Debatte : Lehrer streiten über Tests für Drittklässler

Der angedrohte Boykott der Vergleichsarbeiten hat eine Debatte ausgelöst. Viele Rektoren bezweifeln den Sinn des Aufwands.

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Angezählt. Berliner Grundschullehrer zweifeln an den Fähigkeiten von Drittklässlern. Vor allem in sozialen Brennpunkten wie im...Foto: Mike Wolff

Der Widerstand gegen die zentralen Vergleichsarbeiten wächst. Denn nicht nur die 1100 Lehrer der Initiative „Schulen im sozialen Brennpunkt“, die einen gemeinsamen Brief an Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) geschrieben haben, lehnen die Tests in den dritten Klassen ab, sondern offenbar weite Teile der Lehrerschaft.

Inge Hirschmann vom Grundschulverband gehört beispielsweise nicht zu den Rektoren, die sich etwas von den Vergleichsarbeiten (Vera) erhoffen. „Wir teilen die Kritik der Grundschulen im sozialen Brennpunkt“, betonte sie. Die Kinder würden durch die viel zu schweren Aufgaben „beschämt“. Kritik kam auch aus Europaschulen. Die bilingualen Klassen hätten „ein Problem“ mit Vera, hieß es aus der russisch-deutschen Lew-Tolstoj- Grundschule in Karlshorst.

Insbesondere der große zeitliche Aufwand für die Vergleichsarbeiten stimmt etliche Schulleiter skeptisch: „Die Mehrarbeit ist enorm“, befindet die Leiterin der Lichtenberger Hermann-Gmeiner-Grundschule, Uta Schröder, die den GEW-Schulleiterverband leitet. Andererseits sei es „gar nicht so verkehrt“, den Lehrern eine Rückmeldung zu geben: „Wenn wir nicht früh anfangen mit Vergleichsarbeiten, sind wir auch nicht in der Lage, ein Zentralabitur zu schreiben“, steht für die Rektorin fest. Generell hätten die Kollegen aus den West-Bezirken mehr Probleme mit Vergleichsarbeiten als Ost-Kollegen, die das Instrumentarium von früher her kennen würden. Die Möglichkeit eines Boykotts schließt aber auch Schröder nicht aus. Der Test wird Ende April/Anfang Mai geschrieben.

„Vergleichsarbeiten sind wichtig, um genau zu wissen: Was können die Kinder“, sagt die Leiterin der Schöneberger Werbellinsee-Grundschule, Ellen Hansen. Sie bezweifelt aber, dass das aufwendige Verfahren jährlich wiederholt werden muss: „Alle vier Jahre reicht auch“, meint Hansen. Zwiespältig steht man den Vergleicharbeiten auch in der Marzahner Peter-Pan-Grundschule gegenüber. Die Durchführung mitsamt Korrektur und Eingabe der Ergebnisse bereite eine „unglaubliche Arbeit“, moniert Lehrerin Gudrun Czerner. Allerdings schreibe sie die Vergleichsarbeiten in der Hoffnung mit, dass Brennpunktschulen mehr Personal bekämen, wenn die großen Defizite sichtbar würden. Man müsse doch ausgleichen, was die Eltern bei der Förderung versäumten – Eltern, die schon ab mittags vorm Fernseher säßen und sich nicht kümmerten.

Eine Bestandsaufnahme mache nur Sinn, „wenn anschließend eine realistische Chance besteht, dass sich die benachteiligten Kinder auch verbessern können“, urteilte der CDU-Abgeordnete Sascha Steuer. Dafür brauchten die Schulen jedoch mehr Lehrer. Hingegen meinte Mieke Senftleben (FDP): „Eine Lehrkraft, die Vergleichstests abschaffen will, gleicht einem Arzt, der auf Diagnosen verzichtet.“ Kein einziges Problem werde durch Verdrängen und Ignorieren behoben. „Wir müssen im Gegenteil besonders genau hinsehen, analysieren und evaluieren, um die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können“, sagte Senftleben. Die negativen Befunde der vorigen Vergleichsarbeiten seien eine „schallende Ohrfeige für den Senat“. Dessen „Reformitis“ habe nichts gebracht.

Etliche Rektoren bedauern, dass viele Kinder auch nach jahrelangem Kitabesuch kaum über ausreichend feinmotorische und sprachliche Fähigkeiten verfügten. Jürgen Schulte vom Gesamtpersonalrat führt dieses Defizit allerdings nicht auf mangelnde Kompetenzen der Erzieher, sondern auf Personalmangel zurück.


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