Schule : Der Kraftzwerg

Opel rundet sein OPC-Programm mit einem schnellen 192-PS-Corsa ab, der auch im Alltag eine gute Figur macht

Sven Jürisch

Sportlichkeit ist eine Eigenschaft, die nur noch wenige Autofahrer mit der Marke mit dem Blitz assoziieren. Die letzten Rennerfolge in der DTM liegen lange zurück und auch die Sportmodelle der achtziger und neunziger Jahre, vom Schlage eines Calibra oder Kadett GSI, verschwinden langsam aus dem Straßenbild.

Aber eigentlich ist die Sichtweise ein bisschen ungerecht. Denn mit den OPC-Modellen verfügen diverse Opel-Baureihen über Sportversionen, die sich leistungsmäßig nicht vor den Mitbewerbern verstecken müssen.

Als jüngster Neuzugang ist jetzt auch der Corsa als OPC erhältlich. Der erste Blick zeigt: Ein wenig nach Muckibude sieht der Kleine schon aus. Neu gestaltete Front- und Heckschürzen nebst Schwellerverbreiterungen erinnern ein wenig an längst vergangene Tage heimischen Garagentunings. Die kecke Abrisskante am Heck, auch Diffusor genannt, sowie die diversen Detailmodifikationen von den Außenspiegeln bis hin zum dreieckigen Sportauspuff sind ebenfalls alles andere als zurückhaltend. Die Richtung ist klar. Opel möchte einen Kundenkreis ansprechen, dem es gefällt, aus der grauen Masse der dezent veredelten Sportminis herauszustechen. Gewollt und auch gekonnt ist das Motto. Und das ist gut so. Die knackige Form des sportlichsten Corsa kommt dabei besonders gut in der OPC-Traditionsfarbe Ardenblau zur Geltung. Daneben gibt es den nur als Dreitürer lieferbaren Corsa noch in den Farben Rot, Silber und Schwarz.

Die extrovertierte Linie der Sportlichkeit setzt sich im Innenraum fort. Auf den ersten Blick fallen die beiden von Recaro beigesteuerten klappbaren Rennschalensitze mit integrierten Seitenairbags auf. Sie ermöglichen dem ambitionierten Hobbyrennfahrer, Hosenträgergurte nachzurüsten und damit dem Ärger über den schlecht erreichbaren Seriengurt zu entgehen. Leider verschlimmern die ausladenden Sitze die ohnehin schlechte Übersichtlichkeit des coupéartigen Corsa noch weiter, was das Einparken zum Geduldsspiel werden lässt. Die Lüftungsdüsen sind blau eingefasst – Playmobil lässt grüßen. Die Alupedale – wie damals bei D & W. Die restlichen OPC-Details beschränken sich auf mehr oder minder auffällige optische Modifikationen. So verfügt das gut in der Hand liegende Dreispeichenledersportlenkrad über eine Markierung in Mittellage, damit man im Kurvengeschlängel nicht die Orientierung verliert.

Abhandenkommen kann die dem Fahrer schon eher, wenn es um das Wohlbefinden des 1,6-Liter-Turbomotors geht. Denn die Instrumentierung entspricht nahezu der eines Basiscorsa. Es bleibt das Geheimnis der Opel-OPC-Mannschaft, weshalb ein Auto mit derart sportlichen Ambitionen weder über eine Kühlmittelanzeige noch über eine für die Öltemperatur verfügt. Auch über den gerade anliegenden Ladedruck lässt der Corsa OPC seinen Besitzer im Unklaren. So bleibt dem Fahrer ein sich anbahnender Exitus des Sportlerherzens möglicherweise verborgen, bis es zu spät ist. Dabei wäre es schade um den Vierzylinder, denn der macht seine Sache hervorragend. Aus 1,6 Liter Hubraum holt er per Turboaufladung stolze 192 PS. Das ist so viel Leistung, wie sie noch vor 15 Jahren ein BMW 325 i hatte. Anlassen und los geht es, zunächst etwas verhalten. Wie jeder andere Corsa schnürt der OPC von dannen. Auch viel Kraft lässt sich zivil verpacken. Erst wenn der Lader die 1,3 bar Ladedruck erreicht, gelangen die rund 230 Newtonmeter Drehmoment (266 Newtonmeter bei Overboost) an die Vorderräder. Gut beherrschbar durch eine exzellent austarierte Fahrwerksauslegung, aber eben doch so kraftvoll, dass die Vorderräder fast immer durchdrehen, wenn man das will. Die Techniker haben ihre Hausaufgaben gemacht. Allerdings bleibt Frontantrieb Frontantrieb – und der hat eben seine physikalischen Grenzen.

Die serienmäßigen 17-Zoll-Reifen (18 Zoll gegen Mehrpreis) kämpfen dann mit der Traktionskontrolle um die Oberhand. Die greift zwar ein, aber oft so spät, dass der Kraftfluss abreißt. Trotzdem hat man nie das Gefühl, in einer überzüchteten Rennsemmel zu sitzen. Das liegt vor allem an der gleichmäßigen Leistungsentfaltung, die in Verbindung mit dem gut abgestuften und präzise zu schaltenden 6-Gang-Getriebe dafür sorgt, dass sich der Corsa-OPC fährt wie ein Wagen mit hubraumstärkerem Saugmotor. Diese Auslegung verhilft dem Corsa auch zu einem günstigen Verbrauchswert von 7,9 Litern Super Plus auf 100 Kilometer. (CO2-Ausstoß 190 Gramm pro Kilometer). Anderseits ist bei Volllast auf der Autobahn auch ein entsprechender D- Zug-Zuschlag fällig. Bis zu 13 Liter werden es dann.

Dann beschleunigt der Corsa aus Opels Performance Center aber auch binnen 7,2 Sekunden auf 100 Stundenkilometer, und erst bei 225 Stundenkilometern hört der Wagen auf, schneller zu werden. Dass der drehfreudige Motor dabei mit häufigen Gangwechseln bei Laune gehalten werden will, stört wenig, sondern ist Teil des Spaßes. Wie alle OPC-Modelle musste auch der kleinste im Bunde eine intensive Erprobungsphase auf dem Nürburgring über sich ergehen lassen. Die Abstimmung übernahm dabei nach Opel-Angaben kein Geringerer als Le-Mans-Sieger Manuel Reuter. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wieselflink geht es auf abgesperrtem Gelände um die Slalomhütchen, nimmt der Corsa Spitzkehren und hebt in schnellen Wechselkurven keck das Bein, wobei er gelegentlich kurz mit dem Heck nachschiebt. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig, macht aber nach kurzer Zeit das Salz in der Suppe aus. Dabei ist der Corsa kein brettharter Sportler, sondern verfügt auch im Alltag über einen durchaus befriedigenden Komfort.

In der Summe seiner Eigenschaften stellt der Corsa OPC eine auffällige und gelungene Erweiterung des OPC-Programms dar. Wer Spaß am Autofahren hat und sich an der Optik nicht stört, wird mit dem rund 22 500 Euro teuren Flitzer richtig liegen. Zumal die Alltagstauglichkeit nicht unter dem Trainingsprogramm gelitten hat. Warum also sollte Opel in diesem Jahr nicht die angestrebten 3000 Exemplare verkaufen?

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