein möglichst gutes Angebot für alle hat. Ich kann nicht nur an die Problemkieze denken.

Es gibt doch ganze Schulen in Berlin, in denen kaum noch Eltern Arbeit haben, in denen die Kinder morgens die einzigen sind, die aufstehen müssen. Und es gibt Schulen, in denen Hartz IV kaum eine Rolle spielt. Es ist ja nicht so abwegig, dass Häussermann diese Forderung nach Durchmischung stellt. Könnte das geplante Losverfahren bei der Schülerzuweisung dazu beitragen, die Mischung zu verbessern?

Das Losverfahren wurde nicht entwickelt, um die soziale Mischung zu verbessern. Aber natürlich wird das Losverfahren die Situation eher entspannen, weil die Chancen größer werden, dass man sein Kind aus einem schwierigen sozialen Kiez in einer Schule in einem besseren Kiez unterbringen kann. Bisher war das ja wegen der BVG-Regelung kaum möglich. Aber dies war nicht der Grund für das Losverfahren.

Das habe ich aber anders in Erinnerung: Es sollte doch schon eine bessere soziale Mischung angepeilt werden.

Nein. Das Hauptmotiv für mich war der freie Elternwille: Das Losverfahren ist eine zusätzliche Möglichkeit, an der Schule seiner Wahl unterzukommen - auch wenn das Kind nicht die speziellen Kriterien der Schule erfüllt. Die bessere Durchmischung ist dann nur ein Nebeneffekt, den ich freudig in Kauf nehme. Ich habe den Eindruck, dass die Akzeptanz für diese Schulreform in Berlin – im Gegensatz zu Hamburg – sehr groß ist, eben weil der Elternwille eine so große Rolle in Berlin spielt.

Das Interview führte Susanne Vieth-Entus.

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