DDR-Geschichte : Kein Abitur – wegen „antisozialistischen Verhaltens“

Das Pankower Ossietzky-Gymnasium erinnert mit einer Projektwoche an ein Stück Vergangenheit.

Rita Nikolow

Im Herbst 1988 wären vier Schulkarrieren fast zu Ende gewesen: Am 30. September vor 20 Jahren flogen Kai Feller, Katja Ihle, Benjamin Lindner und Philipp Lengsfeld – Sohn der damals zwangsausgebürgerten Vera Lengsfeld – von der Erweiterten Oberschule (EOS) Carl von Ossietzky in Pankow. Denn gegen die Jugendlichen wurde ein Relegationsverfahren eingeleitet. Vorgeworfen wurde den vier Oberschülern unter anderem „antisozialistisches Verhalten“ und „von langer Hand vorbereitete staatsfeindliche Aktivitäten“.

Angefangen hatte alles mit einer Säule im Erdgeschoss der Schule, die heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium heißt. Diese Säule wurde Anfang September 1988 zur „Speakers’ Corner“ ernannt und sollte, dem Vorbild im Londoner Hyde Park folgend, für die Schüler ein Ort der Meinungsäußerung sein.

Oberschüler Kai Feller klebte Mitte September einen selbstgeschriebenen Artikel an die Säule – in dem er die Notwendigkeit der Militärparade in Frage stellte, die die Nationale Volksarmee am 7. Oktober abhalten sollte, zum 40. Jubiläum der DDR. Und Kai begann, Unterschriften zu sammeln. Als er 38 Unterschriften zusammen hatte, erklärte ihm der damalige Schuldirektor, dass nicht genehmigte Unterschriftensammlungen in der DDR gesetzeswidrig seien. Er informierte die zuständige Schulrätin, diese die Staatssicherheit. Auf alle, die unterschrieben hatte, wurde Druck ausgeübt. Am Ende, nach Befragungen, Diffamierungen und außerordentlichen Schulversammlungen, zogen nur acht Schüler ihrer Unterschrift nicht zurück: Zwei erhielten einen Verweis, zwei weitere mussten die Schule wechseln, und im Fall von Katja, Benjamin, Philipp und Benjamin wurde die „Relegation eingeleitet“. Das heißt: Sie mussten die EOS verlassen, durften an keine andere Schule wechseln und hatten somit keine Aussicht mehr auf Abitur oder Studium.

Maßgeblich beteiligt am harten Kurs gegen die Oberschüler war Margot Honeckers Volksbildungsministerium: Der Schulleiter musste jeden Schritt mit den Vorgesetzten abstimmen – die Umsetzung wurde von einer Inspekteurin kontrolliert. 20 Jahre später ist es für die nachgeborenen Schüler nicht einfach, nachzuvollziehen, was 1988 an der eigenen Schule passiert ist. Auch, weil viele Eltern nicht gerne davon erzählen.

Deshalb hat das Ossietzky-Gymnasium gestern eine Projektwoche zu den Ereignissen gestartet: Zwei Siebtklässlerinnen standen am Montag interessiert vor den Stellwänden, auf denen im ersten Stock die Geschichte dieses Rauswurfs beschrieben wird, und auf denen auch drei kleine Bilder der damals betroffene Jungen kleben. Die Projekttage sind nicht die ersten, die von der Schule zum Jubiläum organisiert werden: „Vor zehn Jahren haben wir auch an die Ereignisse erinnert“, sagte Schulleiter Bernd Schönenberger. Die aktuellen Veranstaltungen hätten allerdings einen längeren Vorlauf gehabt: „Die Stellwände hat ein Geschichtskurs bereits im vergangenen Schuljahr vorbereitet.“ Zum Auftakt gab es gestern für alle Klassen eine dreistündige Lektion in Sachen DDR: Eine Gruppe verbrachte den Vormittag in der Birthler-Behörde, um dort über den Schulkonflikt zu recherchieren.

Für die angehenden Abiturienten gab es im Schulgebäude bereits einen Vorgeschmack auf die Uni: Mit einer Vorlesung des Potsdamer Wissenschaftlers Thomas Klein zur „Jugendopposition in der DDR“ – die den Schüler klar machte, dass es in der DDR durchaus noch „krassere“ Schulverweise gab als den Pankower.

Neben Zeitzeugengesprächen mit den damals betroffenen Schülern gibt es in den nächste Tagen unter anderem eine Lesung mit dem Schriftsteller Jens Sparschuh. Angefragt ist außerdem der Schriftsteller Volker Braun. Auch mit der Gedenkstätte Hohenschönhausen ist das Gymnasium eng verbunden: Geschichtslehrer Karsten Harfst hat zugleich eine halbe Stelle in der Gedenkstätte und versucht, den Unterrichtsstoff zum Thema „DDR“, für den im Schulalltag immer weniger Zeit sei, konzentriert zu vermitteln.

Zwei Lehrer werden sich in den kommenden Tagen wohl nicht mehr zu den Themen äußern: Es sind die letzten beiden Kollegen, die schon 1988 an der EOS arbeiteten. Dabei könnten sie viel über die damalige Zeit erzählen, als auch viele Kinder von DDR-Politgrößen wie Egon Krenz die Schule besuchten. Carsten Krenz gehörte damals der FDJ-Leitung der Schule an.

Kai Feller, Philipp Lengsfeld, Katja Ihle und Benjamin Lindner sind übrigens nicht ohne Schulabschluss geblieben: Nach der Wende haben sie alle ihr Abitur gemacht.

Im Rahmen der Projektwoche findet heute um 19 Uhr in der Aula der benachbarten Grundschule, Görschstraße 42-44, eine Podiumsdiskussion statt. Eingeladen sind Vera Lengsfeld, Bürgerrechtlerin und Mutter des damals relegierten Philipp Lengsfeld, der ebenfalls relegierte Kai Feller sowie Ari Zühlke, Autor der Dokumentation über den Fall, und Werner Schulz, Gründungsmitglied des Neuen Forums.

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