Campus Rütli : Außen vor und mitten drin

Letzte Woche startete der Campus Rütli. Eindrücke am Rande der Festreden

Susanne Vieth-Entus

Gemeinsam zeigten sie Flagge für die Rütli-Schule: Christina Rau war dabei, Bildungssenator Jürgen Zöllner und der Neuköllner Bezirksbürgermeister HeinzBuschkowsky. Die Pläne sind anspruchsvoll. Rund um die frühere Problemschule soll sich ein Campus anordnen mit Bildungs- und Freizeitangeboten von früh bis spät, mit neuen Sporthallen, Kleinkindförderung und Elternseminaren. Und mittendrin: Die neue Gemeinschaftsschule, die vielleicht so attraktiv wird, dass sogar noch eine gymnasiale Oberstufe angebaut werden kann. Im Gymnastiksaal wurden diese Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Tagesspiegel hat mit den Menschen gesprochen, die zumeist draußen vor der Tür bleiben mussten – aber ohne die es nicht gehen wird.

DIE NEUE RÜTLI-LEHRERIN

Judith Bauch ist Klassenlehrerin. Sie unterrichtet Deutsch und Kunst. Dass die Pädagogin noch in Berlin ist, hat sie Petra Eggebrecht zu verdanken. Denn Petra Eggebrecht, die dienstälteste Rütli-Lehrerin, hatte im Jahr 2006 den berühmten Brandbrief geschrieben. Nur deshalb durfte die Rütli-Schule und einige andere Hauptschulen plötzlich ein paar junge Lehrer einstellen und nur deshalb bekam Judith Bauch doch noch eine Stelle in Berlin und musste nicht nach Hamburg ausweichen. Sie hatte dann im Herbst 2007 die Idee, mit ihren Siebtklässlern bei einem Schreibwettbewerb samt Workshop des Deutschen Guggenheim mitzumachen. Da war noch nicht daran zu denken, dass eine ihrer Schülerinnen sogar einen Preis gewinnen würde. Während die Prominenz über die Zukunftspläne redet, kümmert Judith Bauch sich um ihre Schüler.

DIE DIENSTÄLTESTE RÜTLI-LEHRERIN

Petra Eggebrecht hat ihr halbes Leben an der Rütli-Schule zugebracht. Ihr Hauptaugenmerk gilt den harten Schwänzern. Sie bietet ihnen Alternativen, aber das kostet: 1,5 Lehrerstellen gehen zurzeit dabei drauf, acht Schüler im Schwänzerprojekt bei der Stange zu halten. Sie muss diese Mittel immer wieder verteidigen, denn Lehrer sind knapp und teuer. Außerdem betreut sie akribisch die Schwänzerstatistik. Die 61-Jährige weiß genau, welche Schüler nie fehlen. Ihre Namen hängt sie samt Gratulation am Schwarzen Brett aus. Zum Gymnastiksaal, in dem die Festveranstaltung stattfindet, hat Petra Eggebrecht keinen Zutritt. Wahrscheinlich weiß die resolute Bezirksdame, die den Einlass betreut, auch nicht, dass diese Frau mit den kurzen grauen Haaren den Brandbrief geschrieben hat, ohne den es das ganze Campus-Rütli-Projekt heute gar nicht gäbe.

DER RÜTLI-WEAR-ERFINDER

Tom Hansing geht es an diesem großen Campus-Rütli-Tag nicht anders als Petra Eggebrecht. Auch er steht nicht auf der Gästeliste. Aber er würde gern dabei sein, wenn das Campus-Konzept vorgestellt wird. Immerhin war er der Erste, der die Idee hatte, den Begriff „Rütli“ konsequent ins Positive umzudeuten: Er druckte die fünf Buchstaben auf T-Shirts und machte den Begriff zum Markenzeichen. Hansing bringt den Schülern Siebdruck bei und versucht, die Textilien zu vermarkten. Er hat bislang den Eindruck, dass der Rütli-Campus keinen Platz für ihn hat. Die resolute Bezirksdame will ihn auch dann nicht reinlassen, als ihr gesagt wird, um wen es sich handelt.

DIE RÜTLI-DICHTERIN

Emel ist 12. Sie flüstert mit ihren Freundinnen, während Neuköllns Bürgermeister die Pläne vorstellt. Dann läuft sie in ihren Klassenraum und holt ein Gedicht herunter, das sie geschrieben hat. Aber es ist nicht irgendein Gedicht, sondern ein kleines poetisches Wunder: Zu einem Foto von Jeff Wall schrieb sie die paar Zeilen von eigentümlicher Magie. Dafür gewann sie gerade den 2. Preis beim Schreibwettbewerb des Deutschen Guggenheim, zu dem ihre Lehrerin Judith Bauch sie mitgenommen hatte. Keine Selbstverständlichkeit für eine Siebtklässlerin, deren Eltern irakische Kurden aus dem Libanon sind. Jetzt will Emel mit ihren Eltern klären, ob sie sich für die Zeitung fotografieren lassen darf – wegen des Erfolgs beim Schreibwettbewerbs. Der interkulturelle Moderator, den es in der Rütli- Schule inzwischen gibt, will notfalls vermitteln. Zwei Tage später steht fest: Die Eltern werden es nicht erlauben. Manche Dinge brauchen eben länger. Susanne Vieth-Entus

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