Schule : Das Schwedencabrio „Made in Graz“

Saab hat den offenen 9-3 zusammen mit Magna Steyr entwickelt

Ingo von Dahlern

Das hatte man den kühlen Nordmännern aus Trollhättan gar nicht zugetraut. Denn mit der Studie eines offenen Saab 900 stellten sie 1983 in Frankfurt am Main erstmals ein Cabrio vor. Einen echten Viersitzer mit überraschend gut gelungener Linie, der sowohl offen als auch geschlossen überzeugte – so überzeugte, dass das positive Echo Saab bewog, aus der Studie ein Serienfahrzeug werden zu lassen. 1986 war es so weit. Aber man war vorsichtig. Gerade einmal 400 Exemplare für den nordamerikanischen Markt wurden aufgelegt – beim Kleinserienspezialisten Valmet im finnischen Uusikaupunki, der heute als Partner von Porsche einen großen Teil der Boxster produziert.

Saab hätte mutiger sein können. Denn das von 1987 an auch in Europa angebotene Cabrio war so gefragt, dass sich schnell eine Warteliste mit Lieferzeiten von bis zu zwei Jahren bildete. Denn dieser offene Nordmann überzeugte nicht nur durch seine Linie, sondern vor allem durch seine uneingeschränkte Alltagstauglichkeit zu jeder Jahreszeit. Denn mit seinem elektrisch angetriebenen dreilagigen Stoffdach mit gläserner beheizbarer Heckscheibe, das robust war und perfekt schloss, der serienmäßigen Lederausstattung, der leistungsstarken Heizung und der vernünftigen Motorisierung mit einem anfangs 129 kW (175 PS) leistenden 2,0-l-Turbo, neben den 1990 eine Version mit 94 kW (128 PS) trat, war das Cabrio mehr als nur ein Zweitauto für sonnige Tage. Für Saab wurde es mit einer Produktion von 49 000 Exemplaren zu einem so nicht erwarteten Erfolg.

So folgte der ersten 1993 die zweite Generation, von der bis 2002 – inzwischen war aus dem Saab 900 der Saab 9-3 geworden – weltweit 140 500 Fahrzeuge verkauft wurden. Damit war praktisch jeder vierte Saab 900 und 9-3 ein Cabrio, und dieses zu einer der Säulen der kompaktesten Modellfamilie aus Trollhättan geworden – zu einem Zugpferd für die gesamte kleine aber feine Marke aus Europas Norden, die im vergangenen September die dritte Generation ihres Cabrios auf den Markt brachte. Mit der setzt sich die Erfolgsgeschichte der Cabrios mit dem Greif von Skonen als Markenzeichen fort, denn weltweit rechnet man bis Jahresende mit 20 000 verkauften Cabrios. Ein Erfolg, zu dem neben den Versionen 1.8t mit 110 kW (150 PS) und 2.0t mit 129 kW (175 PS) immer mehr das Topmodell 2.0T Aero mit 154 kW (210 PS) beiträgt. Denn fast jeder dritte offene Saab 9-3 rollt heute in dieser leistungsstärksten und edel ausgestatteten und auch optisch besonders attraktiven Version von den Fertigungsbändern.

Die allerdings stehen nicht mehr im kühlen Finnland, sondern rund 1300 Kilometer südlich von Trollhättan in Österreich – in der steirischen Landeshauptstadt Graz. Autobau in Graz nur wenige Kilometer entfernt von der slowenischen Grenze – da sind die meisten erst einmal verblüfft. Denn erst im vergangenen Jahr war Graz als Kulturhauptstadt Europas in aller Munde. Da entwickelte die eher verschlafene Provinzhauptstadt an der Mur mit ihrer zauberhaften Altstadt so verblüffend neue Aktivitäten, machte mit einem faszinierenden Kulturprogramm und mutiger Architektur wie der Insel in der Mur und dem von den beiden Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier entworfenen avantgardistischen neuen Kulturhaus in seiner eigenwilligen biomorphen Gestalt für alle Welt sichtbar und erfahrbar einen gewaltigen Schritt in eine moderne Zukunft.

