Bilingual lernen : Erstklässler von Welt

Bilingual von Anfang an: Berliner Eltern legen Wert auf einen Frühstart im Englischen, um ihren Kindern einen Vorsprung zu sichern.

Tong-Jin Smith

Es ist Tag der offenen Tür in der Nelson-Mandela-Schule. Die Aula ist zum Bersten voll mit erwartungsvollen Eltern und ihren Kindern. Schulleiter Michael Hertz und Grundschulleiterin Ina Claussen beantworten geduldig alle Fragen. Es herrscht Anspannung im Raum. Alle wissen, dass der Andrang auf die Staatliche Internationale Schule Berlin – wie die Schule offiziell heißt – um ein Vielfaches über den Kapazitäten liegt.

„Wir haben jedes Jahr zwischen 200 und 300 Anmeldungen für die erste Klasse, aber nur 80 Plätze“, sagt Hertz. Ähnlich geht es auch an anderen bilingualen Schulen in Berlin zu, vor allem die englisch-deutschen sind gefragt. Schon im Kitaalter werden die Weichen gestellt: „Wir haben doppelt so viele Anfragen wie freie Plätze“, sagt Antje Michaelis von der Be Smart Academy, einer internationalen Vorschule in Mitte. Ob öffentlich oder privat, Englisch ist die beliebteste Schulsprache.

Kein Wunder also, dass in den letzten Jahren zahlreiche Privatschulen eröffneten. Sie haben sich vor allem in Alt-Mitte etabliert und füllen ein schulisches Vakuum, denn öffentliche Schulen mit entsprechendem Profil gibt es im Ostteil der Stadt nicht.

Aber nicht nur Kinder mit zwei Muttersprachen oder aus hochmobilen Familien besuchen bilinguale Schulen, auch bildungsnahe deutsche Familien, die ihren Kindern einen Vorsprung geben wollen, melden ihre Sprösslinge an. Da die meisten Privatschulen kostspielig oder noch in der Entstehung sind, bevorzugen viele Eltern etablierte öffentliche Schulen. Insbesondere die Nelson-Mandela-Schule genießt große Beliebtheit. Sie ist die einzige staatliche Schule, die das Internationale Abitur als Schulabschluss anbietet.

Auch die beiden englisch-deutschen Europaschulen „Charles Dickens“ und „Quentin Blake“ sowie die deutsch-amerikanische John F. Kenndy School stehen ganz oben auf den Wunschlisten. Da die JFK-Schule mit fünf Eingangsklassen beginnt, die im darauffolgenden Jahr zu fünf ersten Klassen werden, stehen nur sehr wenige Plätze für Quereinsteiger zur Verfügung. Eltern wird geraten, sich jetzt in der Anmeldungszeit nach anderen Schulen umzusehen und sich gegebenenfalls im Februar wieder zu melden.

Die Privatschulen handhaben die Auswahl der Schüler unterschiedlich. Manche legen Wert auf die Feststellung, dass sie bei der Auswahl eine soziale Mischung anpeilen, andere nehmen jeden, um die Klassen aufzufüllen, oder richten sich vor allem nach den Sprachkenntnissen. Der Englisch-Nachweis erfolgt über einen Test, bei dem das Kind einer Lehrerin vorsprechen muss. „Sie hat mir eine Geschichte vorgelesen und mich dann ganz viel gefragt“, erzählt die fünfjährige Anouk nach ihrem ersten Test. Sie wächst zweisprachig mit Deutsch und Englisch auf. Bei demTest saßen noch andere Kinder, die jeweils mit einer Lehrerin geplaudert haben. „Es war sehr kindgerecht“, sagt Anouks Vater. Seine sonst schüchterne Tochter hat sich wohlgefühlt und problemlos mit der fremden Lehrerin in der fremden Umgebung gesprochen.

Nicht immer laufen die Tests so entspannt ab. Auch wenn sich die Pädagogen Mühe geben, die vier- und fünfjährigen Bewerber in ein Gespräch zu verwickeln, kann die Atmosphäre für die Kleinen erschreckend sein. Anouk erzählt, dass sie bei ihrem Test in der Mandela-Schule sehr nervös war. „Ich war allein mit zwei Lehrern“, sagt sie. Am Ende hat sie sich aber überwunden und geredet. Englisch ist schließlich ihre Muttersprache. Sie wird für die englische Seite vorgeschlagen und hat damit bessere Chancen, aufgenommen zu werden.

Denn an den Europaschulen bestehen die Klassen je zur Hälfte aus deutschen und partnersprachlichen Muttersprachlern, während an der Nelson-Mandela-Schule fast 60 Prozent der Plätze englischen Muttersprachlern vorbehalten sind. Das liegt daran, dass die Schule in erster Linie für Familien gedacht ist, die aus beruflichen Gründen nur für eine begrenzte Zeit in Berlin leben. 75 Prozent der Plätze gehen an hochmobile Familien, nur 25 Prozent an Berliner Kinder. Die Entscheidung trifft das Schulamt im Februar. Die Chancen stehen besser, wenn man Englisch spricht. Aber es gibt keine Garantie, der Andrang ist einfach zu hoch. Am Ende entscheidet das Los.

Für die Anmeldung müssen Eltern ein fünfseitiges Formular auszufüllen und ausführlich begründen, warum ausgerechnet ihr Kind zur Schule passt. „Man braucht eine Strategie und einen Plan B“, sagt Anouks Vater. Dass am Ende das Los entscheidet, hält er für untragbar.