Evangelische Schulen : Viel Raum für existenzielle Fragen

Christliche Werte plus Reformpädagogik: In Deutschland entstehen immer mehr evangelische Schulen.

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„Ich hätte da mal eine Frage…“ In evangelischen Schulen wird viel Wert auf ein gutes Miteinander von Schülern und Lehrkräften gelegt. Mit Erfolg, wie man sieht. Foto: picture alliance/dpa
„Ich hätte da mal eine Frage…“ In evangelischen Schulen wird viel Wert auf ein gutes Miteinander von Schülern und Lehrkräften...Foto: picture alliance / dpa

Während die meisten Pfarrer vollbesetzte Kirchenbänke nur aus der Weihnachtszeit kennen, beginnt vor jedem Schuljahr der Sturm auf die evangelischen Schulen. „Auf jeden Platz kommen bis zu vier Anmeldungen“, sagt Heike Krohn von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Ekbo). Und auch Martin Herold von der Schulstiftung der evangelischen Landeskirche Sachsens bestätigt: „Die Nachfrage ist höher als das Angebot.“

Gleichzeitig steigt die Zahl der Neugründungen. Zwischen 1999 und 2007 sind laut Evangelischer Kirche in Deutschland (EKD) 261 Schulen in evangelischer Trägerschaft gegründet worden; insgesamt waren es 1134 im Jahr 2007. Heute zählt der Arbeitskreis Evangelische Schule (Akes) rund 1300. Das ist viel, vergleicht man die Zahlen mit denen der katholischen Kirche. „In den letzten zehn Jahren ist im Schnitt etwa eine neue katholische Schule in Deutschland dazugekommen,“ sagt Nina Schmedding von der Deutschen Bischofskonferenz. „Einen Gründungs-Boom hat es nach der Wende in den neuen Bundesländern gegeben. Der ist aber nun vorbei.“ Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 900 katholische Schulen in freier Trägerschaft (Stand 2009).

Am deutlichsten stieg die Zahl evangelischer Grundschulen. „Das sind vor allem Gründungen in Ostdeutschland“, sagt Uta Hallwirth von der Wissenschaftlichen Arbeitsstelle Evangelische Schule bei der EKD. Martin Herold von der Schulstiftung in Sachsen glaubt, „dass das durchaus noch etwas mit der DDR-Vergangenheit zu tun hat.“ Die Eltern verspürten den Wunsch, sich selbst einzubringen. Tatsächlich entstehen viele neue evangelische Schulen dank der Initiative engagierter Väter und Mütter.

Martina Radloff hat selbst erwachsene Kinder. Immer wieder aber traf die Steuerberaterin aus dem brandenburgischen Schwedt auf Eltern, die mit den staatlichen Schulen unzufrieden waren. „Einmal begegnete mir ein ganz junges Paar mit einem Neugeborenen“, erinnert sie sich. „Selbst die haben sich schon Gedanken darüber gemacht, auf welche Schule sie ihr Kind einmal schicken sollen.“ Möglicherweise können sie sich nun entspannen. Denn Martina Radloff hat nach vielen solcher Begegnungen die Sache selbst in die Hand genommen: Mit Gleichgesinnten hat die aktive Christin die evangelische Grundschule Schwedt gegründet – innerhalb von 18 Monaten. Träger ist die Schulstiftung der Ekbo. 45 bis maximal 315 Euro monatliches Schulgeld zahlen die Eltern, je nach Einkommen. Wer sich das nicht leisten kann, wird davon befreit. Im August 2010 wurde die Schule eingeweiht und startete zunächst mit einer ersten Klasse. Doch schon bald können es mehr werden. Denn, so Radloff, am besten wachse eine Schule mit den Kindern mit.

Häufig vereinen evangelische Schulen christliche Wertvorstellungen mit reformpädagogischen Ansätzen. Das kommt an bei den Eltern. In Schwedt etwa gibt es kleinere Klassen als an staatlichen Schulen. Die Lehrer orientieren sich häufig an dem Montessori-Gedanken, die Kinder zu eigenständigem Lernen anzuregen. Auch Einzelförderung sei wichtig, sagt Martina Radloff. Außerdem integriert die Schule Kinder mit Behinderung.

Einen weiteren Grund für den Trend zu evangelischen Einrichtungen sieht Uta Hallwirth in der „besonderen Schulkultur“, die ihnen zugeschrieben werde. „Sie beruht vor allem auf einem guten Miteinander von Lehrkräften und Schülern. Nach neueren Untersuchungen scheint dies auch der Realität zu entsprechen.“

In Schwedt sah sich Schulgründerin Martina Radloff nur den Bedenken der Großeltern ausgesetzt. „Die sind eben doch noch sehr durch die DDR geprägt und sehen den Religionsunterricht skeptisch.“ Meistens zerstreuten sich die Zweifel aber schnell, wenn sie erkläre, was Erziehung nach christlichen Wertvorstellungen bedeute.

„Aus einem biblischen Verständnis heraus haben wir den Menschen im Blick“, sagt Martin Herold von der sächsischen Schulstiftung. Und Uta Hallwirth formuliert es so: „Es geht immer darum, jedem Kind und jedem Jugendlichen unabhängig von seiner Leistung Annahme und Wertschätzung zu vermitteln.“

Der christliche Glaube wird im Schulalltag gelebt. „Das bedeutet zum Beispiel, dass der Religionsunterricht verpflichtend ist und dass es Angebote wie Andachten, Morgengebete oder Gottesdienste gibt“, beschreibt Hallwirth. Außerdem fänden Sinn- und existenzielle Fragen im Schulalltag Raum.

In der Schwedter Grundschule wird Wert darauf gelegt, drei gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen, weil der christliche Tag so eingeteilt sei, erklärt Martina Radloff. Das Jahr und die Schulstunden gestalten sich nach dem christlichen Feiertagskalender. Das ist die einzige Bedingung der evangelischen Schulen, die in der Regel auch anderen Konfessionen offen stehen: Solche Strukturen müssen Eltern und Kinder akzeptieren.

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