Erziehermangel : Kitas haben viel Arbeit und viele neue Aufgaben

Seit 2004 gilt in Berlin ein ehrgeiziges Bildungsprogramm – die Ziele können jedoch kaum erreicht werden. Vor allem fehlt es an Erziehern.

Rita Nikolow
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Im Getümmel. Jedes Kind individuell zu fördern, wird von den Erzieherinnen erwartet. In großen Gruppen ist es allerdings...

Wie in einer Aufbewahrungsanstalt sieht es in der Integrationskita Mittelstraße in Steglitz eigentlich nicht aus: Im Garten schaukeln die Vorschulkinder aus der „Bärengruppe“, und die„kleinen Strolche“ sitzen gerade vor ihren großen Ritterbildern, die sie mit Hingabe ausmalen.

Trotzdem kommt es den Leiterinnen Beate Budach und Barbara Hirsch manchmal so vor, als würden die Kinder bei ihnen vor allem aufbewahrt. Denn ihnen fehlt die Zeit, um die Kleinen so gut zu betreuen, wie sie es gerne tun würden. Auch, weil der Krankenstand hoch ist – nicht nur in dieser Kita. Im Durchschnitt sind die Erzieherinnen in der Kita Mittelstraße, die zum Eigenbetrieb Süd-West gehört, 46 Jahre alt: „Da schlagen die Viren einfach schneller zu“, sagt Beate Budach, die 52 ist, ebenso wie ihre Kollegin Barbara Hirsch. So bleibt einiges an Arbeit liegen, und eine Gruppenerzieherin ist ohne die erkrankte Kollegin mit ihren 15 Kindern allein – „und abends dann völlig ausgepowert“. Oder die Kinder der erkrankten Erzieherinnen werden auf andere Gruppen verteilt.

„Das Beobachten und Dokumentieren ist bei uns im letzten halben Jahr zu kurz gekommen“, sagt Beate Budach. Aber genau das wird von den Erzieherinnen verlangt, und es ist im Berliner Bildungsprogramm festgeschrieben, das der Senat 2004 eingeführt hat. In diesem Programm wurde festgelegt, was Kinder in der Kita lernen sollen: Zum Beispiel ein Körpergefühl entwickeln, naturwissenschaftliche Grunderfahrungen sammeln, den sozialen Umgang einüben und die sprachlichen Fähigkeiten trainieren. Zudem soll die sprachliche und soziale Entwicklung, so heißt es im Berliner Bildungsprogramm, regelmäßig beobachtet und dokumentiert werden. Dazu wird für jedes Kind ein sogenanntes Sprachlerntagebuch geführt. Dann sollen die Erzieherinnen regelmäßig Elterngespräche führen, Teambesprechungen abhalten oder Projekte organisieren.

Das Bildungsprogramm finden die Erzieherinnen gut. „Aber eigentlich machen wir alles, was darin steht, schon immer“, sagt Beate Budach. „Wir vermitteln zum Beispiel mathematische Grunderfahrungen, und wir achten auf die Sprache der Kinder.“ Nur sei das Beobachten und Dokumentieren eben nicht so streng festgelegt gewesen.

Über 160 Kinder gehen zur Zeit in die Kita Mittelstraße – und jeder kleine Besucher muss einmal im Jahr ausführlich beobachtet werden, von zwei Erzieherinnen. Die sich dann austauschen und ihre Beobachtungen aufschreiben sollen. Zweimal im Jahr sollen sie zudem Elterngespräche mit den Müttern und Vätern jedes Kitakindes führen. „Wir haben einfach zu wenig Zeit“, sagt ein paar Räume weiter die Erzieherin der „kleinen Strolche“. Auch wenn sie das Berliner Bildungsprogramm eigentlich positiv findet. „Aber für uns bedeutet das vorgeschriebene Dokumentieren einfach eine zusätzliche Arbeit“, sagt sie. Für die sie keine zusätzliche Vor- oder Nachbereitungszeit zur Verfügung habe. „Und wir haben für diese Arbeit keinen Rückzugsraum“, sagt die Erzieherin. Denn es sei schwierig, die Entwicklungen aufzuschreiben, wenn gleichzeitig zwei Kinder am Ärmel zögen. Weil in der Kita Ruhe und Zeit fehlen, haben sich viele Erzieherinnen Arbeit mit nach Hause genommen. „Aber ich möchte das nicht mehr“, sagt die Leiterin Beate Budach entschieden: „Wir brauchen alle unsere Freizeit, denn wenn wir hier rauskommen, sind wir ausgelaugt.“

Für die Strolche, die Bären und die anderen elf Gruppen wünscht sich Beate Budach eigentlich jeweils zwei Vollzeitkräfte. Stattdessen arbeiten die meisten der 29 Erzieherinnen Teilzeit. Das macht auch die Arbeit mit den Kindern nicht gerade leichter, die noch kein Deutsch sprechen oder sehr wenig: Über 40 Prozent der Mittelstraßen-Kinder haben einen Migrationshintergrund. Immer wieder beklagen die Grundschulen, dass Kinder trotz jahrelangen Kitabesuchs schlecht Deutsch sprechen. „Wir können den Migrantenkindern oft nicht richtig gerecht werden“, sagt denn auch Beate Budach. Obwohl die Integrationskita, in der auch 18 Kinder mit motorischem und sprachlichem Förderbedarf betreut werden, auch noch eine Logopädin und eine Physiotherapeutin beschäftigen kann.

Ein paar Treppen über der Kita Mittelstraße sitzt Martina Castello in ihrem Büro. Die pädagogische Geschäftsleiterin des Kita-Eigenbetriebs Süd-West fordert ebenfalls mehr Personal für ihre Einrichtungen. „Und auch die Rahmenbedingungen für sie müssen sich ändern“, sagt Martina Castello. Wenn das nicht geschehe, gebe es bald wohl noch weniger Erzieher. Denn die jungen Kollegen bekommen nur noch Zeitverträge. Schon jetzt können etliche freie Stellen nicht besetzt werden, weshalb die Bildungsverwaltung erwägt, Seiteneinsteiger in den Beruf zu lassen.

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