Schule : Eine spanische Raubkatze

Der neue León wird in der Internetwerbung zwar als „ reine Männersache“ und nicht für „Ladies“ angepriesen – doch „Sorry, Seat“, dieses wilde Auto lässt auch Frauenherzen höher schlagen

Waltraud Hennig-Krebs

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Wie eine Katze auf dem Sprung lauert auf dem Asphalt der jüngste Spross aus dem Hause Seat: der León. Mandelförmige Scheinwerfer mit Punktstrahlern hinter Klarglasscheiben, eine tief gezogene Frontschürze und die wabenvergitterten Kühlöffnungen geben dem Modell ein katzenhaftes Aussehen und suggerieren Eleganz, Schnelligkeit und Ausdauer.

„Auto emoción“, mit dem Auto Emotionen wecken, ist das Motto des spanischen Autorherstellers Seat unter dem Dach des Audi/VW-Konzerns. Das ist Chefdesigner Walter de’Silva und seinem Team mit dem ansprechenden Äußeren des neuen León gelungen. Emotionen weckt allerdings auch der Internetauftritt. Mit dem Macho-Gehabe „Sorry Ladies. Reine Männersache“ soll die Neugier auf den schnittigen Spanier geweckt werden. Das geht nun völlig daneben. Denn schließlich sind Frauen auch an „Kurven, Muskeln und Proportionen“ interessiert. Und wenn der neue León „zu einer tragenden Säule“ des Unternehmens gehört, wie Seat-Chef Andreas Schleef bei der internationalen Präsentation im spanischen Sitges betonte, darf von der Werbung mehr erwartet werden als platte Sprüche.

Kraftvoll und elegant vermittelt der León den Eindruck, dass unter der Motorhaube die notwendigen „Pferdestärken“ stecken, um viel Spaß beim Fahren zu haben. Und so ist es auch. Fünf Motoren stehen zur Auswahl: Drei Benziner und zwei Diesel. Sie erfüllen alle die EU-4-Norm. Doch vor dem Fahrvergnügen mit einem 102 PS-Benziner und einem Diesel, dem 2,0 TDI mit 103 kW (140 PS) gilt es den kompakten Wagen innen und außen „auf Herz und Nieren“ zu inspizieren.

Durch das Verstecken der hinteren Türgriffe in das in die C-Säule integrierte dritte Seitenfenster sowie die abfallende Dachlinie entsteht beim flüchtigen Betrachten unwillkürlich der Eindruck, der León sei ein Coupé. Doch er ist ein so genannter Fünftürer, wobei es den Fachleuten überlassen bleibt, warum sie die Heckklappe als Tür bezeichnen.

Katzenhaft wie die Beleuchtung vorn wirken auch die Schlussleuchten am Heck, die in die Fahrzeugseite gezogen sind. Im Heckspoiler ist die dritte Bremsleuchte integriert. Erfreulicherweise lässt sich der Kofferraum mit dem Seat- Logo im Zentrum der Heckklappe ohne ramponierte Fingernägel komfortabel öffnen. Durch die runde Form fällt sie jedoch recht klein aus, und die Ladekante ist sehr hoch. Da lässt sich nur mit beiden Händen und viel Schwung schweres Gepäck einladen. 341 Liter soll der Kofferraum fassen und bei umgeklappten Rücksitzlehnen – wobei leider keine ebene Ladefläche entsteht – sollen es 1166 Liter sein.

Einen besonderen Gag bieten die Scheibenwischer. Auch sie sind ein Design-Element. Sie bleiben in der Ruhestellung sichtbar parallel zur A-Säule vertikal stehen. Die Außenspiegel, direkt an der Tür angebracht, unterstreichen die sportliche Silhouette des Wagens. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die so genannte Sicke, eine vom Kühler ausgehende geschwungene rinnenförmige Biegung, die bis in die Fahrzeugflanke führt. Sie entspringt im Augenwinkel der Scheinwerfer, verläuft dann sanft absteigend über beide Türen und mündet am Hinterrad.

Doch nicht nur ein dynamisches Design kennzeichnet den neuen León. Er ist gegenüber dem Vorgängermodell aus dem Jahre 1999 auch in allen Dimensionen gewachsen. Mit fast 4,32 Metern ist er gut 13 Zentimeter länger geworden. In der Breite ist er um 2,6 Zentimeter auf 1,77 Meter gewachsen und was die Höhe betrifft, so sind es jetzt rund 1,46 Meter, ein Plus von 1,9 Zentimetern. Der Radstand hat sich um 6,7 Zentimeter verbreitert und beträgt gut 2,58 Meter. Die Spurbreite vorne wurde um zwei Zentimeter und hinten um 2,3 Zentimeter auf 1,53 Meter beziehungsweise 1,51 Meter vergrößert.

Das Platzangebot im Innenraum ist erstaunlich komfortabel. Fahrer und Beifahrer haben genügend Freiheit für Beine und Kopf. Zumal sich die Sitze leicht in der Länge und Höhe verstellen lassen. Auch die „Hinterbänkler“ mit nicht allzu langen Beinen sitzen bequem. Der Sitz lässt sich asymmetrisch teilen und umlegen. Was den Mittelplatz betrifft, so ist er – wie bei anderen PKW auch – nicht für jede Gewichtsklasse geeignet. Alle Sitze haben verstellbare Kopfstützen. Um dem Fahrer eine bessere Sicht nach hinten zu ermöglichen, wurden die drei Kopfstützen im Fond in Form eines umgekehrten „L“ gestaltet. Bereits in der Grundausstattung sind Front-, Seiten- und Kopfairbags enthalten.

Ein klares, übersichtliches Styling bietet das Cockpit. Die Schalter sitzen dort, wo man sie rein gefühlsmäßig erwartet. Eine bogenförmige Blende schützt die Instrumententafeln vor störendem Lichteinfall. Das kleine kompakte Sportlenkrad liegt gut in der Hand, und die festen Sitze sowie die Rückenlehne geben den notwendigen Seitenhalt. Sowohl mit dem 1,6 Liter-Benziner (102 PS) als auch mit dem 2,0 TDI (140 PS), die für Probefahrten zur Verfügung standen, macht das Fahren richtig Spaß. Schalten heißt die Devise. Nach „Automatik-Jahren“ im privaten Fahrzeug – eine reine Wonne.

Besonders bei der Beschleunigung aus dem Stand zeigen sich die Sprint-Qualitäten. Gerade einmal 9,3 Sekunden dauert es, bis der kräftige Diesel 100 km/h erreicht. Das Fahrwerk steckt die unterschiedlichen Straßenbeläge, wenn auch ein wenig stramm, gut weg. Auf schnell gefahrenen Serpentinen liegt der León vorzüglich auf der Straße, die Seitenneigung ist nur minimal. Das höhen- und längsverstellbare Lenkrad ist kaum vibrationsanfällig und lässt eine präzise Spurführung zu. Wer dennoch einmal zu flott fährt, kann sich serienmäßig auf ABS und ESP verlassen.

Dass man mit einem sportlichen Auto unterwegs ist, hört man innen und außen. Denn im unteren Drehzahlbereich brummt der Auspuff mit sportlich vollem Sound, der allerdings ab 2500 Umdrehungen verschwindet. Kurzum: Der neue León ist ein Auto für selbstbewusste Frauen, die auch in der Mittelklasse keinen Allerweltswagen fahren möchten.

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