Fake News : „Eine Gefahr für die Demokratie“

Fake News sind gezielt verbreitete Falschmeldungen. Was dagegen hilft und wie man Schüler sensibilisieren kann – ein Gespräch.

Ein Online-Button, mit dem man Fake News melden kann.
Ein Online-Button, mit dem man Fake News melden kann.Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn/dpa

Frau Kuhla, Sie haben ein Buch über Fake News geschrieben, das sich an Jugendliche richtet und das auch im Unterricht eingesetzt werden kann. Was verstehen Sie unter Fake News?

Fake News sind Falschmeldungen, die wie echte Nachrichten aussehen und sich über die sozialen Medien verbreiten. Im Unterschied zu versehentlichen Falschmeldungen, wie sie im Journalismus auch passieren, werden sie gezielt verfasst und gestreut, meist mit einer politischen Absicht. Der Begriff wird aber – vor allem in den USA – auch als Beleidigung verwendet, um seriöse Journalisten oder Medien zu diffamieren, ähnlich wie bei uns „Lügenpresse“.

Welche Beispiele für Fake News gibt es?

In Deutschland sorgte 2016 der Fall Lisa für Aufsehen: Ein 13-jähriges deutsch- russisches Mädchen war einen Tag lang verschwunden. Als sie wieder auftauchte, erzählte sie, sie sei von „südländischen Männern“ entführt und vergewaltigt worden. Das stimmte nicht – sie hatte die Nacht bei einem Freund verbracht. Doch die falsche Geschichte von der Vergewaltigung wurde in sozialen Medien und russischen Nachrichten verbreitet und führte zu zahlreichen Protesten. Sogar der russische Außenminister schaltete sich ein und warf der deutschen Polizei vor, Fakten zu vertuschen. So sollte wohl Stimmung gegen Flüchtlinge und die Bundesregierung gemacht werden.

Beim sogenannten Pizza-Gate führten Fake News zu einer Schießerei.

Ja, das ist ein Beispiel aus den USA. Im Präsidentschaftswahlkampf wurde das Gerücht verbreitet, Hillary Clintons Team würde im Hinterzimmer einer Pizzeria in Washington einen Kinderpornoring betreiben. Ein Mann aus North Carolina war davon so überzeugt, dass er nach Washington fuhr, in der Pizzeria um sich schoss und rief, er wolle die Kinder befreien. Der wahre Kern des Gerüchts war übrigens, dass Clintons Team in der Pizzeria ein paarmal Essen bestellt hatte.

Was macht Fake News so gefährlich?

Sie sind eine Gefahr für die Demokratie, weil sie das Vertrauen in die Medien aushöhlen, zu Verunsicherung und sogar zur Destabilisierung einer Gesellschaft führen können. Die Medien sind ein wichtiger Ausgleich zu den drei Gewalten im Staat. Sie beobachten Politiker und Institutionen. Wenn den Medien nicht mehr vertraut wird, fehlt eine wichtige Kontrollinstanz zum Beispiel für Regierungen. Und wie man am Pizzagate-Fall sieht, können Fake News auch zu Gewalttaten führen und dazu, dass sich die Stimmung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen oder Einzelpersonen aufheizt.

Wie reagieren Jugendliche auf Fake News?

Die junge Generation hat oft ein sehr gutes Bauchgefühl für die digitale Welt. Jugendliche spüren, wenn da etwas nicht stimmig ist. Als „Digital Natives“ sind sie mit sozialen Medien aufgewachsen, kennen deren Mechanismen. Ältere lassen sich im Digitalen leichter verunsichern. Wenn beispielsweise davor gewarnt wird, einen Kontakt auf Whatsapp anzunehmen, weil damit angeblich ein Computervirus verbreitet werde, wissen Jugendliche eher, dass das technisch so leicht gar nicht geht. Aber Jugendlichen sind häufig die weitergehenden Gefahren von Fake News nicht so bewusst. Wenn das Thema im Unterricht behandelt wird, können also meiner Meinung nach Schüler und Lehrer voneinander lernen.

