Ein Denkmal für die Einheit : Deutschland – ein Ampelmärchen

Schöneberger Schüler sammelten Ideen für eine nationale Erinnerungsstätte

Lothar Heinke

Einer hat seine Idee für ein neues Freiheits- und Einheitsdenkmal sogar zusammengebastelt und fotografiert: „Auf einer runden Betonplatte mit weiß glänzenden Markierungen soll ein goldener Trabant 601 stehen“, erläutert Julius Strube den Entwurf. Und erzählt, was das alles bedeutet: Die Betonplatte steht dafür, dass im Osten viel Beton verbaut wurde und dieser Teil sehr grau war. Neben dem Trabbi steht eine goldene Figur und winkt, sie symbolisiert die Freiheit. Und über all dem flattert das schwarz-rot-goldene Banner der deutschen Einheit.

Julius Strube ist einer von 28 Schülern der 10 d, geht in die Georg-von-Giesche-Schule in der Hohenstaufenstraße im Bezirk Tempelhof-Schöneberg und kann von Glück sagen, dass er mit Beate Offrich eine Lehrerin hat, die ihm und seinen Freunden mit fröhlicher Behutsamkeit, beharrlich und ideenreich, die jüngste Geschichte des bis zum Mauerfall 28 Jahre lang geteilten Deutschlands vermittelt. Durch Zufall fiel der Schulwandertag in diesem Jahr auf jenen 9. November, an dem sich im Herbst 1989 Ost- und West-Berliner glücklich in den Armen lagen.

Diese Story kennen die Mädchen und Jungen nur vom Hörensagen der Eltern – sie selbst waren noch gar nicht geboren. Unsere Realschüler kamen 1991/92 zur Welt. Und der Geschichtsunterricht schafft es nicht immer, den Mauerbau und seine Folgen bis zum Ende der 10. Klasse zu behandeln. Beate Offrich machte mit dem historischen Datum den Wandertag zu einem Ausflug in unsere Berliner Mauer-Geschichte. Sie buchte eine Führung in der Gedenkstätte Bernauer Straße, „das war einfach spannend und voller Tragik“, sagt später Gianluca, und Aylin ergänzt: „Es war bewegend zu fühlen, wie Menschen in die Freiheit sprangen, wie zum Beispiel diese alte Frau in der Bernauer Straße. Und leider fiel sie auf das harte Straßenpflaster“. Nach diesem Ausflug begann für die Klasse 10 d eine Exkursion ganz eigener Art. Die Schüler produzierten Zukunftsgedanken, sie verfuhren nach dem Motto, dass, wer die Vergangenheit nicht kennt, auch die Zukunft nicht gestalten könne. Dabei kam ihnen ein Artikel im Tagesspiegel gerade recht. Der behandelte unter der Überschrift „Ungeteiltes Erinnern“ den Plan, in Berlin ein Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten.

Die Lehrerin machte den 9. November kurzerhand zum Wandertag in die deutsche Geschichte. Sie besuchte mit ihrer Klasse jene sieben Orte, die in unserem Beitrag für ein Denkmal in die engere Auswahl gekommen waren. An jedem dieser Plätze, vom Alex bis zum Platz der Republik vor dem Reichstag, wurde ein kleines Referat gehalten, das zuvor von einer Schülergruppe ausgearbeitet worden war. Dabei protokollierten zwei Schüler das jeweilige Pro und Contra. Die Folge: Man wollte sich nicht mit halben Sachen zufrieden geben und startete sogleich einen kleinen innerschulischen Wettbewerb darüber, wie dieses Denkmal denn nun aussehen sollte. Und da kamen Ideen, Collagen und Zeichnungen ans Licht, die bewiesen, dass man sich auch spielend und spielerisch mit Historie, aber auch mit künstlerischer Gestaltung auseinandersetzen kann.

„Mein Bild soll auf eine Mauer gemalt werden, auf der vorderen und hinteren Seite mit den gleichen Farben“, schreibt Özcan und zeigt einen mächtigen Bundesadler mit der Überschrift „Deutschland“, während die sechs Buchstaben DDR-BRD durchgestrichen sind. Lukas lässt einen Menschen über die Mauer steigen, ein zweiter steht auf der anderen Seite und streckt ihm die Hand entgegen. „Die Wiedervereinigung soll besonders durch das angedeutete Reichen der Hände hervorgehoben werden“, ist sein Kommentar. Kevin lässt zwei Ampelmännchen einander begegnen, das eine hat einen Hut auf und kommt aus dem Osten, das andere aus dem Westen. „Sie stehen auf einem Steinsockel, der ca. fünf Kubikmeter groß wäre. Die Männchen würden ca. drei Meter hoch sein und aus Metall bestehen“.

Riam möchte seine 2,50 Meter hohe Figur aus Bronze haben, wie sie kräftig zwei Mauerteile auseinanderdrückt. Rimas Mauerteile sollten aus Glas sein, damit man hindurchsehen kann. Katharina lässt noch einmal die Mauerspechte aufleben. Aylin stellt drei Menschen auf die Mauer, Mutter, Vater, Kind „aus wetterbeständigem Material, das wie Ton aussieht“. Wie eine Architekturzeichnung wirkt Gianlucas Mauerdenkmal: ein schräges „M“ aus Mauersteinen steht auf einem Sockel aus Beton. Jacklin stellt einen Adler „3 Meter groß, Marmor“ als Freiheitssymbol auf die Mauerkrone, Philip lässt einen echten Trabant durch die Mauer brechen (rein symbolisch – was ihm sonst wohl nicht gut bekommen wäre). Isa stellt sich vor, wie ein fünf Meter langes Stück Original-Mauer mit folgenden vier Worten bemalt wird: „DDR nein, Deutschland ja“.

Sicher wird die Schülerkunst nicht eins zu eins realisiert werden – aber etwas bewirkte Beate Offrichs zündende Idee: Sie hat die kleinen grauen Zellen und die Gemüter ihrer Schüler bewegt. Denn auch sie sollen einmal dafür sorgen, dass sich die Freiheit nie wieder einmauern lässt.

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