Schule : Da sind selbst Nischen zu groß

Wer nicht schon beim Prototypen scheitert, baut 50 Wagen im Jahr oder 100 – trotzdem lassen Tüftler nicht von Kleinserien ab

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Von Thomas Geiger Zwar sprechen die Autohersteller oft vom Bemühen um Individualität und Exklusivität, um ihren Kunden ein möglichst einzigartiges Auto zu bieten. Doch beschränkt sich das in der Regel auf Ausstattungsdetails wie Lacke oder Sitzbezüge. „Viel mehr Entgegenkommen ist bei Tagesproduktionen von teilweise mehreren Tausend Autos nicht möglich“, sagt Automobilwissenschaftler Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Wirklich individuelle Autos fertigen dagegen einige Kleinserienhersteller. Sie lassen laut Dudenhöffer „selbst Nischenmarken wie Aston Martin oder Ferrari als Großserienhersteller erscheinen.“ So baut zum Beispiel Wiesmann in Dülmen nach Angaben von Sprecher Frank Pfirrmann gerade einmal 100 Exemplare eines Coupés und eines Roadsters und bezeichnet sich deshalb als „Manufaktur der Individualisten“. Die Zweisitzer haben Motoren von BMW in München, leisten bis zu 270 kW/367 PS und kosten zwischen 91 000 und 111 000 Euro.

Nur auf 50 Exemplare pro Jahr ausgelegt ist die Produktion des Sportwagens Gumpert Apollo, der seit Dezember 2005 in Altenburg in Thüringen gebaut wird. Ihn treibt für Preise ab 198 000 Euro ein 4,2 Liter großer V8-Motor von Audi an, den die Entwickler auf 478 kW/650 PS gebracht haben. Die Stärke von Gumpert ist aber laut Sprecher Stefan Burger nicht nur die Leistung, sondern auch die Individualisierung: „Egal ob technisch, optisch oder beim Interieur: Wir können auf alle Kundenwünsche flexibel reagieren.“ Dritter im Bunde der kleinen Sportwagenhersteller ist Yes in Großenhain (Sachsen). Dort wird ein Roadster gebaut, der eigentlich mal als Diplomarbeit gedacht war und nun schon in die zweite Generation geht. Den kurzen und leichten Zweisitzer, von dem im vergangenen Jahr 50 Exemplare gebaut wurden, gibt es nach Werksangaben für Preise ab 57 500 Euro jetzt mit einem 3,2 Liter großen Sechszylinder, der bis zu 261 kW/355 PS leistet.

Zwar sind das Metier der Firmen laut Dudenhöffer vor allem Sportwagen und Roadster mit starken Motoren und üppigen Fahrleistungen. Doch einige Entwickler denken weniger an maximales Tempo als an minimalen Verbrauch. So entstand etwa bei Jet-Car in Nietwerder (Brandenburg) ein 700 Kilogramm leichter Zweisitzer, der laut Entwickler Christian Wenger-Rosenau mit einem 0,8 Liter großen Diesel ausgestattet ist. Das Aggregat verbraucht im Schnitt weniger als drei Liter und ermöglicht trotzdem 160 Stundenkilometer (km/h).

Allerdings wurden laut Wenger-Rosenau bislang nur wenige Exemplare des Wagens von Hand gebaut und für etwa 50 000 Euro verkauft. Ebenfalls noch in den Kinderschuhen steckt der Loremo, der zurzeit in München entwickelt wird. Er soll vier Personen Platz bieten und dank sparsamer Motoren, windschnittiger Form und Leichtbau sogar nur 1,5 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Allerdings gibt es den Loremo laut Firmensprecherin Andrea Schaller bislang nur einmal. „Auf die Straße kommen wird der Loremo erst im Jahr 2009“, sagt Schaller.

Vollkommen frei von Großserientechnik sind die Kleinserienmodelle allerdings nicht. „Die großen Hersteller sind vielfach Organspender, von denen die Manufakturen oft nicht nur den Antrieb beziehen“, sagt Nick Margetts vom Marktforschungsunternehmen Jato Dynamics in Limburg. „Schon aus Kostengründen beschränken sich ihre Eigenentwicklungen in vielen Fällen auf die Karosserie oder das Interieur.“ Unter der individuellen Hülle komme dagegen oft Elektronik und Technik aus der Großserie zum Einsatz.

In der Regel mag das die Arbeit bei Wiesmann, Gumpert oder Yes erleichtern. Doch manchmal geht der Schuss auch nach hinten los. Wie jetzt bei Erich Bitter aus Braunschweig. Er hat nach eigenen Angaben seit 1973 mehr als 1000 Fahrzeuge auf Basis jeweils aktueller Modelle von Opel und General Motors (GM) gebaut und auf dem Genfer Salon 2003 ein Comeback mit dem Bitter CD2 angekündigt. Dieses luxuriöse Coupé basiert laut Bitter auf dem australischen GM-Modell Holden Monaro und sollte ursprünglich in diesem Jahr auf den Markt kommen.

Doch daraus wird erstmal nichts. „Zwar ist der Wagen fertig und könnte in Produktion gehen“, sagt der Entwickler. „Doch mittlerweile hat General Motors angekündigt, dass der Monaro im Herbst eingestellt wird.“ Und ohne Basis gibt es keinen neuen Bitter. Also fliegt der Braunschweiger nach Australien, schaut sich den Nachfolger an, verhandelt über entsprechende Verträge – und fängt wieder von vorne an. Dadurch verschiebt sich das Projekt seinen Angaben zufolge um mindestens anderthalb Jahre.

Obwohl sie es, wie das Beispiel von Erich Bitter zeigt, nicht immer leicht haben, stehen die Chancen für Kleinserienhersteller auch in Zukunft nicht schlecht, schätzt Branchenexperte Dudenhöffer. „Der Kreis der Kunden, die sich Individualität, Design und oft auch ein Stückchen Nostalgie einiges kosten lassen, wird zwar nicht riesig wachsen. Doch werden diese Fans nie aussterben.“ Deshalb geht er davon aus, dass es Marken wie Wiesmann oder Bitter auch in 20 Jahren noch geben wird. „Diese Daniel Düsentriebs der Branche setzen oft ihr ganzes Vermögen ein, um den Traum vom eigenen Auto zu verwirklichen.

Manchmal geht das zwar schief, aber Gott sei Dank nicht immer.“ gms

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