Schule : Die heißeste Phase der Opel-Geschichte

Gestern vor 75 Jahren startete Fritz von Opel mit seinem Raketenauto RAK2 auf der Avus / Ausstellung bei „Opel in Berlin“

Ingo von Dahlern

Hätten sie geahnt, dass das Auto vor ihnen rund 120 Kilo Sprengstoff an Bord hatte, wären sie womöglich nicht ganz so locker gewesen – die rund 3000 geladenen Gäste, darunter Filmstar Lilian Harvey, Dichter Joachim Ringelnatz und Box-Idol Max Schmeling, die sich mit Tausenden von Zaungästen gestern vor 75 Jahren am 23. Januar 1928 auf der Nordkurven-Tribüne der Berliner Avus versammelt hatten. Doch die Gewalt dieses rollenden Pulverfasses war gezähmt, verteilt auf 24 Raketen des Raketen-Fabrikanten Friedrich Wilhelm Sander aus Wesermünde, die im Heck des Wagens mit dem Namen RAK2 montiert waren. Einem Opel, mit dem der experimentierfreudige Fritz von Opel nach ersten Versuchen mit dem Versuchsträger RAK1 nun erstmals vor ganz großer Öffentlichkeit die gewaltigen Kräfte eines Raketenantriebs zeigen wollte – nicht ohne den Blick auf eine nicht allzu ferne Zukunft zu richten, in der man mit bemannten Fahrzeugen mit Raketenantrieb den Weltraum zu erobern hoffte.

Es war spektakulär, wie die Raketen um 10 Uhr 40 Uhr zündeten, der Wagen mit einem gewaltigen Feuerschweif aus dem Heck nach von katapultiert wurde, nach 24 Sekunden bereits 1800 Meter zurückgelegt hatte und mit dem Zünden der letzten beiden Raketen eine Geschwindigkeit von 230 km/h erreichte – und damit eigentlich zu viel, um das Auto sicher auf der Straße zu halten. Denn der Vorderwagen hob trotz der Tragflächenstummel an beiden Flanken, die für den nötigen Anpressdruck auf die Fahrbahn sorgen sollten, immer wieder mit den Vorderrädern ab. Nur mit viel Nervenstärke und einer enormen Portion Glück gelang es Opel, ihn ins Ziel zu dirigieren. Statt in der Hölle zu landen, deren Pforten sich seinen Blicken bereits zeigten, wurde Raketen-Fritz der Held des Tages und seine Automarke Opel galt fortan als die mit dem wohl progressivsten Image.

Es blieb nicht Opels letzte Reise auf den Feuerstrahl. Denn jetzt wollte er mit einem raketengetriebenen Schienenfahrzeug den Geschwindigkeitsrekord von 326,67 km/h brechen. Auf der neuen noch nicht freigegebenen Strecke Celle – Burgwedel sollte das Experiment starten. 25 000 bis 30 000 Zuschauer waren dabei, als am 23. Juni 1928 die Schienenrakete RAK3 mit einer ersten Ladung von 10 Raketen startete und auf Anhieb den bei 215 km/h liegenden Schienenweltrekord brach – mit maximal 254 km/h. Für den zweiten Start wurden dann 30 Raketen eingesetzt – 375 Kilo Sprengstoff mit vier Mal so starker Schubkraft. Als Passagier an Bord ging eine grau getigerte Katze. Sie sollte die Fahrt ebenso wenig überleben wie RAK3. Denn offensichtlich zündeten die Raketen nicht in der geplanten Reihenfolge, sondern zu viele auf einmal. Das Fahrzeug löste sich in einer gewaltigen Detonation auf – ein Glück, dass man vor dem Start beiderseits der Strecke eine Sicherheitszone von 350 Meter hatten räumen lassen. Das zweite für eine bemannte Fahrt bereits startfertige Fahrzeug – es wurde an diesem Tag nicht mehr gezündet und auch nicht später .

Doch der Misserfolg konnte die Raketenpioniere Fritz von Opel und Friedrich-Wilhelm Sander nicht bremsen. Sie bauten die verbesserten Modelle RAK4 und RAK5 – wiederum Schienenfahrzeuge. Am 4. August 1928 ging RAK4 an den Start – sollte 400, 500 ja vielleicht sogar 600 km/h erreichen. Doch auch diesmal verglühte das Fahrzeug in einem gewaltigen Feuerball. Denn eine der Raketen war kurz nach dem Start krepiert, hatte in einer Kettenreaktion alle übrigen gleichzeitig gezündet und damit das Ende von RAK4 besiegelt. Und obwohl RAK5 startbereit war, untersagte die Reichsbahn weitere Experimente, denn zwei Blindgänger waren mitten zwischen die Zuschauer geflogen, zum Glück aber nicht explodiert. Damit waren die gefährlichen Raketen-Versuche auf Schiene und Straße endgültig vorbei.

Stattdessen ging Fritz von Opel in die Luft – mit speziell konstruierten Delta-Flugzeugen ohne klassisches Leitwerk. Am 11. Juli 1928 startete der Segfelflieger Fritz Stamer zum ersten Raketenflug eines Menschen – mit Erfolg. Opel blieb am Ball und startete am 30. September 1928 mit einem für den Katapultstart umgerüsteten Hochdecker mit 16 Raketen. Der Start schlug fehl, ebenso der zweite Versuch. Aber der dritte gelang und Opel flog rund zehn Minuten in 50 Meter Höhe mit Raketenantrieb. Endlich wieder ein Erfolg. Doch die Ladung der Raketen reichte nicht für eine Rückkehr zur Startbahn. Opel machte eine Bruchlandung – auf einem Kartoffelacker. Das Flugzeug war zerstört, aber Opel blieb unverletzt. Die wohl abenteuerlichste Phase in der Opel-Geschichte fand damit ihr Ende. Denn als General Motors Opel 1929 übernahm, war für hochfliegende Raketen- und Weltraumpläne kein Platz mehr. Stattdessen konzentrierte man sich auf die Entwicklung modernster Fertigungstechniken für ganz normale Autos – mit bahnbrechendem Erfolg.

Aber die Raketenjahre sollen nicht vergessen werden. So hat Opel 75 Jahre später in seinem neuen Marken- und Kommunikationszentrum „Opel in Berlin“ in der Friedrichstraße 94 soeben eine kleine Ausstellung über diese wohl heißeste Phase der Opel-Geschichte eröffnet. Sie zeigt neben vielen Texten und Fotos auch die originalgetreuen Nachbauten des RAK2 und eines Opel-Raketenmotorrads sowie ein Modell des Opel-Raketenflugzeugs (Geöffnet montags bis freitags von 10 bis 20 Uhr und sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei).

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