E-Learning : Wie der Computer zum Hörsaal wird

Selbststudium versus Klassenverband: Schafft E-Learning mehr Plätze an Hochschulen?

Frank van Bebber

Erst wird die Hälfte der Vorlesungen durch Selbststudium am Computer ersetzt, dann die Größe der Gruppen verdoppelt. Ist so bis zum dritten Semester jeder zweite Studienanfänger vergrault, stellt sich für die Universität der Erfolg ein: Endlich gibt es ausreichend Kapazität für den Masterstudiengang. Was klingt wie ein Skandal, hat die Hochschul-Informations GmbH als Modell durchgerechnet. Es ist eines jener Szenarien, mit denen sie in einer neuen Studie die Kapazitätseffekte von E-Learning belegt.

Galt die Online-Vorlesung bislang als zusätzlicher Service, lautet das Schlüsselwort der HIS-Studie nun nicht Qualität, sondern Kapazität. Warum, das erklärt ihr offen benannter Hintergrund: der erwartete Studentenansturm bis 2020 und die Sorge der Politik, die Masse der Bewerber unterzubringen. Gesellschafter von HIS sind Bund und Länder. Geld für die Studie gab es von der Bundesbildungsministerin. Und das wichtigste Instrument der Studie ist jene Kapazitätsberechnung, die gemeinhin als Hindernis für eine bessere Lehre gilt. Denn nach der Kapazitätsformel verbessern mehr Dozenten nicht die Betreuung, sondern erhöhen die Zahl der Studienplätze. Ausgerechnet diesen ungeliebten Effekt macht die Studie zum „Planungstool“: Die durch E-Learning gesparte Zeit steckten Lehrende in neue Kurse. „Infolgedessen steigt die Gesamtzahl der Studierenden, die von der Lehreinheit betreut werden können“, heißt es.

Vor zu großer Euphorie warnen die HIS-Experten. Nur in einigen ihrer Modelle brachte E-Learning den erhofften Zuwachs an Kapazität. Abrufbare Vorlesungen oder ein Online-Selbststudium müssen entwickelt und betreut werden. Damit der Zeitgewinn den Aufwand überwiegt, sei eine „kritische Masse“ nötig. Wurden im Modell einer fiktiven Informatikfakultät Vorlesungen ausgedünnt, musste bei der Hälfte des Kursangebots wenigstens ein Drittel der Termine wegfallen. Bei 400 Anfängern machte das 27 Extraplätze. Etwa doppelt so groß ist der Effekt, wenn die Hälfte aller Kurse durch Online-Angebote ersetzt wird. Als Rohrkrepierer erwies sich dagegen die Idee, Massenvorlesungen für mehr Teilnehmer zu öffnen und diese dafür online zu begleiten. Hier sinkt die Kapazität wegen des großen Zeitaufwands sogar.

Bleibt am Ende noch das Szenario, sich durch E-Learning im Bachelor mehr Kapazitäten für den Master zu verschaffen. Für Unis eine verführerische Idee, weil ihr Herz oft am wissenschaftlichen Master hängt, die Dozenten aber im Bachelor festkleben. Im HIS-Szenario wird im ersten Bachelorjahr die Hälfte der Vorlesungen zugunsten eines mediengestützten Selbststudiums gestrichen. Da solch ein „Studium auf eigene Faust“ viele Studenten überfordere, erreiche nur die Hälfte das dritte Semester, heißt es. Den Dozenten bleibe Zeit für ein Drittel mehr Masterstudenten. Die Autoren ahnen wohl, das Spekulieren auf Abbrecher könnte entlarvend wirken. In Klammern fügen sie an: „Die bildungspolitischen und -ethischen Implikationen dieses Effektes können im Rahmen dieser Studie nicht erörtert werden.“

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