Schule : Eleganz in Stahl und Chrom

Die Villa d’Este am Comer See ist nicht nur eines der stilvollsten Hotels der Welt, sondern auch Schauplatz für die schönsten Oldtimer

Joachim Beck

Ein herrschaftliches Anwesen direkt am Wasser, eine kunstvoll angelegte Parklandschaft, es riecht nach Frühling und – nach verbleitem Kraftstoff, Motoröl und Polierpaste: Das Paradies für Oldtimerfans liegt Ende April am Comer See. Immer am vierten Wochenende des Monats findet hier der Concorso d’Eleganza statt – ein Festakt für schwellende Kotflügel, glänzende Chromleisten und gewienerte Holzverkleidungen. Ein halbes hundert handverlesene Automobile aus vergangenen Jahrzehnten, die meisten davon Einzelanfertigungen, Sonderkarosserien oder Prototypen haben hier ihren großen Auftritt.

Schon vor einem dreiviertel Jahrhundert trafen sich die Reichen der Welt am Comer See, um sich ganz „entre nous“ in nobler Atmosphäre ihre neuesten Automobile zu zeigen. Vor sechs Jahren hat sich BMW der ehrwürdigen Tradition angenommen und den Concorso d’Eleganza, erstmals 1929 ausgetragen, zu der – nach Pebble Beach in Kalifornien – zweitwichtigsten Oldtimerveranstaltung weltweit gemacht.

Den Schlüssel zum Paradies besitzt Urs Ramseier, 47 Jahre alt, Spross einer Schweizer Dynastie von Karosseriebauern und für die Auswahl der teilnehmenden Fahrzeuge verantwortlich. „Vor sechs Jahren“, so erinnert sich Ramseier, „da hatten wir noch keinen Ruf und mussten um außergewöhnliche Fahrzeuge fast betteln. Heute können wir uns vor Bewerbungen kaum retten.“ Unermüdlich ist der Oldtimerbegeisterte Ramseier dafür beim „Wanderzirkus“ der Autosammler dabei: Pebble Beach in Kalifornien, Goodwood in England, die französische Hauptstadt Paris: „Es ist wie ein andauerndes Familienfest“, sagt Ramseier. Ständig knüpft er Kontakte, die er braucht, um diesen hochkarätigen Schönheitswettbewerb auf die Beine zu stellen – und zaubert Einzelstücke herbei, die oft schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr in Europa zu sehen waren.

Zum Beispiel Designextravaganzen wie das Delahaye-Cabrio 135 M, das 1937 an den Maharadscha von Jaipur ausgeliefert wurde. Nobelkarossen, wie den Lincoln Town Car von 1928, mit dem Fürst Rainier von Monaco seine Grace Kelly an der cote d’azur entlang chauffierte. Spezialitäten, wie der Ferrari 250 GT Rennwagen von Zagato, dessen Blechhaut so fein getrieben wurde, dass bei Höchstgeschwindigkeit der Lack riss. „Es ist wie das Komponieren einer Symphonie“, beschreibt Ramseier die Auswahl der Automobile. „Statt Noten und Musikinstrumenten habe ich Hersteller, Designer, Jahrgänge, ja manchmal entscheidet sogar die Farbe, ob ein Fahrzeug teilnehmen kann.“ Dann werden die automobilen Schmuckstücke harmonisch über den weltberühmten Park der Villa d’Este verteilt. Ein selten gut erhaltener Bugatti 35 passt perfekt neben den Rolls Royce Picadilly Roadster, ein Zagato Aston Martin steht natürlich neben einem ebenso berühmten Vignale Ferrari 212 Renn-Spider. „Es reicht aber nicht, dass ein Auto alt und schön ist“, erklärt der Zeremonienmeister. „Erst die Geschichte macht ein Auto wirklich wertvoll.“ Und deshalb kommt der Ferrari 212 gleich zusammen mit seiner Geschichte an den Comer See: seinem Erstbesitzer, dem italienischen Grafen Umberto Marzotto, der in früheren Jahren zusammen mit seinen drei Brüdern als Rennfahrer Schlagzeilen machte.

1929 fand der Concorso d’Eleganza zum ersten Mal im Garten des ehemaligen Klosters am Comer See statt. Nur ein Jahr jünger ist die italienische Designfabrik Pininfarina. Eine Sonderschau feiert die schönsten Alfa, Ferrari und Maserati aus der Feder der begnadeten Designerfamilie. Und zum fünfzigsten Geburtstag des BMW 507 haben sich die Veranstalter ebenfalls etwas Besonderes einfallen lassen. Drei Prototypen, die auf dem Weg zur endgültigen Form entstanden sind, werden im Garten der Villa d’Este in Cernobbio zu sehen sein. Darunter ein Versuch des Amerikaners Raymond Loewy, der als Vater der Coca-Cola-Flasche berühmt wurde. „Diese drei Designstudien“, sagt Ramseier, „sind das allererste Mal zusammen zu sehen.“ Auch für die Zukunft wohl ein einmaliges Erlebnis.

Und auch das macht den Concorso d’Eleganza am Comer See einmalig: Neben den Oldtimern sucht Urs Ramseier jedes Jahr rund ein dutzend Prototypen und Concept Cars aus, die sich um den begehrten Design-Award bewerben – begehrt nicht zuletzt deshalb, weil nicht Fachleute ihr Urteil abgeben, sondern das Publikum. Neben wohlklingenden Herstellern und Designern, wie Pininfarina, Giugiaro, Lamborghini und Aston Martin war dort vor zwei Jahren überraschend auch ein Opel am Start. Ein deutliches Zeichen, dass die Rüsselsheimer von ihrem Biedermann-Image abrücken wollen. Die Operation ist gelungen: Der „GTC Genève“ , der vom Publikum viel Beifall erhielt, ist inzwischen als Astra Coupé GTC in den Handel angekommen.

Der nächste Concorso findet am 23. und 24. April 2005 statt. Am Samstag, dem 23. April, ist ausschließlich für geladene Gäste, am Sonntag, dem 24. April, ist für das Publikum geöffnet. Neben allen Wettbewerbsfahrzeugen werden hier noch viele weitere Oldtimer gezeigt. Eintrittspreise 8 Euro, eine Familienkarte kostet 15 Euro.

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