Deutsches Kindertheaterfest : Vorhang auf für verliebte Hühner

Das Deutsche Kindertheaterfest fand dieses Jahr zum ersten Mal in Berlin statt. 130 Acht- bis Zwölfjährige aus ganz Deutschland zeigten ihre Stücke.

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Hingucker. Die vierte Klasse der Buckower Lisa-Tetzner-Grundschule nahm letzte Woche mit ihrem Stück „Justus und ein Hahn zu viel“ am vierten Deutschen Kindertheaterfest teil.
Hingucker. Die vierte Klasse der Buckower Lisa-Tetzner-Grundschule nahm letzte Woche mit ihrem Stück „Justus und ein Hahn zu viel“...

Zehn Hühner sind schwer zu bändigen: Sie singen, tanzen und gackern den ganzen Tag durcheinander. Chef der Truppe auf dem Bauernhof ist Kater Justus, der den Hühnern Beine macht. Bis der Bauer eines Tages einen Hahn mit auf den Hof bringt – und Justus plötzlich ein Problem hat. Mit dem Stück „Justus und ein Hahn zu viel“ nahm die Buckower Lisa-Tetzner-Grundschule letzte Woche am vierten Deutschen Kindertheaterfest teil, das alle zwei Jahre stattfindet und dieses Jahr zum ersten Mal in Berlin war.

Sieben von 45 eingereichten Stücken waren von einer Jury ausgewählt worden. Nun zeigten die 130 acht- bis zwölfjährigen Teilnehmer aus ganz Deutschland und dem deutschsprachigen Teil Italiens vier Tage ihre Arbeiten, darunter ein Stück über die Frage, was man tun kann, wenn die Eltern gemein sind, außerdem Tanz- und Musikstücke und ein Krimi.

Organisiert hat das ganze Michael Assies, Lehrer an der Tetzner-Schule – und, wie er sagt, selbst „Theaterverrückter“, der seit 15 Jahren auch das Neuköllner Theatertreffen der Grundschulen leitet. „Theater fördert in unvergleichlicher Weise unterschiedlichste Kompetenzen“, sagt Assies: Es ist eine intellektuelle Herausforderung, es geht um Körpererfahrung und Kreativität, um soziale Interaktion. „Und außerdem muss man sich erst mal trauen, auf einer Bühne zu stehen.“

Getraut haben sich alle, und ziemlich professionell haben sie es noch dazu hinbekommen: Die Jury hatte entschieden nach Kriterien wie Spielfreude, Authentizität und einem Merkmal namens Anverwandlung. „Die Kinder sollen verstehen, was sie da machen“, übersetzt Assies, „sie sollen ihr Ding machen.“ Die Stücke waren also nicht fertig, sondern sie wurden mitentwickelt von den Kindern – im Fall der Lisa-Tetzner-Schule über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Die Leiterin der Theater-AG Andrea Nestler schrieb den Plot, „danach haben wir ganz viel improvisiert“, sagt sie. Was den Kindern daran am meisten Spaß macht? „Anders sein als in echt“, sagt eine, „singen“, „aufgeregt sein vor dem Auftritt“. Viele Impulse und Ideen zum Stück kamen von den Kindern selbst: dass der musikbegeisterte Kater Justus schon mal auf einer Sonnenblume Gitarre spielt, oder dass der Bauer Leopold einen überdimensionierten Korb über die Bühne trägt, neben dem er ganz klein wirkt. Im Publikum ruft das Kichern und Gejohle hervor.

Überhaupt das Publikum: Wenn jedes so mitgehen würde wie dieses, wäre auch die erwachsene Theaterlandschaft reicher. Hier wird nicht etwa abgewartet, was auf der Bühne so geboten wird, sondern direkt mitgeklatscht, vor Begeisterung mit den Füßen getrampelt und nebenbei ganz genau aufgepasst, was die Konkurrenz so macht. Einen Sieger gibt es aber nicht: Es geht ums Mitmachen, Dabeisein, Diskutieren. Dafür gibt es Gesprächsrunden, aber auch im Publikum entspinnen sich schon lebhafte Debatten.

Die neun Jahre alte Myriam aus Bremen etwa sitzt neben den beiden zwölfjährigen Mädchen Amina und Seven aus der Neuköllner Elbe-Grundschule. Myriam hat am Tag zuvor schon das Stück „Aus Spiel wird Ernst“ gesehen, bei dem Amina und Seven mitgespielt haben. Da ging es um Gewalt auf dem Schulhof und darum, wie mit Konflikten umgegangen werden kann. Myriam hat das Stück gefallen: „Man erfährt etwas“, sagt sie.

Amina und Seven sind stolz: Auch sie haben ihr Stück nämlich selbst mitentwickelt. „An unserer Schule gab es auch schon Gewalt“, sagen sie. Nun jedoch hätten sie Konfliktlotsen, und die Mitschüler würden viel vertrauensvoller miteinander umgehen als zuvor.

Genau um solche Erfahrungen geht es Michael Assies. „Theater hat mit der Lebenswelt der Kinder zu tun“, sagt er. „Probleme kann man besprechen, man kann sie aber auch im Theater aufarbeiten.“ Das sei viel intensiver und habe positive Wirkung auf die ganze Schule. Assies fordert deshalb, Theater zumindest als Wahlpflichtfach bereits in der Grundschule zu verankern. „Bislang müssen Inseln für Theater geschaffen werden, die oft vom Engagement Einzelner abhängen“, sagt er. An Berliner Grundschulen gibt es bislang noch kein Fach „Darstellendes Spiel“ – anders als an den Sekundarschulen und Gymnasien.

Parallel zum Kindertheaterfest fand letzte Woche auch eine Fachtagung zum Thema „Theater mit Kindern als künstlerische Bildung“ für rund 70 Lehrer, Theaterpädagogen und Wissenschaftler statt. Organisiert wurde sie vom Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT), der im Januar von Süddeutschland nach Berlin zieht. „Anders als bei Erwachsenen bewegt sich die Theaterarbeit mit Kindern immer im Spannungsfeld von Pädagogik, Kunst und ästhetischer Gestaltung“, sagt BDAT-Geschäftsführerin Irene Ostertag. Neben den pädagogischen Aspekten solle ein Stück eben auch eine künstlerische Produktion sein.

Die Schauspieler der Tetzner-Schule haben das hinbekommen: Sie überzeugten ihr Publikum durch Witz, Charme und Songs. Kater Justus findet zwischenzeitlich einen total verliebten Hühnerhaufen vor, der nur noch Ohren für das Krähen des Hahnes hat und nicht mehr für seine Musik. Als er jedoch Huhn Biggi vor einem Entführer rettet, während der Hahn feige die eigene Haut in Sicherheit bringt, wird er wieder in den Kreis der Hühnerschar aufgenommen. Auch im Publikum hat Kater Justus Fans gefunden: „Der ist ja so süß!“, schwärmt Amina.

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