Eine Berliner Kantorin und ein Schülerchor in Auschwitz : Singen gegen das Vergessen

„Von Auschwitz nach Berlin“: Eine Gruppe Schüler machte sich auf den Weg ins ehemalige KZ. Ein Erfahrungsbericht.

Anne Detjen
Musikalisches Gedenken: Die gemeinsame Reise führte den Chor des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums zur Rampe in Auschwitz.
Musikalisches Gedenken: Die gemeinsame Reise führte den Chor des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums zur Rampe in Auschwitz.Foto: Andreas J. Etter

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal begriff, was genau im zweiten Weltkrieg vor sich ging und welches Leid den Juden damals zugefügt wurde.

Wir wohnten im Bayrischen Viertel in Schöneberg, in dem einst viele Juden gelebt hatten. Deshalb gibt es dort ein besonderes Denkmal, das mir und meiner Schwester als Kindern auffiel, wenn wir mit unseren Eltern auf den Spielplatz oder zum Einkaufen gingen: An den Masten der Straßenlaternen sind im ganzen Viertel Schilder angebracht, auf denen man Alltagsgegenstände wie Schuhe, Musikinstrumente oder auch Schulhefte sah. Auf den Rückseiten dieser Bilder waren Vorschriften aus den Gesetzen abgedruckt, mit denen die Nationalsozialisten die Juden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen hatten – das Wandern in Gruppen, Konzerte und der Besuch ihrer alten Schulen war für Juden verboten. Wir fragten verwundert, warum dort oben all diese lustigen Bilder zu sehen seien – und obwohl wir noch klein waren, erzählten unsere Eltern uns offen, was sich früher in unserer Stadt ereignet hatte.

Ein besonderes Denkmal im Bayerischen Viertel

Später ging ich auf die Heinz-Galinski-Schule, die Grundschule der jüdischen Gemeinde in Berlin. Meine Familie ist selber nicht jüdisch. Trotzdem haben mich die jüdischen Traditionen, denen man dort in familiärer Atmosphäre begegnet, sehr geprägt.

Kantorin Avitall Gerstetter, umrahmt vom Händel-Chor, trug an der Rampe von Auschwitz das Totengebet vor.
Kantorin Avitall Gerstetter, umrahmt vom Händel-Chor, trug an der Rampe von Auschwitz das Totengebet vor.Foto: Andreas J. Etter

Jetzt sitze ich in einem Bus nach Polen. Mit einer Gruppe von etwa 70 Schülerinnen und Schülern – Mitglieder des Schulchors "Die Primaner" des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums in Friedrichshain  – fahren wir zwei Tage vor dem Holocaust-Gedenktag nach Krakau und Auschwitz. Die Reise wurde von Avitall Gerstetter organisiert. Die Kantorin der Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte beschäftigt sich als Musikerin und in vielen Projekten damit, die Erinnerung an den Holocaust auch in unserer Zeit wachzuhalten. Ihre Großtante und andere Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet.

„Wir werden eure Seelen mitnehmen und leben lassen“

Es ist ein klarer und kalter Morgen, als wir im Lager Auschwitz-Birkenau eintreffen. Wir stehen an der Rampe, an der vor 70 Jahren die Züge mit den Menschen aus ganz Europa ankamen. Die meisten wurden sofort in den Tod getrieben. Heute singen die Berliner Schülerinnen und Schüler zum Gedenken an die Toten. Avitall spricht den Kaddish, das jüdische Totengebet. Im Wechsel nennt der Chor Namen ermordeter Juden. „Wir werden eure Seelen mitnehmen und leben lassen“, sagt Avitall.

Der Chor des Händel-Gymnasiums besichtigte auch das Stammlager und das Vernichtungslager von Auschwitz.
Der Chor des Händel-Gymnasiums besichtigte auch das Stammlager und das Vernichtungslager von Auschwitz.Foto: Andreas J. Etter