In der allerdings ist die Universitätsstadt Graz, was moderne Technik und Industrie angeht, schon sehr viel früher angekommenen. Denn wer wie viele bei Graz und Steiermark erst einmal an Urlaub, Kernöl und so eigenwillige Weine wie den Schilcher denkt, kann vor den Toren der Stadt eine der modernsten Automobilfabriken weltweit erleben, die gerade in diesem Sommer mit einem Produktionsrekord überraschte. Am 3. Mai 2004 wurden hier erstmals 1000 Autos pro Tag gebaut. Eine Zahl, die umso bemerkenswerter ist, als sich damit die 1995 noch bei 101 Fahrzeugen pro Tag liegende Produktion verzehnfachte.

Mit rund 200 000 Autos pro Jahr ist Magna Steyr inzwischen der weltweit größte Auftragshersteller von Autos. Ein Produzent allerdings ohne eigene Marke, vergleichbar dem deutschen Autobauer Karmann in Osnabrück, bei dem ebenso wie bei Magna Steyr eine ganze Palette kleinerer Serien vieler großer Marken von den Bändern rollt.

Und wie Karmann, so blickt auch Magna Steyr auf eine alte Automobiltradition zurück. Denn das Werk, das erst 2002 in Magna Steyr umbenannt wurde und damit dem Namen des kanadischen Zulieferkonzerns Magna annahm, der die Fabrik 1998 erwarb, ist eine von Europas ältesten Automobilfabriken. Schon 1899 wurde Steyr-Daimler-Puch, wie das Unternehmen mit den drei so traditionsreichen Namen bis 2002 hieß, von Johann Puch als Fahrradfabrik gegründet, stellte 1901 sein erstes motorgetriebene Vierradfahrzeug vor und begann bereits 1906 mit der Serienfertigung von Autos. Graz und die Autoindustrie gehören damit seit mehr als einem Jahrhundert zusammen. Doch die wenigsten wissen es.

Und wer die Grazer Autofabriken kennt, weiß nur selten, welch gewaltiges Potenzial an Ingenieurwissen sich hinter deren Mauern verbirgt. Denn Magna Steyr ist nicht nur ein normales Produktionswerk, sondern auch ein in allen Disziplinen führender Fahrzeugentwickler, der in der Lage ist, komplette Fahrzeuge von der ersten Bleistiftskizze mit allen Komponenten einschließlich Design in eigener Verantwortung mit allen Erprobungen bis zum produktionsreifen Fahrzeug zu entwickeln – und das dann in modernsten Fabriken auch zu fertigen.

Als sich Saab bereits im Jahr 2000 mit Magna Steyr verbündete, bedeutete das eine intensive und fruchtbare Entwicklungspartnerschaft, die schließlich in die Fertigung des offenen Saab 9-3 bei Magna Steyr mündete. Hierfür richtete man eine Karosseriestraße ein, auf der die Fahrzeugstruktur geschweißt wird, eine Lackierstraße und ein speziell für das Saab Cabrio zugeschnittenes 20 000 Quadratmeter großes Montage-Areal, auf dem 300 der insgesamt 750 mit der Produktion des Cabrios beschäftigten Mitarbeiter von Magna Steyr die Autos in Premium-Qualität montieren.

Die Jahreskapazität liegt beim Zweischichtbetrieb bei 25000 Fahrzeugen und könnte mit einer weiteren Schicht auf 35 000 gesteigert werden – eine Stückzahl, die für das hoch automatisierte Saab-Stammwerk in Trollhättan nur schwer handhabbar wäre, die dagegen bei Magna Steyr mit seinen auf kleinere Serien spezialisierten Fertigungsabläufen ideal ist. Und so wurde aus dem in Finnland gestarteten so erfolgreichen offenen Nordmann von Saab inzwischen ein Schwedencabrio „Made in Graz“.

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