Schule : Ein europäischer Amerikaner

Chrysler beginnt ein neues Kapitel der amerikanischen Sportwagengeschichte

Ingo von Dahlern

Sportwagen aus Amerika – ja, die gibt es. Aber was zum Beispiel Chevrolet mit der Corvette und Chrysler mit der Viper anbieten, das sind massige und kraftstrotzende Boliden, die mit unseren kompakten europäischen Sportwagen in den Formaten, wie sie von Porsche, Mercedes-Benz und BMW und auch verschiedenen Importeuren gebaut werden, nur wenig gemein haben. Sicher ein Grund dafür, dass europäische Sportwagen in den USA zu den besonders begehrten Fahrzeugen gehören. Porsche zum Beispiel hat dort seinen Hauptabsatzmarkt. Doch schon im Herbst könnte sich die Sportwagenszene in den USA radikal ändern. Denn mit dem Chrysler Crossfire kommt erstmals ein zweisitziger amerikanischer Sportwagen auf den Markt, der alle die Eigenschaften in sich vereint, die man bisher nur von einem Europäer kannte. Und das Ganze präsentiert sich nun erstmals unter dem Markenzeichen von Chrysler.

Es war schon eine Sensation, als ein erstes Concept Car 2001 in Detroit gezeigt wurde. Ein Entwurf, der so begeistert aufgenommen wurde, dass den Verantwortlichen bei Chrysler gar keine andere Wahl blieb, als dieses Auto weiter zu entwickeln und serienreif zu machen. Eine Aufgabe, die sie in nur zwei Jahren bewältigten, so dass der Crossfire jetzt erstmals zu Probefahrten bereit stand und schon in wenigen Tagen auch bei den deutschen Chrysler-Händlern in die Verkaufsräume rollen wird. Vorerst nur zu Probefahrten, denn ausgeliefert wird das neue Modell erst vom Oktober an.

Der Crossfire hat eine faszinierende Linie, ist ein eleganter Zweisitzer mit dem neuen Chrysler-Markengesicht, einer langen gerippten Motorhaube, einer geduckten Dachlinie und einem sich verjüngenden Bootsheck. Seine kräftig ausgestellten Kotflügel, die betont großen Räder und die allerdings nur simulierten Luftauslassschlitze hinter den vorderen Radausschnitten signalisieren Kraft. Kraft, die der 3,2-Liter-Sechszylinder mit seinen 160 kW (217 PS) und einem höchsten Drehmoment von 310 Nm bei 3000/min auch überzeugend präsentiert.

Denn dieses Auto zeigte sich bei den ersten Probekilometern ausgesprochen agil. Unterstützt durch einen markanten aber nicht aufdringlichen Klang aus dem Doppelauspuff sprintet er in gerade einmal 6,5 Sekunden auf Tempo 100, nähert sich zielstrebig der 200-km/h-Marke und steuert dann die Höchstgeschwindigkeit von 242 km/h an. Allerdings tut er sich auf der letzten Etappe ein wenig schwer. Umso spontaner ist er jedoch, wenn es gilt, auf der Autobahn zu einem flotten Überholmanöver anzusetzen oder aber zügig auf kurvigen Landstraßen unterwegs zu sein. Dann reagiert er auf jede Bewegung am Gaspedal und zieht auch auf anspruchsvollen Strecken problemlos seine Bahn, zeigt ein Fahrverhalten, wie man es von einem hochwertigen europäischen Sportwagen gewohnt ist. Und wenn man es genau betrachtet, dann ist der Crossfire schließlich auch weitgehend ein Europäer.

Denn Chrysler als amerikanische Konzernmarke von DaimlerChrysler hat bei der Entwicklung des Crossfire natürlich auf die Technik und Erfahrungen von Mercedes-Benz zurückgegriffen – ganz konkret des Mercedes SLK. So steckt unter der Crossfire-Karosserie eine Menge Mercedes-Technik. Das gilt für das Fahrwerk mit seiner Doppelquerlenker-Vorderachse und der Fünflenker-Hinterachse ebenso wie für die Lenkung und den Antriebsstrang. Denn die Maschine des Crossfire ist ein Mercedes-Motor, der in Untertürkheim vom Band rollt. Ein Motor, den Chrysler sowohl mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe als auch mit Fünfgang-Automatik anbietet.

