Filmkritik : Blick in die Leere

Leben unter Strommasten: "Lost Persons Area" der belgischen Regisseurin Caroline Strubbe zeichnet das Bild einer ungewöhnlichen Gemeinschaft.

Nora Heidorn,Moritz Kobler
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Unter Spannung. Der Film "Lost Persons Area" vermittelt das Gefühl von Isolation, Monotonie und unkontrollierter Freiheit. -Foto: promo

Ein kleines Mädchen steht einsam unter dem endlosen Himmel. Ein großer Mann hebt sie auf, sammelt sie ein, bringt sie nach Hause.

Weites, flaches Land, hochragende Strommasten und zerrissene Wolken – Diese „Lost Persons Area“ vermittelt das Gefühl von Isolation, Monotonie und unkontrollierter Freiheit – Voraussetzung für eine einzigartige Stimmung und eine bizarr einfühlsame Geschichte. Eine zwischen nah und weit kontrastierende Kameraeinstellung unterstreicht das Spiel von Nähe und Distanz zwischen den Figuren.

Die belgische Regisseurin und Drehbuchautorin Caroline Strubbe zeichnet in ihrem Langfilmdebüt das Bild einer zusammengewürfelten Gruppe von Menschen, eine Parallelgesellschaft, die Herr über dieses Land ist: Es sind die Männer, die diese Strommasten bauen. Sie halten zusammen, sind eine starke Gemeinschaft, die für die meisten von ihnen die Familie ersetzt. Da gibt es Tessa, das kleine Mädchen, das gedankenverloren in der Dämmerung auf ihren Vater wartet. Ihre Mutter, einzige Frau in dieser Gemeinschaft, genießt einerseits ihre Freiheit, sehnt sich jedoch andererseits nach einem geregelten Familienleben.

In dieser Gesellschaft werden die Menschen so akzeptiert, wie sie sind: Die beinah autistisch wirkende Tessa, die statt zur Schule zu gehen, Knochen, Steine und Zigarettenstummel sammelt, um sie am Strand zu Mustern anzuordnen; der ungarische Gastarbeiter Szlablocs, ein zurückhaltender Beobachter, der sich bereits bei seiner Ankunft in die Frau seines Chefs verliebt. Die Frage nach Normalität wird hier nicht gestellt – denn was ist schon normal?

Die Harmonie wird durch einen Sturz aus gefährlicher Höhe erschüttert. Nach dem Arbeitsunfall fehlen mit einem Schlag der Chef der Männer und Vater der Familie. Dem Film gelingt es mit Hilfe einer subjektiven Kameraführung, dem Zuschauer fremde Situationen näherzubringen und ihn emotional zu berühren.

Ein kleines Mädchen steht unter dem wolkenverhangenen Himmel. Ein gebrochener Mann schafft es nicht sie aufzuheben, sie einzusammeln, lässt sie zurück.

"Lost Persons Area", Belgien 2009. 109 Minuten, auf Flämisch, Englisch und Ugarisch. Regie und Drehbuch: Caroline Strubbe, Kamera: Nicolas Karakatsanis, Ton: Frederic Demolder & Julie Brenta & Benoit Biral & Franco Piscopo, Schnitt: Frederic Fichefet, Ausstattung: Igor Gabriel, Musik: Albert Markos. Besetzung: Lisbeth Gruwez, Sam Louwyck, Kimke Desart, Zoltan Miklos Hajdu, Rik Van Uffelen, Frans De Jong, Ine Pieters, Vincenzo Cardia.

Link: www.semainedelacritique.com

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