Schule : Das sensitive Auto kommt

Zahlreiche neue Fahrerassistenzsysteme vor dem Serienstart

Ingo von Dahlern

Es passiert so unerwartet schnell. Da greift man bei flotter Landstraßenfahrt nur einmal kurz hinüber zum Handschuhfach und lenkt den Blick ganz kurz zur Seite. Doch wenn die Augen wieder die Straße erfassen, sieht man sich bereits bedenklich nahe an den Seitenpfosten, hat längst die rechte Seitenlinie überfahren und schafft es nur mit Mühe, das Fahrzeug wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Wer in einer solchen Situation erschrickt und zu heftig reagiert, verliert schnell die Kontrolle über sein Auto.

Zahllose Unfälle sind das Ergebnis nur ganz kurzer Unaufmerksamkeit. Die aber ist eine der typisch menschlichen Eigenschaften. Ebenso menschlich, wie das Ermüden nach langer Fahrt. Dann ist die Gefahr, unaufmerksam zu werden, besonders groß. Dann kommt es zu den fatalen Frontalkollisionen, Auffahrunfällen und zum Abkommen von der Fahrbahn.

Die Mehrzahl solcher Unfälle ließe sich vermeiden, wenn man jene modernen Fahrerassistenzsysteme an Bord hätte, die unfallträchtige Situationen frühzeitig erkennen und rechtzeitig warnen oder gar direkt eingreifen, wenn der Fahrzeuglenker keine Reaktion zeigt. Systeme, die nie unaufmerksam werden, Systeme, die sich nicht ablenken lassen, Systeme, die nicht ermüden. Das sind die modernen elektronischen Sinne unserer Autos, wie Ultraschallsensoren, Infrarotsensoren, Radarsensoren, Videosensoren und die verschiedensten Bewegungssensoren, die den elektronischen Steuergeräten von Systemen wie ABS, ESP, Bremsassistent, adaptiver Temporegelung, Fahrspurassistent und wie sie heißen,die Daten liefern, mit denen solche Systeme erkennen, wann ein Fahrzeug außer Kontrolle zu geraten droht. Und dann warnen sie oder greifen, wie die Fahrdynamikregelung ESP, aktiv ins Geschehen ein, bringen das Auto zurück auf den Kurs, den der Fahrer eigentlich einschlagen wollte.

Solchen Systemen ist es ganz entscheidend zu verdanken, dass die Unfallzahlen in Europa trotz wachsender Verkehrsdichte und höheren Verkehrsaufkommens drastisch gesunken sind – die Zahl der tödlichen Unfälle in Deutschland von 15 000 im Jahr 1980 auf inzwischen 6600 im vergangenen Jahr.

Weiter entwickelte Fahrerassistenzsysteme, wie sie Bosch dieser Tage als einer der weltweit wichtigsten Entwickler, Produzenten und Pionier für solche Systeme vorstellte, sollen dazu beitragen, auch diese noch viel zu hohe Zahl weiter zu senken, im Rahmen des eSafety-Programms der Europäischen Union die 1,5 Millionen Unfälle mit 1,7 Millionen Verletzten und 40 000 Toten des Jahres 2000 bis 2010 zumindest zu halbieren.

Das kleine „e“ bei eSafety steht dabei für die Elektronik. Die hat uns gerade in der jüngeren Vergangenheit in unseren Autos manches Problem beschert. Aber nicht, weil sie grundsätzlich Probleme bereitet, sondern weil man bei der rasanten Entwicklung die dabei auftretenden Probleme der Vernetzung und des Zusammenspiels der bis zu 80 unterschiedlichsten meist herstellerspezifischen Systeme nicht schnell genug in den Griff bekam.

Doch das Problem ist erkannt und längst sind Autohersteller und Zulieferer mit der Initiative Autosar (Automotive Open Systems Architecture) auf dem Weg, eine neue Elektronikarchitektur mit standardisierten Schnittstellen und gemeinsamer Softwarestruktur zu schaffen, bei der die Geräte aller Hersteller in einem Netz von rund 20 Steuergeräten zusammenarbeiten und alle Funktionen abdecken werden. Denn für noch mehr Sicherheit, noch höheren Komfort und für noch umweltverträglichere Fahrzeuge ist Elektronik unverzichtbar.