Jugendliche nutzen Medien anders als ältere Generationen.

Ja, das stimmt. Sie lesen nicht so oft Zeitungen und schauen nicht unbedingt regelmäßig Fernsehnachrichten. Es ist deshalb wichtig, ihnen das nötige Rüstzeug zu geben, um Fake News zu erkennen, und ihnen zu zeigen, wo man seriöse Informationen herbekommt.

Wie kann man Fake News erkennen?

Wenn eine Nachricht unglaublich klingt, sollte man sich als erstes fragen, auf welcher Quelle diese Information beruht. Man kann die Webseite oder den Account dahinter checken und schauen, welche Nachrichten darüber sonst geteilt werden und wer im Impressum steht. Dann empfiehlt es sich, zu überprüfen, ob auch andere Medien über den Fall berichten. Dazu müssen Jugendliche aber erst einmal wissen, welche Zeitungen, Sender und Websites für seriösen Journalismus stehen. Auch die Frage, wem die Verbreitung dieser Meldung nützt, kann hilfreich sein. Meldungen, die man anzweifelt, sollte man nicht weiterverbreiten. Halten sich Gerüchte länger, kann man sich an Faktencheck-Teams wenden, die einige Medien eingerichtet haben.

Zu Ihrem Buch wird Unterrichtsmaterial für die Klassenstufen 8 bis 13 angeboten. Dabei lernen Schüler auch, wie Journalismus funktioniert.

Es ist wichtig, dass Schüler – und auch Erwachsene – verstehen, wie Journalisten arbeiten. Viele wissen nicht, nach welchen Kriterien Journalisten Nachrichten auswählen, wie sie recherchieren und welche Regeln für sie gelten.

Sie kritisieren aber auch, dass die Medien Fehler gemacht haben.

Ja, es gibt eine Glaubwürdigkeitskrise, für die die Medien mitverantwortlich sind. Es ist zwar die Natur einer Nachricht, dass sie eher über das Außergewöhnliche berichtet, aber immer wieder wurden Nachrichten überspitzt. Eine Teilschuld trifft auch die Digitalisierung: Nachrichten wurden im Internet größtenteils kostenlos angeboten. Um mehr Klicks zu erzeugen und so durch Werbung Geld zu verdienen, wurden teilweise reißerische Überschriften und Bilder gewählt. Das hat viele Leser enttäuscht und Misstrauen geweckt. Mittlerweile hat sich aber viel geändert.

Was können Medien gegen den Vertrauensverlust tun?

Transparenz hilft: Journalisten müssen erklären, wie sie arbeiten, und Fehler korrigieren. Viele Leser haben außerdem das Gefühl, dass ihre Alltagsprobleme zu wenig vorkommen – auch das könnten Journalisten stärker berücksichtigen.

Was halten Sie von gesetzlichen Versuchen, gegen Fake News vorzugehen?

Gesetzwidrige Inhalte müssen gelöscht werden. Dafür gibt es bereits Gesetze. Fake News sind aber nicht immer gesetzwidrig. Besser, als sie zu löschen, finde ich den Ansatz, sie von unabhängigen Faktencheckern prüfen und dann mit diesen Anmerkungen stehen zu lassen. Eine Löschung würde nur Verschwörungstheorien Vorschub leisten.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt. Das Buch „Fake News“ von Karoline Kuhla ist im Carlsen-Verlag in der Reihe „Klartext“ erschienen. Auf der Webseite www.carlsen.de können Lehrkräfte Unterrichtsmaterial dazu herunterladen.

Karoline Kuhla, 31, ist Journalistin und hat unter anderem für die Zeit, den Tagesspiegel und den Spiegel geschrieben. Sie arbeitet als Referentin des Chefredakteurs bei der Zeit.

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