Coaching : Das Einmaleins des Managements für Schulleiter

Wie Führungskräfte aus der Wirtschaft Berlins und Brandenburgs Schulleiter coachen. Berlins größtes Unternehmen schickt gleich sieben Manager in die Schulen.

Eva Haacke

Seit mehr als zwei Jahren beraten und stärken über 50 Top-Führungskräfte aus der Wirtschaft Schulleiter in ihrem Alltag. Mit Beginn des nächsten Schuljahrs wird eines der größten Berliner Unternehmen, die Berlin-Chemie, gleich sieben Manager zum Coaching-Programm vom Verein Bildungscent in die Schulen schicken. „Das ist bisher das größte Engagement eines Unternehmens, denn bisher schickten die beteiligten Unternehmen nur ein oder zwei Manager“, sagt Silke Ramelow, Vorstandsvorsitzende von Bildungscent, „beide Seiten profitieren enorm von dem Erfahrungsaustausch“. Kein Wunder: Oft ist in den Schulen der Blick dafür verloren gegangen, wie es in der freien Wirtschaft läuft. Umgekehrt hat kaum ein Manager eine Vorstellung davon, womit sich die Schulleiter unter teilweise abenteuerlichen Bedingungen herumschlagen müssen. Die Chefs der Schulen sollen führen, haben aber oftmals gar keine Macht dafür.

Dieter Starke, Schulleiter am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Zehdenick (Brandenburg) atmet tief durch: „Manchmal bin ich schon froh, wenn ich die Kollegen auf dem Flur abfangen kann, um eine Unterrichtsvertretung zu organisieren.“ Was banal klingt, ist für Starke ein Dauerproblem. Der 51-Jährige leitet ein Schulzentrum mit mehr als 3000 Schülern und 130 Lehrern an drei Standorten. Seit einigen Monaten versucht er, die Standorte mit gezielten Personalgesprächen, einer gemeinsamen Internetseite, einer eigenen Schulbroschüre stärker miteinander zu verknüpfen – so was wie „Wir-Gefühl“ zu schaffen. Dabei hilft ihm jetzt ehrenamtlich Alexandra Wünsch, Direktorin Global Banking bei der Deutschen Bank.

„Das Problem ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, Lehrer und Lehrerinnen leistungsorientiert zu bezahlen oder anders zu motivieren“, berichtet Starke. Gerne würde er einem Kollegen, der sich sehr engagiert um ein Schülerprojekt kümmert, mal zwei oder drei Stunden im Monat dafür geben. Keine Chance, er braucht den Kollegen, um fehlende Lehrer zu ersetzen. Und die andere Seite: „Ein Schulleiter müsste die Möglichkeit haben, unmotivierte Lehrer zur Rechenschaft zu ziehen“, fordert Starke. Derzeit habe er da nur den unbefriedigenden Ausweg, „unmotivierte Mitglieder des Lehrerkollegiums nach Berlin oder in andere Bundesländer zu locken“. Auf diese Weise entsorgt, schaffen sie dann andernorts die gleichen Probleme.

Das sind Schwierigkeiten, die man in der Wirtschaft zwar kennt, in der Regel aber schneller und anders lösen kann. Top-Bankerin Wünsch von der Deutschen Bank, 40 Jahre alt und Mutter von zwei Schulkindern, beneidet den Schulleiter nicht: „Im Vergleich unterstehen mir direkt und indirekt gerade mal 14 Mitarbeiter. Tatsächlich unterscheidet einen Schulleiter nicht viel von einem Manager: Er muss ein großes Kollegium lenken, Ansprechpartner für Schüler und Eltern sein und schließlich noch Vorgaben der Schulverwaltung durchsetzen oder sich wahlweise damit herumärgern. Dazu gehören hohe kommunikative Fähigkeiten, Fingerspitzengefühl, Durchsetzungsvermögen, geschickte Zeitplanung und kreative Ideen.

Solche Gemeinsamkeiten in sonst gänzlich verschiedenen Lebenswelten will das Projekt „Partners in Leadership“ zur produktiven Kraft machen. Philipp Grossmann, der sich in dem Leadership-Projekt engagiert, hatte sich seine Tätigkeit in der Weddinger Herbert- Hoover-Realschule zunächst wohl auch etwas einfacher vorgestellt. Sein Ziel: Lehrstellen für die 20 besten Realschulabsolventen.

„Nichts leichter als das“, dachte KPMG-Partner Grossmann zunächst, zumal er pro Schüler einen seiner Berater ansetzte, um bei Lebenslauf, Bewerbungsmappe und Vorstellungsgesprächen zu helfen. Die Praxiserfahrung war ein Schock. „Leider stellten wir schnell fest: Etliche Schüler waren unmotiviert, desinteressiert, hatten extrem schlechte Noten oder fehlen oft.“ Inzwischen sind er und seine Teamkollegen froh, wenn sie von den zwanzig Schülern vielleicht sechs in einer Lehrstelle unterbringen.

Michael Hertz, Leiter der Internationalen Nelson-Mandela-Gesamtschule, arbeitet noch unter vergleichsweise normalen, wenn auch spürbar schlechter werdenden Bedingungen. Der 59-Jährige erzählt von vielen bürokratischen Hindernissen, Desinteresse bei den übergeordneten Schulbehörden und schlichtem Lehrermangel. „Wir haben beispielsweise eine fantastische, zweisprachige Bewerberin, müssen aber stattdessen fachfremde Lehrer aus irgendwelchen Überhängen nehmen, die gar nicht an unsere Schule wollen“, berichtet der Schulleiter. Ständig gebe es Bildungsreformen, aber keine Verwaltungsreform – und genau die sei dringend notwendig, damit sich etwas ändere. „Ganz einfach: Wir wollen mehr Mitsprache bei der Auswahl von Lehrkräften haben.“

Sein Leadership-Partner, Marco Olavarria, ist Geschäftsführender Gesellschafter bei Kirchner & Robrecht Managements Consultants und hilft Hertz vor allem durch persönliche Unterstützung und regelrechten Rückhalt. Olavarrias Fazit: „Wenn Schulleiter als Führungskräfte agieren sollen, die sie ja nun mal sind, dann muss man ihnen viel mehr freie Hand lassen und sie mit Instrumenten zur Durchsetzung ausstatten.“

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