Schule : Damit beim Crash alles richtig sitzt

Autosessel und Kopfstützen mildern die Folgen von Auffahrunfällen – sofern sie gut konstruiert sind. Die Versicherungen haben aktuelle Modelle getestet

Björn Seeling

Der Glatzkopf in Shorts und T-Shirt verzieht keine Miene. Dabei haben ihn Männer gerade auf dem Sitz eines Skoda Octavia festgeschnallt, um es mächtig knallen zu lassen. Glatzkopf muss den Hauptdarsteller in einem Szenario spielen, das für jeden Autofahrer ein Alptraum ist: Es knallt einer hintendrauf. Rumms! Da ist es um Glatzkopf schon geschehen. Der simulierte Aufprall drückt ihn ins Polster, der Gurt schnürt seinen Körper ein, sein glänzender Schädel schwingt vor und zurück, kracht gegen die Kopfstütze. Doch Glatzkopf kennt keinen Schmerz – denn Unfall ist sein Job, besser: seine Bestimmung, wie die jeden Dummys.

Glatzkopf ist also eine Puppe, eine ganz schön teure allerdings. Zwischen 60 000 und 70 000 Euro kostete die Anschaffung. Die Puppenväter aus dem englischen Auto-Testinstitut Thatcham haben Glatzkopf (und ein paar seiner Kollegen) in den vergangenen Wochen genau 177 Mal den physikalischen Verhältnissen eines Aufffahrunfalls ausgesetzt, bei dem ein Wagen mit Tempo 30 auf einen anderen prallt. Sie wollten herausfinden, welcher Autositz der sicherste ist. Sicher – das heißt bei dem Bauteil, das den engsten Kontakt zu Fahrer und Passagieren pflegt, vor allem Schutz zu bieten vor dem Schleudertrauma. Das ist jene Verletzung, die durch Überstreckung der Halswirbelsäule und der Nackenmuskulatur entsteht. 80 Prozent der Kollisionen mit Personenschaden, bei denen ein Auto auf ein anderes aufgefahren war, haben ein Schleudertrauma zur Folge. Die Verletzten klagen über die Kopf- und Nackenschmerzen, werden krank geschrieben und müssen für ein paar Tage eine Halskrause tragen. Schlimmstenfalls entwickelt sich sogar ein Schleudertrauma-Syndrom, und der Patient wird die Schmerzen sein Leben lang nicht mehr los. Dies sehen auch die deutschen Versicherer so, schließlich wenden sie nach eigenen Schätzungen etwa 500 Millionen Euro im Jahr für Verletzungen der Halswirbelsäule auf. Zum Vergleich: Im vorigen Jahr schlugen alle in Deutschland gestohlenen Autos mit rund 290 Millionen zu Buche.

So wundert es nicht, dass die Versicherungswirtschaft sogar eine internationale Arbeitsgruppe zur Schleudertrauma-Prävention ins Leben gerufen hat. Sie will die Auto- und Zubehörhersteller davon überzeugen, bessere Sitze zu produzieren. Sie macht das ganz subtil, indem sie die Ergebnisse von Tests veröffentlicht, an denen sich Verbraucher, sprich Autokäufer, gern orientieren. 2004 hatte die Arbeitsgruppe erstmals ein Bewertungsverfahren für Autositze vorgestellt und Produkte des Modelljahres 2005 überprüft. Nun war der Modelljahrgang 2006 dran.

Von Prädikaten, wie sie etwa die Stiftung Warentest vergibt, möchte die Versicherungsbranche zwar auch beim neuen Test nicht sprechen. Aber immerhin gibt sie dem Verbraucher eine eindeutige Beurteilung an die Hand. Danach stuften die Tester des Thatcham-Instituts 19 Prozent der Sitze als „gut“ ein, 27 Prozent als „akzeptabel“, 26 Prozent als „mäßig“ und 29 Prozent als „schlecht“. Tendenz: Die Sitze des Autojahrgangs 2006 sind deutlich sicherer geworden. Außerdem sind aktive Kopfstützen im Kommen, die beim Heckaufprall den Abstand zum Hinterkopf verringern und das Überstrecken des Halses vermeiden. Solche Konstruktionen sind relativ billig zu realisieren, aber bislang scheuen viele Hersteller selbst die Mehrkosten von einigen wenigen Euro je Stück.

Besonders in der Golf-Klasse hat es Verbesserungen gegeben, loben die Versicherer. Hier kommen beispielsweise Ford Focus, der neue Honda Civic, Peugeot 307 sowie die A- und B-Klasse von Mercedes auf ein „gut“. Der Namensgeber von Volkswagen erreicht ein „akzeptabel“ – sein Dauer-Rivale Astra aus Rüsselsheim ein „akzeptabel“. Anstrengen müssen sich vor allem die Hersteller von Minivans, Geländewagen und – ganz besonders – von Kleinwagen. Denn hier sieht die Versicherungswirtschaft angesichts von vielen enttäuschenden Testergebnissen den größten Verbesserungsbedarf. Es gibt also noch viel zu tun für den Glatzkopf in Shorts und T-Shirt.

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