Erika-Mann-Grundschule : Deutsch lernen - auf der Bühne

Vor 10 Jahren begann die Weddinger Erika-Mann-Schule ihre Theaterarbeit. Eine Erfolgsgeschichte – aus der Not geboren, denn 80 Prozent der Schüler stammen aus Migrantenfamilien. Die Rektorin hat jetzt aufgeschrieben, wie es geht.

Werner Kurzlechner
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Rollenbilder. Ob Prinzessin oder Abenteurer, ob Fisch oder Fichte: Alle Schüler sind auf der Bühne wichtig. Fotos: Doris...

Immer mehr Kinder scharen sich um das hilflose Mädchen und lachen es aus. Die Kleine ist nach ganz oben aufs Gerüst geklettert und traut sich nun nicht mehr herunter. Für die Kinder auf dem Spielplatz ein ideales Opfer, Zielscheibe von Hohn und Spott. Ein Junge aber steigt einfach hinauf und hilft ihr herab. Es ist die letzte Szene eines kurzen Theaterstücks, das die Eingangsstufe der Erika-Mann-Grundschule einstudiert hat. Zuvor schon war der Junge gehänselten Kindern zu Hilfe geeilt und musste sich deshalb als „Feigling“ beschimpfen lassen. Ein Held schwimmt eben auch einmal gegen den Strom und hält etwas aus.

Und wenn es nur die Aufregung ist, vor vollem Saal zu schauspielern. Seit zehn Jahren sind alle Kinder der Grundschule in Wedding auch kleine Schauspieler, die sich einmal jährlich im Puppentheater „Schaubude“ in Prenzlauer Berg vor stolz filmenden Eltern und Mitschülern auf die Bühne wagen. Ziel der Theaterarbeit ist es vor allem, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken – was eindrucksvoll gelingt. Der zwölfjährige Abdullah sagt es so: „Ich habe mich früher geschämt. Jetzt traue ich mich mehr Sachen.“

Das Zitat steht in einem Buch, das die Schule nun herausgebracht hat (Karin Babbe: Wind unter den Flügeln, 19,90 Euro). Der theaterpädagogische Vorreiter in Berlin, der für den Deutschen Schulpreis nominiert war, teilt also bereitwillig seine Erfahrungen mit der Fachwelt. Die Bühnenarbeit nährt nicht nur das Selbstbewusstsein der Schüler, sondern fördert auch ihre Sprachkompetenz. Über 80 Prozent der Kinder an der Erika- Mann-Schule sind nichtdeutscher Herkunft. Bei der Einschulung hat ein Großteil erhebliche Sprachdefizite, doch nach vier Jahren liegt das Lernniveau über dem Berliner Durchschnitt. Über ein Drittel der Mädchen und Jungen erhält eine Gymnasialempfehlung. Das liegt zwar nicht nur an der Bühnenarbeit. „Aber sie ist ein wichtiger Baustein im Schulkonzept“, sagt Rektorin Karin Babbe.

Jedes Jahr gibt es ein übergreifendes Thema, zu dem alle Schüler Theaterstücke selbst gestalten. Das Jubiläumsmotto lautet „Helden“. Schon alleine die Eingangsstufe hat vielerlei dazu herausgearbeitet. Neben der realitätsnahen Spielplatz-Inszenierung über verkannte Helden haben sie beispielsweise auch eine Unterwasservariante des Rattenfängers von Hameln mit viel Musik und tänzerischen Einlagen einstudiert. Mit Taucherbrillen vor den Augen schwirren die Schüler als Fischkinder über die Bühne, bis eine grellgelb kostümierte Antiheldin sie zum Abtauchen auf den Meeresgrund anstiftet. Dort trösten materielle Geschenke wie wasserfeste MP3-Player und Fernseher die Fischkinder bald nicht mehr über den Verlust ihrer Eltern hinweg. „Wieder können wir die zauberhafte Kraft spüren, die sich entfaltet, wenn Wirklichkeit zur Fiktion wird und wieder auf unsere Wirklichkeit zurückwirkt“, sagte Babbe bei der Premiere am Sonntag. Und das Publikum, darunter Wissenschaftler aus Amsterdam, fand die Vorstellung in der Tat schlicht zauberhaft.

Aufführungen heute und morgen ab 10 Uhr (Greifswalder Str. 81–84). Kindergruppen können mit etwas Glück noch Karten bekommen (Tel. 4234314).

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