Das gilt insbesondere auch für die verschiedenen Fahrerassistenzsysteme. Deren erstes, das 1978 eingeführte Antiblockiersystem (ABS), das ein Auto auch bei einer extremen Bremsung die Spur halten und stets lenkfähig bleiben lässt, ist seit diesem Sommer sogar Serienausstattung in allen bei uns produzierten Autos. Inzwischen in allen Klassen vertreten ist die auch unter vielen anderen Bezeichnungen auftretende Fahrdynamikregelung ESP, die ein Fahrzeug, das auszubrechen droht, wieder auf den gewünschten Kurs zurückbringt. Noch weitgehend den oberen Fahrzeugklassen vorbehalten ist die adaptive Geschwindigkeitsregelung – ein Tempomat, der dafür sorgt, dass zu vorausfahrenden Fahrzeugen der nötige Sicherheitsabstand eingehalten wird. Wenn nötig, bremst das System.

Zu den besonders weit verbreiteten Systemen gehört auch der bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten hilfreiche Einparkassistent. Mit Ultraschallsensoren ermittelt er vergleichbar einer Fledermaus den Abstand zu Gegenständen rund ums Fahrzeug, so dass man mit Hilfe seiner optischen und akustischen Signale auch ohne direkte Sicht sicher und zentimetergenau in eine Parklücke einrangieren kann, ohne irgendwo anzustoßen.

Dieses System, das sich derzeit bis zu den kleinsten Fahrzeugklassen durchsetzt, wird schon bald neue Funktionen bekommen. Künftig wird es die Länge einer Parklücke am Straßenrand messen können, so dass man weiß, ob man überhaupt hineinpasst. Zusätzlich misst es auch die Tiefe der Lücke bis zum Bordstein. Aus diesen Daten errechnet es, wie man die Lenkung einschlagen muss, um das Auto optimal in diese Lücke zu dirigieren. Künftig wird das Auto die Lenkmanöver sogar vollautomatisch ausführen können. Der Fahrer muss nur noch Gas und Bremse betätigen. Selbst vollautomatisches Einparken wird möglich.

Erweitern lässt sich auch der Funktionsumfang der adaptiven Temporegelung (Adaptive Cruise Control/ACC), die noch auf Geschwindigkeiten von mehr als 30 km/h ausgelegt ist. Künftig wird sie auch bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten arbeiten. Das bedeutet im Stop-and-Go-Verkehr, dass ACC das Fahrzeug automatisch anhalten und ebenso automatisch wieder anfahren lässt, wenn das vorausfahrende Fahrzeug sich wieder bewegt. Ein enormer Komfort- und auch Sicherheitsgewinn und eine spürbare Entlastung gerade im dichten Verkehr, wie er zur Regel zu werden verspricht. Schon 2006 soll dieses ACCplus in Serie gehen.

Eine immer wichtigere Rolle als Sensor werden Videokameras spielen. Sie werden schon bald erkennen, ob ein Fahrzeug noch der Fahrspur folgt. Verlässt es die, wird der Fahrer gewarnt. In einer weiteren Entwicklungsstufe als Spurhalteassistent, greift das System in die Lenkung ein und weist dem Fahrer den Weg zurück in die Spur.

Eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben ist es, alle aktiven und passiven Sicherheitssysteme zu einem CAPS (Combined Active an Passive Safety System) genannten System zusammenzufassen. Das kennt aus allen verfügbaren Sensordaten jederzeit den aktuellen Zustand des Fahrzeugs und seiner Umgebung und kann drohende Gefahren voraussehen. So kann es den Fahrer so frühzeitig warnen, dass er jene halbe Sekunde gewinnt, die reicht, um rund 60 Prozent aller Auffahrunfälle und ein Drittel aller Frontalkollisionen zu vermeiden. Und notfalls kann es auch selbst eingreifen. Für den Fall, dass ein Unfall nicht zu vermeiden ist, kann CAPS alle Sicherheitssysteme so einstellen, dass sie optimalen Schutz bieten. Dieses sensitive Auto ist in vielen Bereichen längst keine Vision mehr, sondern bereits Realität.

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