Schule : Das Känguru hilft beim Neinsagen Polizisten spielen mit Grundschülern Theater

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Huggy hilft. Das Känguru kommt immer dann, wenn es brenzlig wird. Foto: Paul Zinken
Huggy hilft. Das Känguru kommt immer dann, wenn es brenzlig wird. Foto: Paul ZinkenFoto: Paul Zinken

Nach dem Zähneputzen noch Kekse essen und Kakao trinken, das kommt Frieda und Fred sofort komisch vor. Babysitter Harald aber beruhigt sie: „Wir müssen es ja nicht der Mama sagen.“ Dann setzt er sich zwischen sie auf das Sofa und will mit ihnen kuscheln. Frieda und Fred wollen das nicht und verzichten lieber auf weitere Süßigkeiten. Sie laufen in ihr Kinderzimmer und schließen die Tür ab.

Nun hüpft ein plüschiges Känguru auf die Bühne im Friedrichshainer Kulturhaus Alte Feuerwache: Huggy. Auf seinem grünen Bauch steht „Polizei“. Huggy tritt immer auf, wenn es brenzlig wird im Theaterstück „(K)ein Kinderspiel“. Und immer lachen die etwa 60 Zuschauer. Sie besuchen die ersten drei Klassen der privaten Friedrichshainer Schule „Berlin Kids International“. Die Schauspieler sind Schüler der Klassen vier, fünf und sechs, ebenfalls von der internationalen Schule – und zwölf Polizisten. „Was meint ihr“, fragt Huggy, „sollen Fred und Frieda ihrer Mama davon erzählen?“ Viele Kinder melden sich, manche springen auf. „Wenn man sich nicht sicher ist, ob es ein gutes Geheimnis ist, dann muss man es erzählen“, sagt ein Mädchen. Ein Junge ergänzt: „Man soll ja auch nicht mit fremden Menschen kuscheln.“

Michael Ambros lächelt: Genauso wünscht er sich das. Ambros sitzt schräg neben der Bühne und trägt eine blaue Polizeiuniform. Die um ihn herumsitzenden Kinder beäugen ihn immer wieder respektvoll. Ambros ist Präventionsbeauftragter für Friedrichhain, Kreuzberg und Neukölln und außerdem Leiter des Theaterprojekts. Sexuelle Gewalt gegen Kinder sei ein großes Problem, sagt er: Jedes Jahr würden etwa 850 Fälle in Berlin angezeigt – die Dunkelziffer sei viel höher. Daher sei es sehr wichtig, Kinder für das Thema zu sensibilisieren. Und das ginge im Theater besonders gut. „Bei einem Frontalvortrag bleibt einfach nicht so viel hängen“, sagt Ambros, der vor fünf Jahren die Idee für das Theaterprojekt hatte. Mit Kollegen und Theaterpädagogen vom Grips-Theater entwickelte er „(K)ein Kinderspiel“. Polizisten aus den drei Bezirken führen es seitdem zwei Mal pro Jahr auf, immer zusammen mit einer anderen Schule.

Das Konzept: Ältere Schüler spielen mit den Polizisten Szenen für die Jüngeren, aus denen sich sexueller Missbrauch entwickeln kann. Eine Dame etwa will, dass Fred ihr nach Hause folgt, oder der Judolehrer betatscht Frieda und will sie küssen. Sobald sich Frieda und Fred für oder gegen etwas entscheiden müssen, erscheint Huggy. Seine Botschaft: Hört auf euer Bauchgefühl, lernt „nein“ zu sagen und lasst euch bloß nicht einreden, ihr hättet an irgendetwas selbst schuld.

Es gehe darum, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken, sagt auch Sarah Leitz. Sie ist Hortleiterin der „Berlin Kids International“, die vom gemeinnützigen Pfefferwerk getragen wird. Leitz hat die Zusammenarbeit mit der Polizei organisiert. Auf einem Elternabend informierte Ambros zunächst über sexuelle Gewalt und gab Ratschläge für den Umgang mit dem Thema. Zwei Sozialpädagoginnen kamen dann in den Unterricht und bereiteten die Kinder vor, die älteren unter ihnen probten schließlich die Aufführung.

Im Herbst ist eine weitere Kooperation mit einer Schule geplant. Mehr als zwei solcher Projekte pro Jahr seien leider nicht möglich, sagt Ambros. Schließlich müsse sein Ensemble auch noch seiner eigentlichen Arbeit nachgehen: Streife fahren, Anzeigen aufnehmen und Verbrecher jagen. Johan Dehoust

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