Dabei zeigt sich, dass ein Automatikgetriebe und eine sportliche Fahrweise durchaus kein Widerspruch sein müssen. Auch die Automatikversion lässt sich betont flott bewegen. Die manuelle Schaltgasse bietet jederzeit die Möglichkeit, in die Gangwahl einzugreifen, doch man kann eben auch lässig auf der Autobahn kreuzen, ohne ständig schalten zu müssen und meistert problemlos Staus sowie dichten Stadtverkehr.

Europäer ist der Crossfire aber auch unter einem anderen Aspekt. Er wird in Europa gebaut – bei Karmann in Osnabrück. Hier werden ohnehin bereits die Bodengruppen und viele weitere Komponenten für den SLK gebaut. Und als sich zeigte, dass in den USA kein geeignetes Werk für die Crossfire-Fertigung verfügbar war, lag es nur allzu nahe, mit dieser Produktion zu Karmann zu gehen. Liefert dieses Unternehmen doch bekanntermaßen Spitzenqualität.

Das bestätigt die Verarbeitung des Crossfire rundum. Wer genau hinsieht, der entdeckt auch im sehr eleganten Interieur des Crossfire viele Elemente, die ihre Mercedes-Herkunft erkennen lassen – bis hin zum original übernommenen Temporegler. Und natürlich hat der Crossfire auch das gesamte Potenzial europäischer Sicherheitsausstattungen – aktiv mit Systemen wie ABS, Break-Assist, Traktionskontrolle und der Fahrdynamikregelung ESP sowie einem ausfahrbaren Heckspoiler, passiv mit Frontairbags für Fahrer und Beifahrer und Seitenairbags in den Türen.

Ein Auto, in dessen guten Seitenhalt gebenden Sitzen man auch bei flotter Kurvenfahrt gut aufgehoben ist. Dennoch haben wir zwei Details vermisst. Eine ordentlich ausgearbeitete Fußstütze für den linken Fuß und eine Verstellmöglichkeit für die integrierten Kopfstützen. Denn der Abstand zwischen Hinterkopf und fest in die Lehne integrierter Stütze wird schnell zu groß. Aber das lässt sich sicher korrigieren, ebenso wie ein Haltegriff für den Beifahrer in Dachhöhe hilfreich wäre – der außerordentlich gut gelungene Griff in der Tür reicht einfach nicht aus.

Bei Instrumenten, Bedienung und Komfortausstattung zeigt der Crossfire keine Lücken – bis auf eine Anzeige, die Aufschluss über die bei der Klimaanlage tatsächlich eingestellte Temperatur gibt. Er ein Sportler, der trotzt seiner Sportlichkeit auch sehr komfortabel ist. Das gilt übrigens auch für den Fahrkomfort dieses Autos, das voll alltagstauglich ist und im Heck auch einen ordentlichen Gepäckraum bietet, der immerhin 215 Liter fasst.

Mit dem mit 4,06 Meter Länge, 1,77 Meter breite und 1,31 Meter Höhe recht kompakten Crossfire, der mit seinem langen Radstand von 2,40 Meter und unterschiedlichen großen Rädern vorn und hinten eine rundum überzeugende Figur macht, hat Chrysler ein Auto auf die Räder gestellt, das nicht nur in den USA für Aufsehen sorgen wird, sondern auch in Europa gefällt. Das gilt nicht nur für die Fahreigenschaften, sondern vor allem auch für die sehr überzeugende Linie, die wiederum viele amerikanische Elemente zeigt. Eine faszinierende Synthese, die mit Preisen ab 37200 Euro auch hier eine größere Zahl von Freunden finden sollte. Das umso mehr, wenn man ihm künftig noch ein stärkeres Triebwerk spendierte. Denn hier ist er unter allen Konkurrenten derzeit leider der Schwächste.

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