Schule : Die reine Zeitmaschine

Weil modern meist auch verwechselbar heißt, entscheiden sich mehr Motorradfahrer für Retro-Modelle Die Triumph Scrambler ist ein besonders gelungenes Modell dieser Art – und erinnert dabei an einen Kinoklassiker

Andy Schwietzer

Man muss kein Verehrer von Steve Mc Queen sein, um die brandneue, nostalgische Triumph Scrambler hübsch zu finden. Derartige Twins gehörten einst zu einem sehr amerikanischen Sport. Man traf sich frühmorgens und lieferte sich nach dem Startschuss mit Hunderten anderer Motorradfahrer ein skuriles Rennen – quer durch die Wüste zu einem hunderte von Kilometern entfernten Ziel. Wer am schnellsten heil durchkam, gewann. Hier düpierten die „Scrambler“ von Triumph oft die Konkurrenz. Manchmal sogar mit Filmlegende Steve Mc Queen im Sattel, der einen ganzen Stall dieser britischen Twins besaß und in dem Filmklassiker „The Great Escape“ eine auf deutsches Militärmotorrad gequälte Triumph TR 6 benutzte, um in die Freiheit zu springen.

Heute verbirgt sich hinter der klassischen 60er Jahre-Fassade die Scrambler, die auf dem schon länger käuflichen Retro-Modell Bonneville basiert, ein moderner Zweizylinder mit 54 PS aus 865 ccm. Komfort und Sicherheit sind zeitgemäß, jedoch war das spartanische Vorbild der 60er Jahre, die TR6 Trophy, 50 Kilo leichter als das aktuelle Retrobike. Die Gewichtszunahme ist vor allem dem Komfort und der aktiven Sicherheit geschuldet. Die heutige Scrambler besitzt einen stabilen Rahmen, der auch bei Höchsttempo (irgendwo um 170 km/h herum) eine tadellose Fahrstabilität bietet und dazu wirksame Scheibenbremsen, die den Fahrer auch zwischen modernen ABS-Autos zu beruhigen vermögen. Auch Abgas- und Geräuschemissionen entsprechen wie die Elektrik modernen Anforderungen, hier können Käufer je nach Gemütslage beruhigt oder entsetzt sein.

Wie es den heutigen Ansprüchen an den Zweiradkomfort entspricht, gibt es keinen Kickstarter mehr. Stattdessen hilft ein elektrischer Starter, der nicht nur sein eigenes Gewicht mitbringt, sondern auch eine solide Batterie erfordert. Noch dazu wird das 54 PS/40 kW bei 7 000 Umdrehungen leistende Triebwerk durch Ausgleichswellen besänftigt und über jede Menge stabile Details. Da greift ein Pfund ins andere, so dass die Gewichtszunahme unvermeidlich war. Auch die Dimensionen der Maschine sind eher üppig gehalten, sodass zu ihrer optischen Präsenz besser ein Ruderer denn ein Jockey passt.

Aufgesessen lässt sich die fahrfertig 230 Kilo schwere Triumph wunderbar balancieren, der breite Sattel lädt zum Verweilen ein. Der Choke an den Vergasern wirkt so nostalgisch wie der Blick auf die Gabellandschaft. Dem Druck auf an Anlasserknopf folgen nur dezente Lebensäußerungen. Ein böser Bube sprach daraufhin: „Die Scrambler hat keinen schlechten Klang, sie hat gar keinen!“ Gerade so eben lässt sich die Maschine als Parallel-Twin identifizieren. Hier hat es die political correctness zu gut gemeint. Selbstbewusste Rüpel kaufen garantiert illegale, laute Tröten, die es bei Triumph ebenfalls gibt.

Für freudiges Erstaunen sorgt das Triebwerk mit seiner bulligen sympathischen „Unten–Mitte“–Abstimmung. Giftiges Ausdrehen gehört nicht zu den Stärken der Scrambler, aber der lang übersetzte Twin hat schon bei absoluten Kellerdrehzahlen einen verdammt festen Händedruck aus seinen 865 ccm. Außerorts geht souverän alles im größten Gang, geschmeidiges Dahinrollen macht ebenso Spaß wie das forsche Überholen! Das Getriebe muss man fast nie bemühen, dabei flutschen Kupplung und die fünf Gänge mit einst unerreichbar scheinender Präzision.

Geschwindigkeiten oberhalb 120 km/h verbieten sich mit der aufgespannten Sitzhaltung von selbst. Kommod sitzt auch die Sozia, die endlich auch mal auch lange Beine unterbringt. Der Seitenständer ist lässig und stabil, während der Hauptständer mühsame Arbeit erfordert, aber immerhin ab Werk montiert wird. Zum relaxten Ritt passt die wiegend weiche Federung ausgezeichnet. Die Federungsabstimmung wird auch beim langsamen Fahren souverän mit Berliner Haushaltslöchern in der Fahrbahn fertig. Auf der Autobahn fühlt man sich nicht unbedingt verloren, kann aber nur mitschwimmen. Als funktionaler Nachteil entpuppt sich die garantiert schenkelverbrennungssichere, schnieke Auspuffanlage, die vernünftigen Unterschenkelschluss mit der Maschine und verhindert und die Mitnahme von Taschen oder Koffern unmöglich macht. Ein großer Tankruck in der Art des Harro- Elefantenboys ist die stilsichere Alternative zum modischen Rucksack.

Das britische Genussmotorrad taugt im Gegensatz zum lauten Urmodell nicht zum adrenalinbefeuerten Angasen. Doch für die relaxte Tour nach Gutsherrenart in den Oderbruch oder den Fläming muss es eben nicht die hyperschwere, hyperteure Big Block-Harley seine, die gestressten Erfolgsmenschen Kopf und Weltbild wieder zurecht rückt. Die 8 390 Euro teure Scrambler taugt perfekt für die coole Tour durch die City und ganz besonders für den lauschigen Bummel zwischen Alleebäumen und Rittergütern. Dank off-road-Lenker und -Bereifung darf es aber ruhig mal ein Sandweg zwischen den Birken sein.

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