Schule : Es gibt Ersatz – auch wenn alles vorbei ist

Irgendwann wird jedes Serienauto eingestellt: Was Hersteller tun, damit auch Jahre danach noch Reparaturteile zu haben sind

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Ein paar Mausklicks genügen, und schon schauen auch die Besitzer älterer Fahrzeuge an der Reparaturannahme wieder zuversichtlich in die Zukunft. Selbst wenn ihr Wagen schon lange nicht mehr gebaut wird, bedeutet eine Panne nicht unbedingt das Ende. Denn um den Nachschub auf Dauer zu sichern, bewahren die Automobilhersteller die Ersatzteile für frühere Modelle viele Jahre über den Serienauslauf hinaus auf. Und wenn der Vorrat doch einmal knapp werden sollte, werden Einzelteile in Einzelfällen sogar von Hand nachgefertigt. Deshalb findet der Werkstattmeister zumindest die notwendigsten Ersatzteile in der Regel selbst für die ältesten Modelle.

VW macht dabei allerdings Unterschiede: „Grundsätzlich werden Teile, die den Fahrbetrieb gewährleisten, etwa Motor oder Getriebe, 15 Jahre nach Serienauslauf des Fahrzeuges bevorratet“, sagt Malte Harbusch aus dem Ersatzteilevertrieb von VW in Wolfsburg. Andere Teile etwa für das Interieur würden zehn Jahre lang vorgehalten. Ähnliche Fristen nennen auch andere Automobilhersteller: So hält Porsche wie VW die Ausstattungsteile für 10 und die „Fahrbereitschaftsteile“ für 15 Jahre auf Lager, und Pressesprecher Andreas Sauer verspricht für BMW den Nachschub für mindestens 12 Jahre.

Welche Dimensionen die Teileversorgung in der Automobilindustrie annehmen kann, zeigt das Beispiel des Global Logistic Centers von DaimlerChrysler in Germersheim. Das riesige Zentrallager versorgt nach Angaben des Herstellers auf 860 000 Quadratmetern Lager- und Funktionsfläche mehr als 400 Großhändler weltweit, die wiederum die Servicebetriebe beliefern. Insgesamt lagern in Germersheim und den dazugehörigen Außenstandorten rund 400 000 Teile für alle Modelle der Marken Mercedes-Benz, Maybach, Smart, Chrysler und Jeep.

Weitere 90 000 Teile können auf Abruf bestellt werden. Zum Vorrat zählen allein 16 000 verschiedene Schrauben, beinahe 5000 unterschiedliche Kopfstützen und etwa 500 verschiedene Windschutzscheiben. Für den regelmäßigen Nachschub sorgen 2500 Lieferanten, die täglich mehrere Hundert Lastwagen mit neuen Teilen nach Germersheim schicken.

Wie viele Ersatzteile die Hersteller nach dem Ende der Serienproduktion ins Lager nehmen, ermitteln sie mit viel Erfahrung und komplizierten Formeln: „Die Stückzahlen lassen sich über statistische Auswertungen der Ersatz- und Austauschteilverbräuche der davorliegenden Perioden ermitteln“, sagt ein Sprecher von Porsche. VW-Experte Harbusch ergänzt: „Je nach Wirtschaftlichkeit werden in der Nachserienzeit Langzeitmengen und bei Bestsellern wie dem Golf sogar Allzeitmengen festgelegt und eingelagert.“ Dabei plant auch VW mit „komplexen mathemathischen Berechnungsmethoden“, die auf Daten aus der Vergangenheit und den Erfahrungen der Disponenten beruhen.

Werden die Ersatzteile knapp, klingeln im Lager die Alarmglocken. Dann werden laut BMW-Sprecher Wieland Bruch einzelne Chargen neu aufgelegt oder die Teile von Hand gefertigt. Allerdings suchen die Unternehmen dabei oft alternative Lösungen: Statt einen Sitzbezug neu weben zu lassen, bieten sie dem Kunden zum Beispiel einfach vier andere an, die noch auf Lager sind. Für diese Lieferverpflichtung müssen die Fahrzeughersteller allerdings nicht alleine einstehen. Häufig nehmen sie dafür auch ihre Zulieferer mit ins Boot. So organisiert Michael Lutz mit seinen Mitarbeitern den Materialfluss beim Zulieferer Siemens VDO so, dass er auch nach Ende der Serienproduktion mindestens 15 Jahre lang nicht versiegt. Für Zehntausende von Teilen vom Kombiinstrument über das Motorsteuergerät bis zum Airbagsensor haben die Experten des Zulieferers gemeinsam mit dem Hersteller Restmengen festgelegt und die Lager entsprechend bestückt.

„Dabei wandern wir auf einem schmalen Grat“, sagt Lutz: „Wir müssen Fertigungsprozesse aus der früheren Serie aufrechterhalten und die langfristige Versorgung sicherstellen. Eine zu große Reserve treibt die Kosten in die Höhe, und Versorgungslücken können kostspielig werden.“ Nur selten und nur nach unvorhersehbaren Ereignissen müssen deshalb die Experten Engpässe stopfen und in Absprache mit dem Hersteller alte Teile in Spezialprozessen aufarbeiten oder komplett neu herstellen, sagt Lutz.

Solche Verknappungen sind nach Angaben der Hersteller die Ausnahme. In der Regel bleiben stattdessen viele Teile auch nach der zugesicherten Lagerfrist noch verfügbar. Sie werden dann – sehr zur Freude der Besitzer von Klassikern und Youngtimern – nicht entsorgt, sondern an die Oldtimer-Sparte weitergereicht.

Wie gut dort die Ersatzteilversorgung noch ist, hat im vergangenen Jahr die „Mobile Tradition“ von BMW mit einem in leuchtendem Orange lackierten 2002 tii bewiesen. Sein Baujahreintrag im Fahrzeugschein ist mit 1973 eigentlich eine glatte Urkundenfälschung. Zwar wurden die Teile tatsächlich vor 30 Jahren gefertigt. Das Auto selbst aber hat die Klassikerwerkstatt nach Angaben von BMW-Sprecher Bruch erst im Sommer 2005 gebaut. Und zwar aus Teilen, die nahezu vollständig aus dem Ersatzteillager kamen. gms

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