Später teilen wir uns in verschiedene kleinere Gruppen auf und bekommen eine Führung durch einen Teil des Konzentrationslagers. Wir sehen Baracken, in denen die Menschen auf das Engste zusammengepfercht auf den Tod warteten. Nur wenig weiter stehen die Ruinen der Gaskammern und Krematorien, in denen die Körper der vergasten Männer, Frauen und Kinder verbrannt wurden. Komischerweise weiß ich an diesem Ort nicht einmal genau was ich fühle. Natürlich empfinde ich Trauer. Aber in diesem Augenblick und immer wieder auf dieser Reise werde ich so von meinen Gefühlen überrumpelt, dass es schwerfällt, sie zu ordnen und zu verarbeiten. In manchen Momenten habe ich den Eindruck, dass mich der Schrecken dieses Ortes überfordert. ,,Man wird sprachlos, wenn man da durchläuft“, meint auch Heinrich Timphus, einer der Schüler des Händel-Gymnasiums. „Ich habe mir vorgestellt, wie das wäre, wenn ich da wäre, wenn ich mich von meiner Familie trennen müsste“, sagt seine Mitschülerin Olga Tiborez.

Der Schrecken des Ortes kann eine Überforderung sein

Auschwitz-Birkenau war ein Lager, dass allein zur Vernichtung der Menschen errichtet wurde. Ein paar Kilometer entfernt, direkt am Rand der Kleinstadt Oswiecim, liegt das sogenannte Stammlager, eine ehemalige Kaserne mit mehrstöckigen Backsteinbauten. Auch dort bekommen wir eine Führung. In einem Ausstellungsraum stehen wir vor Bergen von Haaren, die den Häftlingen abrasiert wurden. Wir sehen die „Schießwand“, an der Juden erschossen wurden. Schließlich stehen wir an dem Galgen, an dem der einstige Lagerkommandant Rudolph Höß 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde.

Der Chor des Händel-Gymnasiums hatte nach der Rückkehr aus Auschwitz und Krakau noch einen Auftritt im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages.
Der Chor des Händel-Gymnasiums hatte nach der Rückkehr aus Auschwitz und Krakau noch einen Auftritt im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus...Foto: Andreas J. Etter

Zum Ausklang dieses Tages gibt Avitall mit dem Chor ein kleines Abschlusskonzert in Krakau. Am Morgen des 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, fahren wir zurück nach Berlin. Hier ist nicht nur der Abschluss, sondern das zweite Ziel unserer Reise: eine Shabbat-Feier im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages. Als wir am Abend in dem Gebäude an der Spree direkt gegenüber dem Reichstag ankommen, hat sich der Saal bereits mit Familienangehörigen und Freunden der Schüler sowie Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Berlin gefüllt. Hier begrüßt Avitall die „Königin Shabbat“, den jüdischen Feiertag.

Auch im Bundestag wird das Kaddish gesprochen

Im Bundestag Mit dabei ist wieder der Chor und ein prominenter Gast aus London: Rabbiner William Wolf, der 1927 in Berlin geboren wurde und im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern zunächst nach Amsterdam und dann nach England fliehen musste. Viele kennen seine Lebensgeschichte aus dem Dokumentarfilm „Rabbi Wolf“, der letztes Jahr auch in Berliner Kinos zu sehen war. Zuerst singt Avitall jüdische Gebete und Psalmen. Noch einmal wird auch hier der Kaddish gesprochen und der Schülerchor singt. „Wer sich nicht an die Geschichte erinnert, wird dazu verdammt, sie zu wiederholen“, mahnt Rabbi Wolf in seiner Predigt. Wie lange werden wir die Stimmen von Menschen noch hören, die die Zeit des Holocaust selbst erlebt haben?

"From Auschwitz to Berlin"

Es war ein besonderer Shabbat-Abend am Ende einer besonderen Reise. Ich empfinde sie nicht als eine traurige Reise, denn Avitall hat diesem Projekt einen zuversichtlichen Titel gegeben: „From Auschwitz to Berlin“. Hieße es „From Berlin to Auschwitz“, wäre es nur die Aufforderung, das Schicksal der Menschen zu betrauen, die ihre Heimat ohne die Aussicht verließen, sie jemals wiederzusehen.

Dieses Projekt aber wollte zum Ausdruck bringen, dass wir heute an den Ort des Todes reisen und von dort wieder in unser Leben zurückkehren können. Die Erinnerung an die Opfer des Holocaust aber haben wir nach Berlin mitgebracht.

Die Autorin, Anne Detjen, 16, besucht die Königin- Luise-Stiftung. Sie begleitete Kantorin Avitall Gerstetter sowie den Chor des Georg- Friedrich-Händel-Gymnasiums auf der Fahrt nach Auschwitz.

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