Schule : Ein Spitzenjahrgang

Ein halbes Jahrhundert liegt ihr Abitur am Humboldt-Gymnasium zurück – Jetzt machten die Jubilare eine tolle Entdeckung auf dem Dachboden

Nein, ein altes Haus verliert nichts. Das altehrwürdige Humboldt-Gymnasium in Tegel schon gar nicht. Karin Kriele, die 1958 dort Abitur machte, ahnte das. Also stieg sie auf den Dachboden und suchte, bis sie einen Schatz aus altem Papier barg: Gutachten, die die Schule seinerzeit über jeden Abiturienten anfertigte. Ideal, um das Treffen ihres Jahrgangs 50 Jahre nach den letzten Prüfungen unvergesslich zu machen. Wie einst setzen sich die ehemaligen Gymnasiasten deshalb in ein Klassenzimmer, und Direktor Hinrich Lühmann überreicht die Fundstücke. Einer reckt sogar seinen Finger in die Höhe, als Lühmann ihn aufruft. Dabei sind die Primaner von damals längst zu gestandenen Herrschaften gereift: Peter Kruckenberg zum Beispiel gilt als ein führender Kopf der deutschen Sozialpsychiatrie und war Chefarzt im Zentralkrankenhaus Bremen-Ost, Wolfgang Moritz leitete die Renée-Sintenis-Grundschule in Frohnau und baute das Anti-Kriegs-Museum im Wedding mit auf. Als sie die Schule verließen, war Lühmann ein Grünschnabel aus der achten Klasse.

17 Schüler machten 1958 hier Abitur. Einige sind mittlerweile gestorben, doch zum jetzigen Treffen sind mehr als 30 Ehemalige gekommen. Auch solche, die es an der humanistischen Vorzeigeschule nicht bis zum Schluss durchhielten. Die Schauspielerin Karin Rasenack etwa wechselte zum Ende der Schulzeit an ein Nachbar-Gymnasium. Dort konnte sie sich auch mit mäßigen Matheleistung zum Abi mogeln. Viele Jahre spielte sie am Hamburger Thalia-Theater und glänzte in der „Heimat“-Trilogie von Edgar Reitz. Nun steht sie wieder unter den Gipsköpfen der Humboldt-Brüder im Schultheater und wird sentimental. „Auf dieser Bühne habe ich meine ersten Rollen gespielt“, erinnert sie sich. Die Geliebte in Hofmannsthals „Der Tor und der Tod“ zum Beispiel. „Ich wusste schon immer, dass du berühmt wirst“, ruft Karin Kriele, die im Grunde ihren ganzen Jahrgang bewundert. Warum so viele Mitschüler Besonderes leisteten? Auf diese Frage grübelt die Tochter des Pressesprechers von Ernst Reuter kurz. Dann fällt ihr als Erstes der Klaus ein.

Heute noch stellt der Klaus die klügsten Fragen, als Lühmann von der Gegenwart erzählt. Er will wissen, aus welchen sozialen Schichten die Schüler kommen. Als Heranwachsender gründete Klaus Hüfner die Schülerzeitung „Der Kneifer“ und engagierte sich als Schülersprecher. Er sei „kein Massenmensch“ und unterstreiche seine Meinung durch „leichten Zynismus“, schrieben die Lehrer 1958 in seine Beurteilung. Als Student rieb sich Hüfner an seinen Hochschullehrern wegen ihrer Nazi-Vergangenheit. Später wurde er Wirtschaftsprofessor an der Freien Universität und Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission.

Beim Besuch der ehemaligen Abiturienten kommt es auch zu einem kurzen Austausch zwischen den Generationen. Die Senioren staunen, als sich im Chemiesaal automatisch Steckdosen und Gasanschlüsse von der Decke senken und lassen sich von den Schülern erklären, womit sie da eigentlich hantieren. Selbständige Experimente mit Enzymen – so etwas gab es anno 1958 nicht. Allerdings war dieser Jahrgang der erste, der Mädchen aufnahm. Völlig brav sei es damals zugegangen, meint eine Frau. „Ach was“, fällt ihr eine einstige Mitschülerin ins Wort. „Wir haben doch auch auf Tischen Boogie-Woogie getanzt.“ Karin Kriele erinnert sich an diese Feten im französischen Kulturzentrum besonders lebhaft. Bei einer Feier dort funkte es zwischen ihr und ihrem Lateinlehrer, den sie dann auch geheiratet hat. wek

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