Festival in Cannes : Viel Licht, kaum Spektakel

Stereotype Bilder, stereotype Figuren: In seinem Debüt "Adieu Gary" misslingt es dem französischen Regisseur Nassim Amaouche, das Problem einer zerfallenden Gemeinschaft im Stil eines Westerns zu verfilmen.

Julia Parizo,Moritz Kobler
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Französischer Cowboy. Regisseur Nassim Amaouche erzählt von den Bewohnern einer fast verlassenen Kleinstadt. -Foto: promo

Normalerweise würden Sie an dieser Stelle die ausgeschmückte und möglichst mitreißende Beschreibung einer prägenden Szene finden. Vielleicht würde es auch ein tiefgründiges Zitat tun. Doch mit keinem von beiden kann „Adieu Gary“ dienen. Zwar ist die Geschichte einer französischen Kleinstadt und der Probleme ihrer Bewohner recht unterhaltsam, sie hinterlässt jedoch keinen bleibenden Eindruck.

Man sieht das Ende eines Tunnels. Hell leuchtet es dem Zuschauer entgegen. Es wird größer, kommt näher. Die Kamera folgt der Fahrt eines Autos – es fährt auf Schienen, dem hellen Schein entgegen. Der französische Regisseur Nassim Amaouche beginnt seinen Film mit diesem doch sehr ausgeschöpften Symbol der Hoffnung auf einen Ausweg, auf Entkommen. Der ganze Film arbeitet mit ähnlichen Klischees: Da gibt es den Fall von Francis, einem arabischen Immigranten, der seinen Arbeitsplatz in einer Fabrik verloren hat. José, ein dicker Junge aus der Nachbarschaft, sitzt tagein, tagaus am Straßenrand und wartet verzweifelt auf die Rückkehr seines verschollenen Vaters, den er für den Westernhelden Gary Cooper hält. Ähnlich stereotyp wird die Liebesgeschichte zwischen Francis' Sohn Samir und der Kleinstadtschönheit Nejma beschrieben. Diese emanzipierte junge Araberin muss natürlich, wie sollte es anders sein, nach Paris umziehen – der lächerliche Satz ihres Drogen verkaufenden kleinwüchsigen Bruders à la „Du musst sie gehen lassen“ verleitet den Zuschauer dazu, sich verzweifelt an die Stirn zu fassen.

Einer der Lichtblicke, die den Besucher aus dem Dunkel führen, ist die traditionelle arabische Lauten-Musik, die eindrucksvoll Szenen verbindet und die Handlung belebt. Außerdem versprühen manche Szenen Funken, witzige Handlungselemente, die das Publikum zum Schmunzeln bringen, jedoch schnell wieder erlöschen. Die ungewöhnliche Idee des Regisseurs, das Problem einer zerfallenden Gemeinschaft im Stil eines Westerns zu verfilmen, ist im Grunde gut, die Umsetzung gelingt jedoch nur schlecht. „Adieu Gary“ – allzuschwer fällt der Abschied jedenfalls nicht.

"Adieu Gary", Frankreich 2009. 75 Minuten, auf Französisch. Regie und Drehbuch: Nassim Amaouche, Kamera: Samuel Collardey, Ton: Dana Farzanehpour, Schnitt: Julien Lacheray, Ausstattung: Dan Bevan, Musik: Le Trio Joubran. Besetzung: Jean-Pierre Bacri, Dominique Reymond, Yasmine Belmadi, Mhamed Arezki, Alexandre Bonnin, Sabrina Ouazani, Hab-Eddine Sebiane.

Link: www.semainedelacritique.com

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