Schule : Die sind doch nicht ganz dicht!

Was bringt einen ansonsten eigentlich ganz vernünftigen Menschen dazu, sich in ein Auto ohne Dach zu setzen? Wie Cabrios auf uns wirken

Lorenz Maroldt

Fangen wir an mit dem Käfer. Dem Käfer-Cabriolet natürlich. Vor mehr als dreißig Jahren, 1971, testete Hans-Rüdiger Etzold in der Juni-Ausgabe des Magazins „Gute Fahrt“ ein solches „Auto für Leute mit jungem Herzen“. Es war mit 7990 Mark klar teurer als ein normaler Käfer. Es war langsamer. Lauter. Umständlicher, gefährlicher. Bindehautenzündend, nackenerstarrend, feucht. Was also, bitteschön, soll das?

Etzold sagte es so: „In dieser Zeit, wenn die Röcke wieder kürzer und die Beine länger werden, handelt der Cabrio-Fahrer nach dem Motto: ein Ruck, ein Zuck. Schon legt sich das Verdeck artig und leicht in Falten. Fahrer und Auto lüften aus, der Mief aus der langen Winterzeit entweicht, es geht frischwärts. Selten, dass man einen Cabrio-Fahrer mit einem muffigen Gesicht antrifft.“

Ach ja. Ach je.

Etwa zur selben Zeit, jedenfalls in den siebziger Jahren, maulte ein „Tatort–Kommissar über eine anstehende Dienstreise: „Den ganzen Tag unterwegs, und das mit dieser alten Kiste“. Die alte Kiste war, Sie ahnen es, ein Käfer-Cabriolet. Wie gerne hätten wir mit dem Kommissar getauscht!

Offensichtlich hat ein Cabrio also nicht auf jeden Menschen die gleiche Wirkung. Kurioserweise sind die letzten, die das noch nicht kapiert haben, die Cabriofahrer selber, egal, ob sie nun einen quietschgelben alten Käfer fahren, einen Golf mit Überrollbügel, einen neuen MX5, einen tiefergelegten schwarzen 3er, einen silbernen SLK oder den verrotteten Peugeot 304, der bei uns um die Ecke parkt, mit zerfetztem Dach und provisorisch gespachtelt. Sie glauben es nicht einmal, wenn sie es gesagt bekommen. In der Süddeutschen Zeitung, auf der Jugendseite „Jetzt“, haben die Zwanzigjährigen gerade mit ihrer Vorvorgeneration abgerechnet, den Vierzigjährigen. Ein zentraler Satz war: „Nein, wir wollen nicht in eurem Cabrio mitfahren!“

Kommen wir der Sache damit näher? Trägt der typische Cabriofahrer Brusttoupet, schwingt er seinen mühsam eingezogenen Bauch mit schwindender Kraft über die Tür auf den Ledersitz, hält er sein Oben-ohne-Fahrzeug für eine Art aphrodisierendes botoxisches Ayurveda? Ist er wie sein Auto, also nicht ganz dicht? Ist er, um es auf den Punkt zu bringen, einfach nur eine peinliche Figur?

Na, und wenn schon. Das Schöne am Cabriofahren ist ja, neben dem Cabriofahren an sich, dass es einem ziemlich egal ist und auch egal sein kann, was die Leute von einem halten, weil man fest daran glaubt, dass die anderen auch gerne würden. Wenn sie wüssten, wie das ist. Wenn sie könnten. Und wenn es nicht gerade regnet, natürlich.

Es ist auch gar nicht so wichtig, was es für eins ist. Britta hatte so einen gelben offenen Käfer, wie ihn Testfahrer Etzold beschrieb und der heute auf Plakaten einer Krankenkasse zu sehen ist, voll besetzt mit vier fröhlichen Alten, die offensichtlich junge Herzen haben. Britta war unsere Sportlehrerin. Jung, blond, sexy, aber ohne festen Freund. Da hat der Wagen nicht geholfen. Als sie über eine Fernsehsendung einen Mann zum Heiraten suchte, kam sie auf die Titelseite vom „Express“. Darauf waren wir stolz. Noch stolzer waren wir, als sie uns in der Mittagspause den Schlüssel für ihr Cabrio gab. Einfach so! Wir sind den ganzen Tag durch die Stadt gefahren, und immer wieder am Gymnasium vorbei, ganz langsam. Nicht alle von uns haben die 12. Klasse im ersten Anlauf geschafft.

