Schule : Das schnelle Geschenk aus erster Hand Bei Wiesmann kommen die Sportwagen nicht vom laufenden Band:

Besuch einer Manufaktur

Stefan Jacobs

4,6 Sekunden von Null auf Hundert sind dem Weihnachtsfest in seiner Besinnlichkeit vielleicht nicht angemessen. Deshalb beginnt die Geschichte über diesen außergewöhnlichen Sportwagen nicht auf der Überholspur, sondern in Dülmen im Münsterland, in einer Halle im Gewerbegebiet am Stadtrand, und zwar in der Abteilung, in der das Leder vernäht wird. Drei Frauen arbeiten in dieser Werkstatt, in der es duftet wie in einer edlen Boutique. Eine schneidet die mit Kreide vorgezeichnete Form eines Dachhimmels aus einem nussbraunen Stück Leder. Ihre Kollegin an der Nähmaschine steppt eine Naht ab, die später das Lenkrad von Roadster Nr. 475 zieren wird – gezählt seit dem Produktionsstart vor zwölf Jahren. Und die Sattlerin am Tisch gegenüber bezieht einen Sitz, dessen Gestell gerade aus der Schweißerei hereingereicht wurde. Es ist nach den Maßen des Kunden, genauer: den Maßen seiner Hüfte, angefertigt worden. So wie er das Leder aus mehr als 400 Sorten selbst ausgewählt hat. Wenn die Innenausstattung fertig ist, werden die Frauen noch ein Säckchen für die Champagnerflasche daraus nähen, die mit dem Auto überreicht wird. Der Rest wird aufbewahrt, falls jemals eine glühende Zigarette in den Sitz fallen sollte.

So ist das bei Wiesmann, wo der Chef jedes Auto persönlich Probe fährt und wo Weihnachtsmärchen wahr werden. Zumindest, wenn man 100 000 Euro für ein Geschenk an die Gattin ausgeben kann und will wie jener Chefarzt aus Saarbrücken. Vor einigen Wochen erst meldete er sich, telefonisch: Er brauche ein Auto für seine Frau, und zwar pünktlich zu Heiligabend. Farbe und Ausstattung wurden sofort verabredet, die Anzahlung folgte, und die Wiesmänner holten einen Rohling hervor, den sie für Fälle wie diesen parat hatten. Am 23. Dezember haben sie ihn nach Saarbrücken gefahren und vom Stadtrand den Chefarzt angerufen. Der hat seine Frau weggelockt, damit sie nicht sieht, wie ihr Geschenk in Nachbars Garage versteckt und mit einer riesigen Schleife versehen wird. Heute ist Bescherung. Die ganze Straße wird es hören, aber dazu später.

Nur eine Schiebetür von der Lederabteilung entfernt präparieren zwei Kollegen die Elektrik. Im Nebenraum standen Garnrollen, hier werden bunte Drähte abgerollt. Mit Schaltplänen bedruckte Tischplatten, die mit Dutzenden herausstehender Nägel wie Fakirbetten aussehen, dienen als Montagehilfe. Rund 600 Meter Kabel stecken in jedem Auto – im Roadster weniger, im geschlossenen, erst seit dem Sommer gebauten GT deutlich mehr. „Wir haben hier noch keine zwei identischen Kabelbäume angefertigt“, sagt der Mann am Nageltisch, während sein Kollege gerade einen Öldruckmesser in eine Armaturentafel fädelt.

Gleich nebenan ist die eigentliche Montagehalle. Acht Autos stehen hier; manche erst als aufgebockte silberne Rahmen, andere schon mit leuchtend roten Schraubenfedern und cafétischgroßen Bremsscheiben, einige bereits im lackierten Verbundfaserkleid, durch das sie aus chromgefassten Scheinwerfern in die Welt schauen, als hätten sie sie längst gesehen. Klassisch ist das Design, nicht Retro, sagen ihre Väter. Dass das Nasenloch – auf Wunsch aus poliertem Alu – an Bugatti und Jaguar und die Proportionen an den seligen Austin Healey erinnern, mag Reverenz sein an Formen, die sich nicht mehr verbessern lassen.

