Ferienkurs in Berlin-Tegel : Auf der Insel Scharfenberg entdecken Jugendliche ihre Talente

Bei einem Ferienkurs auf der Insel Scharfenberg im Tegeler See entdecken Acht- und Neuntklässler aus Berlin und Brandenburg ihre Stärken und bekommen Rat, wie sie weiter gefördert werden können

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Alles ist möglich. Auf der Insel Scharfenberg lernen Acht- und Neuntklässler aus allen Schultypen, was sie können. Hier üben Mädchen die Breakdance-Figur „Baby Freeze“. Fotos: Christian Mang
Alles ist möglich. Auf der Insel Scharfenberg lernen Acht- und Neuntklässler aus allen Schultypen, was sie können. Hier üben...Foto: Christian Mang

„Acht, neun, zehn“ zählen die Jugendlichen aufgeregt: Der zu zwei Drittel mit Wasser gefüllte Plastikbecher balanciert immer noch auf dem Turm. Allein aus Knete und Holzstäbchen sollten sie im Möbeldesign-Workshop der Talent-Akademie auf der Schulinsel Scharfenberg einen Turm bauen, der möglichst hoch ist, aber auch so stabil, dass er einen Becher mit Wasser tragen kann. Später werden sie in ähnlicher Weise kaputte Stuhlteile mit Mullbinden zu stabilen neuen Sitzgelegenheiten zusammenbauen.

Auf der mit Packpapier bezogenen Tischplatte vor der 14-jährigen Rebecca dokumentieren Skizzen die verschiedenen Konstruktionsstadien. „Das ist bereits das sechste Modell“, erklärt der 15-jährige Niklas, mittlerweile haben sie Stützstreben eingebaut. „Tüv-Test bestanden“, ruft einer der beiden Workshopleiter und gießt Wasser nach bis oben zum Rand. „Achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig“ zählen die Jugendlichen, und die Augen der drei Konstrukteure leuchten, auch noch als der Turm samt Becher schließlich mit einem Platsch zusammenkracht.

Zwei Wochen lang können 48Acht- und Neuntklässler aus Berlin und Brandenburg bei der Talent-Akademie entdecken, was sie gut können und was ihnen Freude macht. Die Akademie wird organisiert von der Stiftung „Bildung & Begabung“, die außerdem in den Ferien deutschlandweit Jugendliche fördert, die von ihren Lehrern als hochbegabt empfohlen werden. Von der Begabtenförderung wurde das Angebot in den vergangenen Jahren um die „Begabungsförderung“ erweitert, sagt Ulrike Leikhof, die in der Stiftung für neue Förderangebote verantwortlich ist. Schüler aus allen Schultypen nehmen dieses Jahr teil. In jedem der vier Projekte werden praktisches und theoretisches Wissen verwoben.

Experimentieren und diskutieren. Eine Schülerin testet, ob ihr Holzstäbchen-Knet-Turm das Wasserglas trägt, andere sprechen über Menschenrechte – alles in der Idylle der Insel.
Experimentieren und diskutieren. Eine Schülerin testet, ob ihr Holzstäbchen-Knet-Turm das Wasserglas trägt, andere sprechen über...Foto: Christian Mang

Im Tanzprojekt lernt man neben der Breakdance-Figur Baby Freeze und verschiedenen Tanzstilen Grundlagen von Bühnenbildgestaltung, Beleuchtung und Emotionsausdruck kennen. Im Projekt Menschenrechte haben die Jugendlichen schon Karten von imaginären Inseln im Berlinischen Ozean entworfen und sich überlegt, welche Rechte dort gelten. Einen Fall polizeilicher Folter haben sie in einem Rollenspiel verhandelt, später werden sie sich überlegen, was man unternehmen kann, um sich für die Geltung von Menschenrechten einzusetzen. Vergangenes Jahr haben Jugendliche einen Knet-Animationsfilm über US-amerikanische Geschichte gedreht.

Die Teamleiter bemühen sich, den Schülern eine umfassende Rückmeldung zu geben, sagt die 27-jährige Leiterin der Talent-Akademie Charlotte Namyslo, für alle Aspekte der Arbeit in der Gruppe. Es gebe aber keine extra Termine für Feedback, da diese schnell als Bewertung empfunden würden. Die Schüler sollen ohne Leistungsdruck arbeiten können. Wichtige Voraussetzung dafür ist die vertrauensvolle Atmosphäre.

Gegen Ende der zwei Wochen wird überlegt, welche Ansprechpartner in der Stadt die Jugendlichen weiter fördern könnten. Wer möchte, kann sich einige Monate nach der Talent-Akademie mit den Veranstaltern ein weiteres Mal treffen, um die Zeit auf der Insel zu reflektieren und zu überlegen, wie es bei der Berufsorientierung weitergehen könnte.

Im Möbeldesign-Projekt lernen die Schüler neben Grundlagen der Statik und des Handwerks die unterschiedlichen Lebenswege von erfolgreichen Designern und Künstlern kennen, sagt Workshopleiter Till Ronacher, während hinter ihm aus einem Laptop Musik läuft. Bei der Talent-Akademie sollen die Jugendlichen ihre Fähigkeiten in einer entspannten Atmosphäre erproben. Deshalb wählen die Veranstalter die Insel Scharfenberg im Tegeler See. Sie wird zur Schulzeit von einem Internat genutzt und ist mit Fähre und Ruderboot zu erreichen. Auf dem Schulgelände grasen Ponys, auf dem See ziehen Segelboote vorbei. Die Workshops sind kostenlos, die Anfahrt müssen die Jugendlichen selbst bezahlen. Wer mitmachen möchte, muss sich bewerben und erklären und begründen, welche Kurse er wählen möchte. Bis auf zwei Jugendliche konnten alle Bewerber an der Talent-Akademie teilnehmen.

Foto: Christian Mang

Die 15-jährige Asya aus Pankow möchte neue Tanzschritte lernen und sich an der Gitarre und am Klavier ausprobieren. Ein Musiker zeigt Schülern neue Instrumente, um gemeinsam zu musizieren. Nachmittags sollen sich die Jugendlichen selbst Workshops ausdenken. In den vergangenen Jahren wurden Kurse in Persisch, Fußball, Backen und Bollywood-Tanz angeboten. Diesen Sommer hängt schon eine Annonce für „Jazz-Dance“ an der Tafel in der Mensa. Viele Schüler seien am Anfang noch schüchtern und hätten gar keine Idee, was sie anbieten sollen, erzählt Ulrike Leikhof. Im Laufe der Tage ändere sich das aber, die Schüler fassten Vertrauen, so dass am Ende fast alle selbst in die Rolle der Vermittler schlüpfen.

Foto: Christian Mang

Rebecca aus dem Design-Projekt weiß schon, dass sie Rudern vorschlagen möchte. Die 15-jährige Susannah denkt ans Malen am See und Sandburgen-Bauen. Niklas ist noch nicht ganz überzeugt, was er für einen Workshop anbieten könne. Dazu habe er keine Lust, sagt er, während er Holzstäbchen an den Turm ansetzt. Vor 15 und 20 anderen, das könne auch stressig werden. „Aber mal sehen“, fügt er dann nach einer kurzen Pause hinzu, so als sei das noch nicht das letzte Wort.

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