Schule : Der Preis ist heiß

Erdgasfahrzeuge schonen nicht nur Umwelt und Geldbeutel, sie sind inzwischen auch alltagstauglich

Roland Koch

Mit Tempo 140 schnurrt der Opel Zafira über die Autobahn. Gestartet sind wir mit ihm in Berlin, haben Magdeburg passiert und befinden uns jetzt auf Höhe Braunschweig. Die Nadel der Tankanzeige ist inzwischen in den roten Bereich gewandert, der Tank muss jeden Augenblick seinen letzten Tropfen hergegeben haben. Doch das stört uns nicht weiter, wir setzen die Fahrt in flottem Tempo fort. Da gibt es plötzlich einen kleinen, kaum wahrnehmbaren Ruck und die Tankanzeige zeigt wieder volle Ladung. Der Opel hat während der Fahrt auf seinen zweiten Tank umgeschaltet und fährt jetzt mit Super weiter, noch 90 Kilometer bis zur Tankstelle Seesen. Für den Weg nach Braunschweig reichten uns 13,5 Kilogramm Erdgas.

Autos mit Erdgasantrieb erleben derzeit einen regelrechten Boom in Deutschland. Waren es vor vier Jahren gerade einmal rund 10 000, fahren heute rund drei Mal so viel auf Deutschlands Straßen. Damit dürfen sie noch immer als Nischenmarkt bezeichnet werden, doch die Kurve der Neuzulassungen steigt rasant. Die Vorteile der Autos mit dem alternativen Antrieb liegen auf der Hand. Erdgas ist deutlich günstiger als Benzin, es ist auf viele Jahrzehnte hinaus verfügbar, schadstoffärmer bei der Verbrennung – und mittlerweile ist die Technik im Automobilbau vor allem alltagstauglich.

Optisch unterscheiden sich Erdgasfahrzeuge nicht von Pkw mit Benzin- oder Dieselantrieb. Die Innovation steckt unterm Blech. Dort befinden sich in der Regel neben einem kleinen Benzintank die Gastanks. Erdgasfahrzeuge werden in zwei Versionen angeboten: So genannte „monovalente“ Fahrzeuge sind auf den Betrieb mit Erdgas optimiert. In einem Nottank haben sie zusätzlich ein paar Liter Benzin. Bei „bivalenten“ Fahrzeugen ist der Anteil am Benzinbetrieb, dank größerer Benzintanks, meist höher. Ähnlich ist bei beiden Antriebsarten, dass der Motor automatisch auf Benzinbetrieb umschaltet, sobald der Erdgas-Vorrat erschöpft ist. Diese Technik ist mittlerweile so weit ausgereift, dass die Fahrzeuge problemlos den Einsatz im Alltag bewältigen. Die Zapfsäulen für Erdgas ähneln denen für Benzin. Ist der Tank gefüllt, fährt man mit einem Erdgasauto genau wie mit einem Wagen herkömmlichen Antriebs.

Allerdings leert sich der Geldbeutel nicht ganz so schnell: Ein Kilogramm Erdgas kostet – je nach Qualität – zwischen 65 und 77 Cent. Wegen seiner guten Umwelteigenschaften wird es in Deutschland nämlich nur mit 20 Prozent des üblichen Mineralölsteuersatzes belastet – diesen Satz hat die Bundesregierung bis 2020 garantiert.

Für die 310 Kilometer von Berlin ins niedersächsische Seesen verbrauchte der Zafira neben den 13,5 Kilogramm Erdgas – für insgesamt 8,92 Euro – noch rund elf Liter Super für 13,77 Euro. Das macht 22,69 Euro gesamt, also 7,32 Euro Kraftstoffkosten für 100 Kilometer. Hätten wir auf den Sprit verzichtet und rechtzeitig Erdgas nachgetankt, hätten sich die Kosten auf rund vier Euro für 100 Kilometer reduziert.

Da werden selbst Dieselfahrer blass. Um die Kostenvorteile eines Erdgasfahrzeugs voll nutzen zu können, empfiehlt es sich, den Benzintank möglichst wenig in Anspruch zu nehmen. Dadurch aber reduziert sich der Aktionsradius beträchtlich. Nach 180 bis 200 Kilometern ist oft Schluss mit lustig, dann muss die Zapfsäule angesteuert werden. Das Netz mit Erdgastankstellen wächst zwar kontinuierlich, rund 600 davon gibt es derzeit in Deutschland, bis zum Jahr 2007 sollen es 1000 sein. Doch wer auf große Fahrt geht, muss sich vorher gut überlegen, welche Strecke er wählt und wo die Tankstopps liegen – sonst muss man unter Umständen auch einen Umweg einkalkulieren.

Beim Opel Zafira, dem bundesweit am häufigsten verkauften Auto mit dem alternativen Antrieb, sind die Erdgastanks Platz sparend in Unterflurbauweise angebracht. So bietet der Siebensitzer das gleiche Raumangebot wie die Modelle mit Benzinantrieb. Der 1,6-Liter-Motor leistet 71 kW (97 PS), hat ein maximales Drehmoment von 150 Nm und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 172 km/h. Er basiert auf dem 1,6-Liter-Ecotec-Benzinmotor und wurde für die Nutzung von Erdgas optimiert. Damit ist man in dem Van zwar nicht gerade sportlich, aber durchaus flott unterwegs.

Für ein Erdgasfahrzeug muss man höhere Anschaffungskosten einkalkulieren. Der Zafira zum Beispiel kostet 2550 Euro Aufpreis gegenüber einem vergleichbaren Benziner. Volkswagen verlangt für einen Golf Variant Bi-Fuel 4100 Euro mehr als für ein vergleichbares Benzinermodell. Bei Mercedes muss man für den E 200 NGT mit einem 120 kW (163 PS) starken Vierzylinder – die derzeit leistungsstärkste Limousine auf dem Markt – 2950 Euro Mehrpreis auf den Tisch legen. Bei Ford, Volvo, Fiat ist es ähnlich.

Wer sich bei der Anschaffung eines Neufahrzeugs für den Erdgasantrieb entscheidet, ist jedoch schnell auf der Seite der Kosteneinsparung. Neben den günstigeren Treibstoffkosten reduziert sich auch die Kfz-Steuer auf bis zu 56 Prozent und manche Versicherer geben überdies eine „Ökoprämie“.

Erdgas belastet die Umwelt deutlich geringer als Benzin oder Diesel. Nach Angaben der Initiative „Das Erdgasfahrzeug“, in der sich unter anderem verschiedene Hersteller, Aral, der ADAC und das Bundesumweltministerium zusammengeschlossen haben, stoßen Erdgasautos rund ein Viertel weniger Kohlendioxid (CO2) aus als Benziner, 75 Prozent weniger Kohlenmonoxid (CO) und 60 Prozent weniger reaktive Kohlenwasserstoffe (HC). Erdgas verbrennt überdies quasi ohne Rußbildung.

Die Autohersteller haben mittlerweile über 30 Modelle im Programm – vom Pkw bis zum Transporter. In wenigen Wochen, auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main, werden viele Hersteller ihre neuen Erdgasmodelle vorstellen: Opel zum Beispiel die neueste Version des Zafira, Volkswagen den Touran und den Caddy – der Weg aus der Nische scheint gebahnt.

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