Erziehung : Elternseminare entwickeln sich zur Erfolgsgeschichte

Schon 60 Schulen bieten Unterstützung in Erziehungsfragen an – die Nachfrage steigt weiter. In den acht- bis zwölfköpfigen Elternseminaren schlüpfen die Eltern schon einmal in die Rolle der Lehrer oder gar ihrer Kinder.

Andreas Voigt

Das Vertrauen der Eltern in die Institution Schule zurückzugewinnen, sie zu unterstützen bei der Erziehung ihrer Kinder und Konfliktsituationen vorzubeugen. Das sind die Ziele des vor drei Jahren an der Lichterfelder Nikolaus-August-Otto- Schule gestarteten Elterntrainings. Seit Herbst 2006 bieten 32 weitere Schulen Elternseminare an, darunter 16 Hauptschulen und acht Grundschulen. Das Projekt ist so erfolgreich, dass im neuen Schuljahr über dreißig weitere Schulen in Berlin und Brandenburg die Elternseminare einführen wollen.

„Die Reaktionen der Eltern auf das Elterntraining sind durchweg positiv“, sagt Barbara Duske-Mernberger, Abteilungsleiterin für Schul- und Personalentwicklung des Landesinstituts für Schule und Medien (Lisum), das sich im Auftrag der Schulverwaltung um die Ausbildung der Lehrer zu Elterntrainern kümmert.

„Wer bei uns sein Kind einschulen will, muss am Elterntraining teilnehmen. Das ist Pflicht“, sagt Eva Schmoll, die Mathematik und Englisch an der Steglitzer Oberschule unterrichtet und zusätzlich seit März 2004 in ihren Seminaren Eltern in Erziehungsfragen unterstützt. Aber eigentlich gehe es vielmehr darum, das Vertrauen der Eltern in die Lehrer und in die Schule zurückzugewinnen.

„Eltern nämlich fühlten sich von uns Lehrern lange Zeit nicht richtig ernst genommen.“ Im Gegenteil: „Die Abneigung gegen die Institution Schule war spürbar“, erinnert sich die Elterntrainerin. Die Folgen: Immer mehr Stühle auf den Elternabenden blieben leer. Mütter und Väter redeten nur noch mit den Lehrern, wenn die Probleme ihrer Kinder in der Schule nicht mehr zu übersehen waren. Die Elternseminare dagegen sollen laut Schmoll gegenseitiges Verständnis schaffen für die Probleme im Umgang mit den Kindern. Für Eltern auf der einen Seite und Lehrer auf der anderen Seite. „Damit wir eben nicht erst mit den Eltern in Kontakt treten, wenn das Kind schon ,in den Brunnen gefallen’ ist, sondern möglichst vorher die Probleme in Angriff nehmen“, betont Eva Schmoll.

In den acht- bis zwölfköpfigen Elternseminaren schlüpfen die Eltern schon einmal in die Rolle der Lehrer oder gar ihrer Kinder. Schmoll: „Es ist wichtig, dass die Eltern sich in die Lage der Lehrer versetzen können und umgekehrt. Auch hier heißt das Ziel: Verständnis füreinander zu gewinnen, um Probleme mit Schülern zukünftig frühzeitig gemeinsam zu meistern. Das braucht seine Zeit. Zehn Mal je zweieinhalb Stunden bitte sie ihre Eltern zu sich in den Klassenraum, erklärt die Elterntrainerin.

Jan und Magdalena Pekala gehören zu den Elternpaaren, die bei Eva Schmoll zuletzt im Elternseminar saßen und es nicht bereut haben. „Wir konnten uns am Anfang darunter wenig vorstellen, haben gedacht, das bringt doch eh nichts“, sagt Jan Pekala (39). Doch nach einer gewissen Weile habe er ein ganz neues Bild von der Schule insgesamt bekommen. „Dass man sieht, was die Lehrer hier tun, und darüber hinaus kann man neue Denkanstöße für die Erziehung der eigenen Kinder bekommen“, resümiert der selbstständige Leichtmetallbauer. Er und seine Frau Magdalena wollen unbedingt an dem Angebot der Steglitzer Oberschule festhalten. Denn auch im neuen Schuljahr können sich die Eltern einmal im Monat mit Eva Schmoll zum Elterntraining treffen.

Schulen, die sich für das Elterntraining interessieren, richten eine Bewerbung an das Lisum. „In einem Orientierungsgespräch klären wir dann, ob die Lehrer es auch wirklich ernst meinen“, sagt Duske-Mernberger. Denn schließlich wolle man es vermeiden, dass Lehrer nach der Ausbildung womöglich wieder abspringen.

Die Kosten für die neuntägige Ausbildung trägt vollständig das Lisum. „Inzwischen“, so Abteilungsleiterin Duske- Mernberger, „bewerben sich mehr Lehrer für eine Ausbildung zum Elterntrainer, als wir tatsächlich Plätze zur Verfügung haben.“ So müsse zurzeit noch häufig das Los entscheiden.

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