Elternforschungsgruppen : Eine Lobby für Väter und Mütter

Bei Elternforschungsgruppen interviewen Mütter und Väter ihre Nachbarn. Sie berichten von Diskriminierung im Schulsystem.

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Die Elternforscherinnen bekommen zum Abschluss des Projekts ein Zertifikat.
Die Elternforscherinnen bekommen zum Abschluss des Projekts ein Zertifikat.Foto: Thilo Rückeis

„Uns kann man jetzt auch Fragen stellen“, sagt Katharina La Henges aus dem Wrangelkiez. Gemeinsam mit sechs weiteren Frauen hat sie in den letzten drei Jahren in ihrer Nachbarschaft erfragt, woran es Eltern fehlt, um ihre Kinder in der Schule so zu unterstützen, wie sie es wollen. Sie war damit Teil der ersten Elternforschungsgruppe in Deutschland. Das Projekt geht auf ein französisches Konzept zurück und soll Eltern, die nicht Akademiker aus der Mittelschicht sind, dabei unterstützen, an einer selbst gewählten Forschungsfrage zu arbeiten. Es wurde gemeinsam mit den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e. V. und der Alice-SalomonHochschule durchgeführt. Letzte Woche wurden die Ergebnisse präsentiert.

Eine regelrechte „Elternschelte“ hat Katinka Beber vom Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg zu Projektbeginn beobachtet. Für fehlende Sprachkompetenz und alle Versäumnisse in der Schule habe man die Eltern verantwortlich gemacht. Die Frage laute aber auch, ob Schulen und Kitas den Anforderungen der Schüler und Eltern gerecht werden.

Gerade in der Übergangsphase zwischen Grund- und Oberschule, in der Lehrer Schulempfehlungen aussprechen, gebe es oft Probleme mit Diskriminierung, berichtet eine der Gruppen. Sie habe selbst erlebt, dass ihrer Tochter früh von Nachhilfe und dem Ziel Gymnasium abgeraten wurde, erzählt eine Mutter, die rund um den Wassertorkiez in Kreuzberg Interviews geführt hat. Auch die Gruppe der Arabischen Elternunion stieß in ihren Interviews auf Diskriminierung im Bildungsbereich, obwohl sie dazu gar nicht arbeiten wollte, sagt Mohammed Hamadeh. Befragte erzählten von Kollektivstrafen für Schüler mit arabischen Wurzeln und dass das Jugendamt von Lehrern als Drohmittel eingesetzt werde.

Die Ergebnisse bestätigen für Theda Borde, Rektorin der Alice-Salomon-Schule, wissenschaftlich bekannte Probleme. Eltern mit Migrationshintergrund würden Schule oft nicht als Vertrauenspartner wahrnehmen. Bildungseinrichtungen müssten sich deshalb auch stärker um Erzieher, Lehrer und Schulleiter mit Migrationshintergrund bemühen.

Die Vorurteile der Eltern selbst hat eine Gruppe in Nord-Schöneberg untersucht. Oft genüge Eltern, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, schon der schlechte Ruf einer Grundschule, um ihr Kind umzumelden. Spielplatzgespräche über den Anteil der deutsch sprechenden Kinder und der Transferempfänger seien ausschlaggebend, sagt Marion Varduhn. Schulen sollten diese Ängste ernst nehmen und durch frühzeitige Informationsangebote entkräften. Um einer weiteren sozialen Trennung und der Flucht vor Schulen mit schlechtem Image entgegenzuwirken, könne es helfen, Kinder gruppenweise für eine Grundschule anzumelden.

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