Cabriofahren ist vom Ansatz her und überhaupt ganz unvernünftig. Das spricht schon mal sehr für ein Auto ohne Dach. Aber welches? Es gibt Puristen, für die schon ein stinknormales Windschott ein unverzeihlicher Stilbruch ist, die ihren Fahrtwinddauerschnupfen stolz durch die Jahreszeiten tragen und im Biergarten unaufhörlich nervös in den Himmel starren, damit sie ja rechtzeitig losrennen und das Dach schließen können, wenn es zu tropfen beginnt.

Aber die Automobilindustrie tut vieles, um das soweit zu ändern, dass nur noch ein wilder Anschein bleibt. Diese neuen, bequemen, vernünftigen Cabrios mit Regensensor, automatischem Dach und Heizung in der Nackenstütze erinnern auch wieder an die siebziger Jahre, als sich für progressiv hielt, wer auf die Frage: „Was ist ihre Meinung zu Männern mit langen Haaren?“ sagte: Habe ich nichts dagegen, nur gepflegt müssen sie sein. Ein paar Jahre später trugen solche Menschen Stonewashed-Lederjacken.

Meine zweite unerreichte Liebe nach dem Käfer war ein Karman Ghia, der für 3000 Mark auf der Straße stand. Dann kam ein Alfa Spider, noch mit Rundheck, nicht so eckig plastikverbastelt wie die späteren. Ein Jaguar E-Type, ein SL, und ach – eigentlich alles, was kein Dach hat.

Mein erstes wirklich eigenes Cabrio hat kein Windschott, aber eine Heizung, die sich nicht abstellen lässt. Es ist ein MG, Baujahr ’68. Wenn es stark regnet, läuft Wasser rein, irgendeine Lücke findet es immer, und das Dachgestänge ist verzogen. Abschließen macht keinen Sinn. Zu klauen gibt es nichts, davon darf sich jeder durch einfaches Türöffnen überzeugen – und niemand muss das Dach aufschlitzen. Ab und zu übernachtet ein obdachloser Punk auf den zerschlissenen Sitzen. Manchmal lässt er eine leere Bierbüchse und Kippen drin liegen.

Im vergangenen Herbst hat jemand des Nachts hinten links eine Beule reingefahren und sich heimlich davongemacht. Das tat weh, auch deshalb, weil es nicht leicht war, den richtigen Farbton zum Lackieren zu finden. Es gibt so viele Varianten von British Racing Green, wie die Eskimos unterschiedliche Namen für Schnee haben und britische Kabelbäume Kurzschlüsse im Jahr, also je etwa 100.

Alles in allem, man muss es sagen, ist so ein MG etwas unpraktischer als zum Beispiel ein Mercedes SLK. Die Wirkung aber, die ist mindestens die selbe, jedenfalls dann, wenn es morgens nicht nass vom Himmel fällt und man keinen Eiskratzer braucht, um die Ampel zu erkennen. Was dann passiert, das hat Hans-Rüdiger Etzold 1971 so beschrieben. „Bedenken Sie, mit dem Cabrio beginnt der Tag ganz einfach freundlicher, die Umwelt wirkt schöner, die Mitmenschen netter, die Fahrt zur Arbeit wird zum Genuss, weil man fleißig an der frischen Luft schnuppern kann. Es ist ganz bestimmt ein erhabenes Gefühl, wenn man morgens – ein Ruck, ein Zuck – das Dach zur Seite schiebt, in die Frischzelle einsteigt und vom Gesicht der Grauschleier verschwindet.“ Daran hat sich nichts geändert.

Ach, übrigens: Das erste Auto überhaupt, geschaffen von Gottfried Daimler, war – ein Cabrio.

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