Diskussion : Revolution im SoWi-Kurs

Berliner Schüler diskutieren mit ägyptischen Aktivisten, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo für Demokratie gekämpft haben. "Wenn ihr Veränderungen wollt, müsst ihr damit anfangen", raten sie den Jugendlichen.

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Meeting in der Schule: Ägyptische Aktivisten diskutieren mit Berliner Jugendlichen.
Meeting in der Schule: Ägyptische Aktivisten diskutieren mit Berliner Jugendlichen.Foto: studio kohlmeier

Die Berliner Schüler aus dem SoWi-Kurs hatten gerade eine Chemie-Klausur für ihr Abitur hinter sich, Mona Shahien (26)  und der Fotograf Beshoy Fayez (22) hingegen eine Revolution. Beide kamen zu der Eröffnung der Ausstellung „egypt reloaded“, die die Fotografen Bernd und Angelika Kohlemeier vor dem Paul-Löbe-Haus als eine Art Tahrir-Panorama arrangiert haben. Beshoy Fayez ist der junge Fotograf, der während der Revolution den Aufstand sehr eindrucksvoll dokumentiert hat und Mona Shahien ist die Projektmanagerin der Tahrir-Lounge im Goethe-Institut Kairo, wo Ägypter sich auf den demokratischen Prozess vorbereiten. Was lag näher, als die beiden jungen Aktivisten in eine Schule einzuladen und mit jungen Deutschen zu diskutieren?

Beshoy Fayez zeigt per Beamer seine eindrucksvollen Fotos von ausgebrannten Polizeifahrzeugen, von mutigen Ägyptern, die vom Mubarak-System einfach genug hatten. Wenn er staatliche Gewalt auf seinen Fotos zeigte, hielt er auch den staunenden Schülern eine Tränengasgranate und Schrotpatronen hoch, Anschauungsunterricht in Sachen Revolution. „Wir haben gegen die Korruption gekämpft. Es kann nicht sein, dass ich bezahlen muss, um meine Rechte zu bekommen“, erzählt er. „Nach dem der tunesische Präsident Ben Ali gegangen ist, wussten wir, das können wir auch“, ergänzt Mona Shahien. „Ab dem 28. Januar blieben die Menschen auf dem Tahrir-Platz, bis Mubarak ging, das war am 11. Februar. Diese 18 Tage waren absolut irre, alte und junge Menschen, arme und reiche, Christen und Moslems, alle halfen einander. Die Medien waren gegen uns“, erzählt Mona Shahien und man spürt immer noch die Erregung.

Beshoys Eltern waren anfangs gegen die Revolution. „Sie glaubten dem Staatsfernsehen, also habe ich meine Camera mitgenommen und Fotos gemacht, um sie zu überzeugen. Sie glaubten mir schließlich, sie kamen auch zum Platz, weil sie auch den Wechsel wollten.“

Die Berliner Schüler hängen an den Lippen der beiden jungen Ägypter, die lossprudeln und erzählen, die Diskussion ist erst ein Monolog, aber es ist so aufregend, was die beiden erzählen. Ein Foto zeigt ein Transparent über zwölf Stockwerke. „Das sind für jedermann sichtbar die ganz klaren Forderungen gewesen: Rücktritt Mubaraks, neues Parlament, neue Verfassung und die Mörder vor Gericht. Man muss klare, eindeutige Forderungen stellen, damit man immer weiß, wofür man auf dem Platz ist“, sagt Mona Shahien.

Die Demonstranten hatten auch Humor. „Verschwinde Mubarak, ich muss noch zum Friseur“, hatte einer auf ein Plakat geschrieben, er wollte sich nicht eher die Haare schneiden lassen.

Ob sie keine Probleme mit dem Fotografieren gehabt hätten? „Frauen schon“, gibt Mona Shahien zu, „ich wollte auch kein Foto von mir haben, denn ich wusste nicht, ob ich dem Fotografen vertrauen kann.“ Und nach dem Sturz Mubaraks haben sie den Platz gesäubert. „Wir hatten ein Bedürfnis nach Sauberkeit, wir wollten ein schönes, neues, sauberes Ägypten zeigen“, sagt Mona.

Wie sie sich jetzt in Berlin fühlten, fern der Demonstranten. „Ich genieße meine Freiheit, und ich möchte das Straßenfeeling von Ägypten verbreiten“, antwortet Beshoy, „wir wollen echte Demokratie“. Vor dem 11. Februar wollte Mona Shahien ihr Land nicht verlassen, aber jetzt ist sie optimistisch. „Wir haben Macht als Volk, und wir schaffen auch die Militärs. Ich muss aber auch der Welt erzählen, was in Ägypten passiert, und Angelika Kohlmeier hat so für das Ausstellungsprojekt in Berlin gekämpft, da musste ich einfach kommen.“

Beshoy hatte durch die Revolution seinen Job als Reiseführer für japanische Touristen verloren, aber das Gefühl für Pünktlichkeit hat er sich aus dieser Arbeit bewahrt. „Ich glaube an eine bessere Zukunft“, sagt er dazu. Mona Shahien empfiehlt Reisen auch Ägypten, das Land stehe sonst vor dem Bankrott. „Aber bitte bleiben Sie vom Tahrir-Platz fern, das ist unsere Angelegenheit. Der Rest des Landes ist kein Problem.“

Warum sie nicht die Fernsehstationen besetzt hatten? „Das war wirklich ein Fehler“, gibt Mona Shahien zu, „deswegen müssen wir jetzt die Mentalität der Journalisten ändern, sie schulen, mit ihnen reden. Es gibt vernünftige Leute, das ist ein Prozess.“

Und dann fragt sie die Deutschen nach ihrer Schule. „Läuft alles nicht so optimal. Wir haben das schlechteste System in Deutschland“, klagt ein Schüler. „Was tut ihr dagegen“, fragt Mona bestimmt. „Wir haben demonstriert, aber es hat nicht viel genutzt“, erwidert ein Mädchen. „Wenn ihr Veränderung wollt, müsst ihr damit anfangen. Ihr müsst es wollen. Ihr müsst ganz klare Forderungen stellen, für Euch und Eure Lobby. Ihr müsst konkret sein“, rät die Aktivistin den verdutzten Schülern. „Und wenn es nichts nutzt, versucht es mit der Kunst, schreibt ein Lied, einen Ohrwurm, der sich in den Köpfen festsetzt.“

 

Die Fotos von Beshoy Fayez und Bernd und Angelika Kohlmeier sind bis zum 6. April vor dem Paul-Löbe-Haus zu sehen.

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