Schule : Eine Frage des Typs

Bis Ende November darf man die Kfz-Versicherung wechseln – aber wie werden die Tarife kalkuliert?

Kilian Kirchgeßner/positionen

Das Auto hat Isabel Ruber gleich gefallen, als sie es beim Händler stehen sah. Ein Mitsubishi Colt mit 109 PS, der Kofferraum genau in der richtigen Größe für ihre Wochenend-Einkäufe. Die Berlinerin griff sofort zu, weil auch das Angebot vom Händler stimmte. Um ihr neues Auto optimal zu schützen, hat Isabel Ruber eine Vollkasko-Versicherung abgeschlossen. Im Jahr bezahlt sie dafür 590 Euro. Markus Feuerborn aus dem westfälischen Warendorf hat sich für ein Konkurrenzmodell entschieden: Er fährt einen Citroen C4, gleiche Fahrzeugkategorie, gleiche Motorleistung. Für die Vollkasko-Versicherung bezahlt er 194 Euro – ganze 67 Prozent weniger als Isabel Ruber.

„Der Preisunterschied liegt vor allem an der so genannten Typklasse“, sagt Jürgen Redlich. Der promovierte Ingenieur ist für die Typklassifizierung verantwortlich: Mit seinem Team berechnet er für jedes Modell das individuelle Unfallrisiko, das anschließend die Grundlage für die Versicherungs-Einstufung ist. „Das Grundprinzip ist denkbar einfach“, erklärt Redlich: „Entscheide ich mich für ein Modell, das selten in Unfälle verwickelt ist, bei Reparaturen wenig Geld kostet und nur selten gestohlen wird, dann zahle ich eine niedrige Prämie.“

Alle aktuellen Schadensfälle, die bei deutschen Versicherungen gemeldet werden, laufen bei Redlich und seinem Team zusammen. Daraus filtern die Experten dann für jedes Modell, jede Motorisierungsvariante und jedes Baujahr das individuelle Risiko heraus. 14500 unterschiedliche Autos sind in ihrer Statistik erfasst, vom jahrzehntealten Opel Manta bis zum hochmodernen Mercedes-Coupé. Aus diesen Berechnungen weist eine unabhängige Kommission jedem Modell eine Typklasse zu – und zwar einzeln für die Voll- und Teilkasko- sowie für die Haftpflichtversicherung. Wer ein Auto aus der Typklasse 10 fährt, schneidet am preiswertesten ab. Bei der Vollkasko-Versicherung sind da zum Beispiel einige alte Modelle vom VW Passat und der Vorgänger des heutigen Fiat Cinquecento eingestuft. Am anderen Ende der Skala, in der Vollkasko-Typklasse 34, stehen ausnahmslos teure Luxusautos wie der Lamborghini Gallardo und der hochmotorisierte BMW-Geländewagen X5 4,8.

Damit die Statistik immer aktuell ist, werden einmal pro Jahr die Typklassen für jedes Auto überprüft. Dabei werten sie die Daten der drei zurückliegenden Jahre aus. In den allermeisten Fällen ändert sich die Einstufung dadurch nicht. Für die Kunden ist das ein wichtiges Kriterium: „Viele Fahrer schauen ganz genau auf die Typklasse, wenn sie sich ein neues Auto kaufen“, sagt Jürgen Redlich.

Längst ist eine günstige Fahrzeug-Versicherung ein schlagendes Verkaufsargument. Die Hersteller wissen das – und konstruieren ihre neuen Modelle so, dass sie mit möglichst kleinem Aufwand zu reparieren sind. „Wenn wir einen Neuwagen für die Vollkasko-Versicherung einstufen, schauen wir uns die Crashtest-Ergebnisse des Modells an. Je weniger Teile kaputt sind und je einfacher der Schaden zu beheben ist, desto besser wird die Typklasse des Fahrzeugs“, erklärt Jürgen Redlich.

Ein zweites Kriterium für die Kosten der Police ist die so genannte Regionalklasse. Dafür betrachten die Versicherer die Unfall- und Diebstahlstatistik in den deutschen Landkreisen. Die Tendenz: In Großstädten passieren mehr Unfälle, in Grenznähe wird mehr gestohlen, auf dem flachen Land ist das Fahren am sichersten. Das schlägt sich auch auf die Versicherung nieder. Für Isabel Ruber aus Berlin mit ihrem Mitsubishi Colt liegt die Vollkasko-Police 20 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, Markus Feuerborn aus dem ländlichen Warendorf hingegen muss nur 80 Prozent bezahlen.

Viele andere europäische Länder greifen inzwischen auf die Erfahrungen aus dem in Deutschland entwickelten Typklassen-System zurück, die Engländer haben es sogar komplett übernommen.

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