Film : Der Abstieg ist nah, der Aufstieg auch

Ist Schule heutzutage nur noch Horror? Dieser Frage ging die ARD nach und begleitete vier Schüler der Moabiter Heinrich-von Stephan-Schule durch den Alltag. Den Zuschauern öffnet sich eine neue Perspektive auf das Leben von jungen Berlinern.

Thomas Loy

Oleg ist ein lieber Kerl mit Wuschelhaar und unkontrollierbaren Kreativschüben, der beste Grimassenschneider seiner Klasse und Schlagzeuger in einer Band. Oleg sagt, er ziehe das Chaos magisch an, deshalb läuft es in der Schule gerade nicht so gut. Im dritten Teil des Films über die 7 III der Heinrich-von-Stephan-Oberschule in Moabit erfährt Oleg, dass er „abgestiegen“ ist, aus der Liga der Realschüler in die zweite, die der Hauptschüler. Aber es ist ja noch Zeit, „da kann noch viel passieren“. Das ist der Titel des Films, der vor Ostern in der ARD läuft. Ein Mutmacher-Titel. Nicht nur für Oleg.

Filme über Hauptschulen nähren üblicherweise das schlechte Image dieser Schulform: Aggressive Kinder, die den Unterricht sabotieren, verzweifelte Lehrer, die innerlich kapituliert haben, Eltern, die das Erziehen anderen überlassen. Regisseur Calle Overweg, versierter Dokufilmer, wollte das Genre des Hauptschulkrimis offenbar in eine neue Richtung lenken. Er ging in eine Schule, die ihre schlimmste Zeit längst hinter sich hat. 2003 bekam die Heinrich-von-Stephan-Schule für ihre Förderkonzepte und Praktika-Programme die Theodor-Heuss-Medaille. Seit Herbst nimmt sie am Berliner Pilotprojekt „Gemeinschaftsschule“ teil.

Der Film schlägt sich auf die Seite der Jugendlichen. Ausschnitthaft wird das Schulleben von vier Protagonisten begleitet, die bisher vor allem gelernt haben, an sich zu zweifeln. Die Kamera dringt in sehr private Sphären ein, beobachtet Eltern- und Lehrergespräche, fährt mit den Jugendlichen nach Hause und – im Fall von Nadine – sogar bis ans Grab der Oma. Sehr deutlich werden die Lebens- und Lernbedingungen veranschaulicht, ohne ins Voyeurhafte abzudriften oder im Stil der Supernanny ein gescheitertes Familienleben zu sezieren.

Der Zuschauer erfährt, dass sich Paul mit seinem Vater, einem US-Soldaten, kaum verständigen kann, dass Nadine keine Ruhe findet, um ihre Hausaufgaben zu machen, dass Oleg „ADS“ hat, aber keine Lust, Tabletten zu nehmen. Overweg ermahnt niemanden, er zeigt nur, dass Schule und Familienleben für die Jugendlichen eine Einheit bilden.

Die Hauptfiguren Nadine, Oleg, Paul und Mustafa erhalten vom Regisseur einen robusten Sympathiebonus. Er räumt ihnen das Privileg ein, Gesagtes und Geschehenes aus dem Off zu kommentieren, ihre (Frust-)Gedanken loszuwerden, die sie im realen Erleben eher verschweigen, aus Eigenschutz, aus Scham, oder um niemanden zu verletzen. Eltern und Lehrer haben dieses Privileg nicht.

Schulleiter Jens Großpietsch findet den Film gelungen, distanziert sich aber gleichzeitig, wenn er sagt, er zeige nicht die Schule oder den Unterricht. Wenn die Kamera Unterrichtsszenen wiedergebe, dann „eher die ‚Folterinstrumente’ als das, was wir (die Lehrer) schön finden“.

Mit Foltern meint er wohl Zensuren, Elterngespräche oder die traurige Nachricht vom Abstieg in die zweite Liga. Dieses System einer gemeinsamen Klasse aus Hauptschülern, die auf- und Realschülern, die absteigen können, hinterlässt einen seltsamen Eindruck.

Niemand scheint hier sicher zu sein. Nach jedem Schulhalbjahr wird neu entschieden, nach Leistung und Verhalten. So wie im Film würden sie es heute nicht mehr machen, sagen die beteiligten Lehrer Andreas Hanika und Imke Degenhardt. Auch sie haben aus diesem „Experiment“ gelernt. „Uns wurde ein Spiegel vorgehalten“, sagt Hanika, der schnell entschied, das Filmprojekt zu unterstützen. Seine Kollegin, gerade neu an der Schule, war skeptischer, findet den Film und das, was er bewirkt hat, aus der Rückschau aber „genial“. Auch, weil sie viel über das familiäre Umfeld einiger Schüler erfahren hat.

Als unpassend empfinden die Lehrer, nun in der Rolle der unbeteiligten Zuschauer, vor allem eine Szene: Einige Schüler werden nach vorne gerufen und bekommen Blumen in die Hand gedrückt. Sie sind in die Realschulliga aufgestiegen. Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack – aber Schwamm drüber. Die Heinrich-von-Stephan ist jetzt Gemeinschaftsschule, und Präfixe wie Real- oder Haupt- sind abgeschafft. Auch kommen jetzt zu den haupt- und realschulempfohlenen die gymnasial eingestuften Grundschulabgänger. Alle werden proportional auf die Klassenzüge aufgeteilt.

Die 7 III ist inzwischen die 9 III, aber als „Filmklasse“ immer noch eine besondere, sagen die Lehrer. „Der Film hat die Klasse und uns noch stärker zusammengeschweißt“, sagt Hanika. Lehrer und Schüler begegneten sich auf einer neuen Ebene, als Beteiligte am Filmset. In mehr als 100 Unterrichtsstunden schaute die Kamera zu. Die Lehrer wurden mit einem versteckten Mikro verkabelt.

Und die Jugendlichen? Sind inzwischen 15 Jahr alt. Oleg skatet und trägt Zahnspange, Mustafa hat den Stimmbruch hinter sich und spielt nicht mehr Playstation, sondern X-Box. Sein Vater dränge immer noch auf gute Zensuren. Paul will Koch werden. Nadine sagt, sie sei „offener“ geworden durch den Film. Sie sagt völlig natürlich zum Abschied: „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

Alle vier haben wieder oder immer noch Hauptschulstatus und quittieren das mit einem Schulterzucken. Nein, nicht die Schule sei daran schuld, nur sie allein, sagen Nadine und Oleg. Sie wollen trotzdem nach der Neunten weitermachen.

Inzwischen sind ihre kleineren Geschwister auf der Schule. Auch sie summen manchmal den „Lernkartei“-Rap, das musikalische Sahnehäubchen des Films mit Oleg als Leadsänger. Übrigens sucht Schlagzeuger Oleg eine neue Band.

„Da kann noch viel passieren“,

ARD, Teil 1: 10. April, 8 Uhr 55, Teil 2: 9 Uhr 25, Teil 3: 11. April, 10 Uhr 30.

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