Konzentriert verkleben die Monteure Frontscheiben, vermessen Fahrwerke, montieren Scheibenwischergestänge, die der Fräser im Nebenraum soeben gefertigt hat. Niemand hetzt, niemand steht herum. Martin Wiesmann, der Technik-Chef, kriecht unter eine Motorhaube, die noch nicht hundertprozentig sitzt. Gespannte Ruhe liegt in der Luft. Bis jetzt.

Ein plötzliches Erdbeben erschüttert die Halle: Ein giftgelber GT wurde zum Leben erweckt und pustet Dampf aus den Edelstahldüsen im Heck. Vrroooam! Ein Klang, der Fußgänger zurücktreten lässt. Es ist der gleiche Motor, der in den 7er BMWs von Politikern und Managern fast geräuschlos seinen Dienst versieht. Der GT ist nur reichlich halb so schwer, und die silbernen Rohre unter seinem Boden könnten auch Fernwärmeleitungen sein. Es sind nicht wie üblich die Kolben – dengel-dengel-dengel –, die man hier hört. Es ist die Eruption der Abgase aus 4,8 Litern Hubraum. Die Wiesmänner haben den GT auch deshalb entworfen, weil der Achtzylinder nicht in den etwas schmaleren Roadster passt.

Es wäre jetzt der falsche Moment, sich über die Notwendigkeit von 367 PS zu unterhalten. Man steigt jetzt lieber ein: rechtes Bein zwischen Lenkrad und Sitz fädeln, Hintern aufs Polster schwenken, linkes Bein über die Türschwelle heben, ready for take-off. Da ist er wieder, dieser wunderbare Ledergeruch. Man greift den silbernen Knauf des Schaltknüppels, lässt die Kupplung kommen, ist aufs Schlimmste gefasst – und rollt ganz gemütlich vom Hof, hinaus in die Freiheit. Durch die zuckelt man in einem Gang seiner Wahl durch Stadt und Land, schmiegt seine Hände in das oblatenkleine Lenkrad und betrachtet die Pobacken des Autos im Rückspiegel. Schade, dass die Rücklichter von hier nicht zu sehen sind, die wie Edelsteine in der Karosserie sitzen.

Dafür taucht im Rückspiegel ein Vertreter im TDI auf, der bei Kolonnenfahrt mit Tempo 130 drängelt. Endlich ist vorn Platz, man lässt den rechten Fuß sinken und sich brüllend in die Welt der Raumfahrt beamen. Wie beim Zwergenweitwurf fliegt man davon, der TDI ist längst verschwunden, der Sitz zum schützenden Raumanzug geworden. Mit der Oblate in der Hand eilt man durch Kurven, die nie enden sollten, man atmet Lederduft und horcht dem Galopp der Pferde. Jetzt fallen einem wieder die 4,6 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 ein, den man wohl am besten komplett im zweiten Gang abwickelt. Wenn es einen juckt, dann röhrt man für einen Moment ins Beschleunigungsall, um gleich darauf sanft auf die Erde zurückzuschweben. Dass erst bei Tempo 280 Schluss sein soll, ist unwichtig. Was zählt, ist das Vorhandensein der Munition, nicht das Herumballern.

Das gilt noch mehr für den Roadster, dessen 341 PS-Triebwerk aus dem BMW M3 den Fahrer massiert, als säße es direkt unter seinem Sitz. Die Geräuschkulisse lässt Neulinge schon bei 2000 Umdrehungen ängstlich hochschalten. Der offene Zweisitzer ist ein Urtier, in dem man sich beim Überfahren einer Zigarettenkippe leicht auf die Zunge beißt. Ein Auto, in dem elektrische Fensterheber & Co. nicht vergessen, sondern als unerwünschte Weichmacher weggelassen wurden. Die Materialien sind so edel und die Karosserie so bombenfest wie im GT, aber gefahren wird hier in Handarbeit. Man kann klotzen, aber lieber kleckert man: betrachtet die Wolken, die sich im weiten Hügelland der Motorhaube spiegeln. Und stellt sich vor, man wäre eine Saarbrücker Oberarztgattin. Da wird einem ganz weihnachtlich ums Herz.

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