Chinesisch an der Schule : „Die Schriftzeichen sind faszinierend“

Die Bettina-von-Arnim-Schule bietet Mandarin bis zum Abitur. Chinesisch als Sprach- und Kulturfach wird immer beliebter bei Eltern und Schülern. Denn die Zukunft liegt im Fernen Osten.

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Beeindruckt. Reinickendorfer Schüler 2012 auf Entdeckungstour in Peking.
Beeindruckt. Reinickendorfer Schüler 2012 auf Entdeckungstour in Peking.Foto: privat

Jugendliche kennen China aus den Medien als aufstrebende Wirtschaftsmacht, als bevölkerungsreichstes und nach Russland und Kanada drittgrößtes Land der Welt. Die Sprache mit ihren fremden komplizierten Schriftzeichen und der schwierigen Aussprache schreckt viele Schüler ab. Marlene Kühl sieht das ganz anders. Die Schülerin der Bettina-von-Arnim-Schule in Reinickendorf entschied sich in der siebten Klasse ganz bewusst für Chinesisch als zweite Fremdsprache. „Das ist mal etwas ganz anderes, die chinesischen Schriftzeichen sind faszinierend, außerdem ist die Sprache gut für den Beruf“, sagt Kühl, die heute in der elften Klassenstufe ist.

Mandarin bald wichtiger als Englisch?

Diese Gründe überzeugten auch ihre Mitschülerin Luzi Lehmann: „Chinesisch wird immer wichtiger und Englisch irgendwann als Weltsprache ablösen.“. Andere Schüler haben das Fach beim Tag der offenen Tür für sich entdeckt, über Chinesisch lernende Geschwister oder Eltern, die beruflich in China zu tun haben.

Seit 2007 bietet die Bettina-von-Arnim-Schule als einzige in Berlin Chinesisch als zweite Fremdsprache ab Klassenstufe sieben an. „Wir wollten damals das Profil unserer Schule erweitern“, sagt der Schulleiter der Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe. Das Interesse an der neuen Sprache sei von Anfang an groß gewesen. Der erste Jahrgang startete mit 25 Schülern. In diesem Jahr wählten 32 Schüler Chinesisch in der siebten Klassenstufe verpflichtend für vier Jahre. Im nächsten Schuljahr werden die ersten Schüler im Fach eine Präsentation, eine schriftliche oder mündliche Abiturprüfung ablegen.

Chinesisch wird immer beliebter bei Schülern und Eltern

Die besondere Konzeption des Faches spricht zunehmend Schüler und Eltern an. An der Bettina-von-Arnim-Schule wird Chinesisch nicht nur als Sprach-, sondern auch als Kulturfach unterrichtet. „Im Sprachunterricht beginnen wir mit den Grundzeichen der Chinesischen Sprache“, berichtet die Fachbereichsleiterin Kathleen Wittek. Um Texte zu lesen, lernen die Schüler dazu in den ersten Jahren eine phonetische Umschrift namens „Pinyin“, die auf dem lateinischen Alphabet basiert.

Eine Herausforderung bei der Aussprache ist die Tonlage, die gleich bleibend, ansteigend oder fallend sein kann. Wird der Ton nicht richtig getroffen, kann beispielsweise aus der „Mutter“ schnell ein „Pferd“ werden. Tut sich ein Schüler mal mit den Schriftzeichen schwer, hat Lehrerin Wittek immer einen Joker in der Hand: die Grammatik. „Die ist im Chinesischen viel leichter als in anderen Sprachen“, erklärt die Sinologin. Es gebe keine Artikel, keine Deklinationen, keine Vergangenheit, keine Zukunft. Die Zeitform werde durch die inhaltliche Bedeutung einzelner Wörter im Satz markiert, beispielsweise „morgen“.

Unterrichtssprache an der Schule ist Mandarin, die offizielle Hochsprache der Volksrepublik China, die von mehr als 800 Millionen Menschen weltweit als Muttersprache gesprochen wird. Unterrichtet wird sie von vier Lehrkräften, von denen zwei Muttersprachler sind, und von einer Sprachlektorin aus China. Jinan Shandong ist durch ein Programm des Chinesischen Bildungsministeriums an die Bettina-von-Arnim-Schule gekommen und unterrichtet Chinesisch mit den Lehrern für zwei Jahre im Tandem.

800 bis 1000 Zeichen müssen die Schüler in der Oberstufe beherrschen

Nach einem einschlägigen Chinesischen Wörterbuch gibt es etwa 50 000 Schriftzeichen. „Die Chinesische Sprache wird seit rund 4000 Jahren gesprochen“, erklärt Wittek. Im Laufe der Zeit hätten sich einige Wörter und Zeichen geändert. Beherrscht jemand 2000 Zeichen, gilt er nicht mehr als Analphabet und ist in der Lage Zeitungen zu lesen. Laut Lehrerin Wittek beherrschen die Schüler in der Mittelstufe im Schnitt 300 Zeichen aktiv und 500 passiv und in der Oberschule 800 aktiv und 1000 Zeichen passiv. Bei der Sprachvermittlung sei für Wittek entscheidend, dass die Schüler die Zeichen lernen, die am häufigsten gebraucht werden.

Ergänzt wird der Sprachunterricht durch Projektblöcke. In diesen geht es beispielsweise um Landeskunde, geografische Besonderheiten, die Ein-Kind-Politik, die Bevölkerung und Sehenswürdigkeiten sowie um den Chinesischen Kalender. Auch Filme wie „Der letzte Kaiser“ gehören dazu. Jedes Jahr werden in der Schule das Frühlingsfest, das den Beginn des neuen Jahres einleitet, und das Mondfest gefeiert. Dieses findet am 15. Tag des achten Monats nach dem Chinesischen Kalender statt. Anlässlich der Feste führen die Schüler Schattenspiele oder den Chinesischen Fächertanz vor und singen Lieder. In den Projektphasen spielt auch die Chinesische Küche eine Rolle, außerdem gibt es gemeinsam mit den Eltern Ausflüge zum Chinesischen Garten der Gärten der Welt und Lesungen, in denen etwa die Bücher des Schriftstellers Mo Yan, dem Literaturnobelpreisträger 2012, vorgestellt werden.

Schüleraustausch nach China

Höhepunkt des Sprach- und Kulturfaches Chinesisch ist der Schüleraustausch und eine etwa zehntägige Reise nach China. Partnerschulen der Bettina-von Arnim-Schule sind die Fremdsprachen- Schule in Hangzhou, einer Stadt südlich von Shanghai, und die 22. Mittelschule in Beijing. Die Schüler leben am Wochenende in Gastfamilien und unter der Woche im Internat der Schule.

„Die Chinesen sind unglaublich gastfreundlich“, sagt Merten Schulz-Van Endert. In Peking faszinierte ihn vor allem der Kaiserpalast, die „Verbotene Stadt“. Aber es waren auch die Menschenmengen, die riesigen Hochhäuser, die traditionellen Pagoden und Pavillons, das Essen und auch, dass in den Kiosken eingeschweißte Hühnerfüße statt Schokoriegel liegen, was die Schüler beeindruckte. Welche Rolle Bildung spielt, erfuhren die deutschen Schüler in den chinesischen Schulen. „Gelernt wird von sieben bis 21 Uhr und obwohl die letzten drei Stunden freiwillig sind, gehen alle hin“, berichtet Luzi Lehmann, die über Programme des Konfuzius-Instituts an der Freien Universität einen weiteren Chinaaufenthalt plant und nach dem Abitur ein Praktikum dort machen will.

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