Schule : Campus für Frankophile

Eine deutsch-französische Kita und eine Grundschule ziehen in die Nähe des Französischen Gymnasiums

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Die Gegend gilt nicht gerade als fein, und doch dürfte sie bald zum Mekka für Berlins Franzosen und deutsche Frankophile werden: In Tiergarten Süd zwischen Lützowstraße und Kurfürstenstraße entsteht ein deutsch-französischer Campus für Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 18 Jahren. Ab dem Sommer will die Französische Botschaft hier in unmittelbarer Nachbarschaft zum traditionsreichen Französischen Gymnasium eine bilinguale Kita („École maternelle“) und die Grundschule, das Collège Voltaire, ansiedeln, das bisher in Wittenau ansässig war. Damit wird eines der letzten Kapitel in der Geschichte Reinickendorfs als französischer Alliiertenbezirk geschlossen.

„Die Familien können es kaum erwarten“, heißt es übereinstimmend aus dem Collège Voltaire und aus der Französischen Botschaft. Die jetzigen Schüler wohnten nicht mehr überwiegend im Norden der Stadt wie früher die Angehörigen der französischen Streitkräfte, sondern eher zentral. Viele hätten auch bereits ältere Kinder im Französischen Gymnasium und müssten weite Wege zwischen den Grund- und weiterführenden Schulen bewältigen.

Die Familien hatten viel früher mit dem Umzug gerechnet, schließlich wurden die künftigen Gebäude für Grundschule und Kita bereits vor über einem Jahr geräumt. An jenen Februar 2010 denkt Margerita Serbser nicht gern zurück. Damals arbeitete sie als Lehrerin in der beliebten kleinen Grips-Grundschule an der Kurfürstenstraße unweit des Café Einstein. Plötzlich hieß es, dass die Schule geräumt werden muss, weil „die Franzosen kommen“. Alle Eltern- und Schulproteste halfen nichts, weil der Bezirk selbst hinter der Aktion stand: „Wir mussten damals ein Haushaltsloch von 20 Millionen Euro schließen“, wirbt die damalige Bildungs- und jetzige Finanzstadträtin Dagmar Hänisch (SPD) um Verständnis für die Eile. Innerhalb der einwöchigen Winterferien sollte die Schule umziehen. „Es fiel jede Menge Unterricht aus, denn die Zeit für den Umzug reichte natürlich nicht“, erinnert sich Serbser.

Entsprechend chaotisch war dann auch der Neubeginn in der Fritzlar-Homberg-Grundschule, mit der die Grips- Schule fusioniert werden sollte. Noch immer haben die beiden Schulen mit den Folgen der übereilten Fusion zu kämpfen. Umso größer war dann der Ärger, als im leer geräumten Grips-Gebäude in der Kurfürstenstraße nichts in Bewegung kam. Anstatt, dass die Reinickendorfer Schüler einzogen, mussten die Grips- Lehrer, -Schüler und -Eltern mit ansehen, wie in ihrem schönen alten Gebäude Fensterscheiben zu Bruch gingen. Außerdem erfuhren sie, dass in ihrem leer geräumten Hortgebäude an der Lützowstraße Wasserschäden entstanden sind - da, wo die französische Kita einziehen soll.

„Die lange Zeitspanne ist ein Riesenärgernis“, gibt Stadträtin Hänisch zu und will künftig „versuchen, dass solche Zumutungen nicht mehr nötig sein werden“. Damals sei einfach ausschlaggebend gewesen, dass der Bezirk durch die schnelle Räumung des Gebäudes und seine Übergabe an den Liegenschaftsfonds einen „sechsstelligen Betrag“ sparen konnte.

Inzwischen wollen alle Beteiligten nach vorne sehen. Das Schlimmste sei überstanden, finden Margerita Serbser und die ehemalige Grips-Schulleiterin Bianca Flemig, die jetzt die fusionierte Schule leitet. Serbser geht zum Sommer zwar in Pension, bleibt der Schule aber verbunden: Sie wird im Auftrag des Quartiersmanagements ein Projekt leiten, das die beiden Fusionsschulen noch stärker zusammenführt, indem alle Beteiligten gemeinsam die Verschönerung des Schulgebäudes vorantreiben wollen.

Unterdessen zeichnet sich auch der Umzug der Franzosen nach Tiergarten ab. Kürzlich gab es eine Begehung der Gebäude auf dem künftigen Campus – allerdings sei der Vertrag mit dem Liegenschaftsfonds noch immer nicht unterzeichnet, heißt es mit Hinweis auf „einige ungeklärte Klauseln“ . Über die Höhe des Kaufpreises schweigen sich alle Beteiligten zurzeit aus.

Mehr zu erfahren ist über die schulischen Belange. So ist geplant, dass die Schule einen neuen Status bekommt. Das Collège Voltaire wird künftig nicht mehr abgekoppelt vom deutschen Schulwesen als „ausländische Schule“ fungieren. Vielmehr strebt das Französische Außenministerium als Träger der Schule einen Status als „Ersatzschule“ an. Dies würde bedeuten, dass sie sich am Rahmenplan der Berliner Schulen orientiert und deshalb nach einer mehrjährigen gesetzlichen Wartefrist vom Land unterstützt würde.

Und noch eine weitere Neuerung soll mit dem Umzug einhergehen: Das Collège Voltaire wird als künftige École Voltaire (Voltaire-Schule) nicht mehr mit Klasse 9 enden, sondern bereits mit Klasse 6. Die noch bestehenden Klassen 7 bis 9 werden vom Sommer an bereits in das Französische Gymnasium integriert, an dem die Schüler ihr Abitur machen können, bestätigt Schulleiter Bernhard Frank. Anders als im Collège Voltaire muss im Französischen Gymnasium kein Schulgeld gezahlt werden.

Zu den noch ungeklärten Fragen gehört, ob die künftigen Absolventen der sechsjährigen École Voltaire eine Gymnasialempfehlung brauchen, um zum Französischen Gymnasium wechseln zu können. Das werde noch verhandelt, berichtet Frank. Dem Vernehmen nach tendiert die französische Seite dazu, dass alle Kinder auch ohne Empfehlung in das Französische Gymnasium wechseln können. Schließlich werden in Frankreich die Kinder auch nicht bereits ab Klasse 4 oder 6 aufgeteilt. Dem entgegen steht allerdings die Tradition des „FG“ als Schule für die Leistungsstärksten.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Das Französischen Gymnasium ist auch im Jahre 320 seines Bestehens offenbar so stark, dass es jetzt zum Ankerpunkt für einen Französischen Campus wird. Dass diese Entwicklung für die soziale Mischung von Tiergarten Süd von Vorteil sein könnte, tröstet selbst die alten Grips-Anhänger etwas über den Verlust ihres schönen Gebäudes hinweg.

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