Schule : Der Kia Rio – was Frauen bewegt

Sabine Beikler

Dieser mitleidige Kollegen-Blick. „Ach, Sie fahren zum Test eines Frauenautos.“ Für die Autorin war dies ehrverletzend. Zugegeben, sie hat ein paar kleine Vorbehalte gegen eine bestimmte Art von Autos. Bei Attributen wie knuffig, niedlich, weiche Formen, wenig PS würde sie am liebsten die Frauenbewegung wieder auferstehen lassen. Der Fahrtypus sportlich, offensiv, schnell auf zwei oder vier Rädern und weiblich kann aber auch anders: sich vorurteilsfrei in einen Kia Rio setzen.

Mit der zweiten Rio-Generation will der koreanische Automobilkonzern im Kleinwagen-Bereich VW Polo, Opel Corsa und Ford Fiesta Konkurrenz machen. Der modern gestylte Rio hebt sich aus dem unauffälligen Einheitsdesign vieler asiatischer Fahrzeuge positiv hervor: sportlich mit geschwungenen Linien und gelungenen Proportionen. Die Heckleuchten erinnern ein bisschen an Lancia, die Scheinwerfer vorne sind schräg geschnitten, mit Fantasie könnte man sie als tropfsteinförmig bezeichnen.

Von außen ist der Rio ansprechend, passen da aber auch Menschen von nicht asiatischem Wuchs hinein? Mit eingezogenem Kopf geht es auf den Fahrersitz. Welch angenehme Überraschung: Durch den längeren Radstand von 2,50 Metern (Polo: 2,46 Meter) haben auch große Mitteleuropäerinnen genügend Beinfreiheit. Bei den Farbvarianten muss man sich nicht angewidert abwenden. Saphirblau, polarsilber, tropicalred, midnightblack, für Puristen clearwhite, für Froschliebhaber softgreen. Sonnenuntergangsschwärmer sollten Sunset Orange wählen: Bei der Farbe hat man wenigstens nicht das Gefühl, in einer leuchtenden Farbkugel durch die Gegend zu rollen.

Der Rio wird mit einem 1,4-Liter-Benziner (97 PS) und einem 1,6-Liter-Motor (112 PS) angeboten. Erstmals kommt ein 1,5-Liter-Diesel mit 110 PS hinzu. Mit dem geht es auf die „Tour de Champagne“ bei Paris, zu der Kia zur Präsentation eingeladen hat. Eigentlich können Diesel eine untertourige Fahrweise gut wegstecken: Der Rio (max. 4000 Umdrehungen) aber reagiert darauf sehr bockig. Eine forschere Fahrweise auf unebenen Straßen mag er auch nicht: Trotz ESP schwimmt das Auto etwas, die Dämpfer geraten schnell an Grenzen. Auch die Sitze haben zu wenig Seitenhalt: Große Fahrer wackeln in Kurven wie lockere Milchzähne hin und her. Wie muss es erst kleineren Menschen ergehen? Aber bitte, man muss ja nicht so schnell fahren . . .

Übrigens, die Beschleunigungswerte für den Rio sind ganz passabel: Der 1,4-Liter braucht 12,3 Sekunden auf Tempo 100, der Diesel 11,5 Sekunden.

Kommen wir zum Typ Frauenauto: Wen beleuchtbare Schminkspiegel und ein Brillenfach glücklich machen, liegt beim Rio richtig. Sinnvoll sind Leselichter vorn und hinten und eine Autosteckdose. Die Instrumente sind gut ablesbar, die Ablageflächen ausreichend. Die Sitze können vertikal und horizontal, das Lenkrad in der Höhe verstellt werden. Rücksitzbank und -lehne lassen sich geteilt nach vorn klappen: So kann das Kofferraumvolumen von 272 auf über 1100 Liter vergrößert werden. Die kleinen Kopfstützen wirken dagegen wie überflüssige Accessoires. Für das Verstellen braucht es Fingerspitzengefühl, sonst hat man die dreieckigen Teile sofort in der Hand.

Zwei amüsante Bedienungselemente hat der Rio auch: die Sitzheizung, die binnen kürzester Zeit Fahrer mit wenig Hang zum Masochismus um ein paar Zentimeter in die Höhe schnellen lässt. Und ein Schlitz unterhalb des Radios. Ist das ein heimlicher Kartenfresser, rätselten wir, entschieden uns dann für eine Halterung für Parkscheine.

Der Kraftstoffverbrauch ist günstig: Das 1,4-Liter-Modell schluckt 6,2 Liter auf 100 km, die 1,6-Liter-Maschine 6,5 und der Diesel 4,7 Liter. Für den Rio, der in Deutschland ab 20. August als fünftürige Steilheckversion erhältlich ist, spricht auch der Preis: Die 1,4-Basisversion mit ABS, sechs Airbags, Zentralverriegelung, elektrischen Fensterhebern kostet 9880 Euro. Aufgerüstet werden kann der Rio mit diversen Komfort- und Sicherheitspaketen. Der 1,6-Liter kostet ab 12 910 Euro, der Diesel ab 13 610 Euro.

Kia-Deutschland-Geschäftsführer Haydan Leshel nennt als Zielgruppe „männliche Singles und Frauen um Mitte 30“. Alles klar? Wahrscheinlich ist der Rio ein Trostpflaster für Singlemänner. Wenn sie schon keine Frau fürs Leben gefunden haben, dann zumindest ein Frauenauto, das ihnen die Treue hält.

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